Porträt
Alter Jüdischer Friedhof in Prag
Franz Kafka war Teil einer jüdischen, ans Deutschtum assimilierten Gesellschaft. Wie eng seine Bindungen an dieses gesellschaftliche Milieu waren, betont der Kafka-Forscher Hartmut Binder: "Er ist eigentlich in Prag mit Nicht-Juden nur im Büro zusammen gekommen. Im Büro, also in der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt", gab es außer ihm kaum Juden. Aber sonst waren die Freunde im großen und ganzen jüdisch und die Verwandtschaft natürlich auch."
In einem Gespräch mit seinem Jugendfreund Gustav Janouch beschrieb Kafka sein ambivalentes Verhältnis zum jüdischen Prag auf charakteristische Weise: "In uns leben noch immer die dunklen Winkel, geheimnisvollen Gänge, blinden Fenster, schmutzigen Höfe, lärmenden Kneipen und verschlossenen Gasthäuser. Wir gehen durch die breiten Straßen der neuerbauten Stadt. Doch unsere Schritte und Blicke sind unsicher. Innerlich zittern wir noch so wie in den alten Gassen des Elends. Unser Herz weiß noch nichts von der durchgeführten Assanation. Die ungesunde alte Judenstadt in uns ist viel wirklicher als die hygienische neue Stadt um uns. Wachend gehen wir durch einen Traum: selbst nur ein Spuk vergangener Zeiten." (Gustav Janouch: Gespräche mit Kafka. Frankfurt am Main 1951, S. 42)
"Um dieselbe Zeit begannen in Prag bereits die etwas älteren Autoren, die ziemlich bald nachher meine Freunde werden sollten, Franz Werfel, Franz Kafka, der etwas älter war, und Max Brod weithin bemerkbar zu werden." Im Radio-Bremen-Gespräch von 1963 hat Johannes Urzidil auf die herausragende Rolle der deutschsprachigen Literatur im Prag des frühen 20. Jahrhunderts und ihrer Protagonisten hingewiesen:
"Die Weltbedeutung Kafkas, der mir später ebenso nahe stand wie Werfel, ist ja überall bekannt. Er hat die weiteste und allgemeinste und noch heute überall fühlbare Weltgeltung erlangt. Aus Prag sind sehr bedeutende Erscheinungen der modernen deutschen Literatur hervorgegangen. Wir spürten gleichzeitig, dass von unsern Leuten, von Rilke zunächst und dann von Werfel und von Kafka eine neue Phase, ein neues Leben der Literatur anbrechen werde."
Hartmut Binder über Franz Kafka und das literarische Prag, [3:21]
Johannes Urzidil über Kafka und die Prager Literaten, [3:26]
Heute kann man sich kaum noch vorstellen, wie lebendig die Szene der deutschsprachigen Literatur vor dem Zweiten Weltkrieg in Prag gewesen ist.
Dazu der Literaturwissenschaftler Hartmut Binder: "Es gab zwei deutsche Theater, es gab Kabaretts, die er sehr gern besucht hat. Es gibt natürlich auch die beiden deutschen Zeitungen 'Prager Tagblatt' und 'Bohemia'. Dort gab es Tagesfeuilletons und eine Wochenendbeilage mit Literatur. Und in beiden Zeitungen hat Kafka selber auch veröffentlicht."
Inzwischen ist diese glanzvolle Epoche längst Geschichte geworden. Aber noch immer sind die Spuren, die die großen deutschsprachigen Autoren in Prag hinterlassen haben unübersehbar. An sie erinnert seit 2004 das "Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren". Gründerin war die Schriftstellerin Lenka Reinerová (1916-2008), die in ihrem Todesjahr in einem Radio-Bremen-Interview die Ziele des Literaturhauses erläutert hat: "Es gab im Jahre 1968 im Laufe des so genannten "Prager Frühlings" eine Gruppe von Intellektuellen, die der Ansicht waren, man müsste gerade diese Literatur versuchen etwas zu beleben. Und da wollte man eigentlich ursprünglich ein Museum dieser Autoren schaffen. Daraus ist dann natürlich nichts geworden, nachdem die Verhältnisse anders wurden. Es kam die neue Invasion. Und als die vorbei war habe ich feststellen müssen, dass aus dieser ersten Gruppe eigentlich niemand mehr übrig geblieben ist außer mir. Und da habe ich mir in den Kopf gesetzt, ich werde versuchen, diese Idee neu zu beleben. Nicht als Museum. Weil ein Museum ist etwas Zurückblickendes. Sondern als eine Überbrückung der inzwischen leider entstandenen Zwiespalte, um nicht zu sagen bis zu einem gewissen Grad Feindschaften zwischen uns und den in Deutschland lebenden ehemaligen Bürgern dieser Republik."
Lenka Reinerová über das Prager Literaturhaus, [4:06]
Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren
Hinweisschild im Neuen Jüdischen Friedhof in Prag
Ein Nekrolog
Am 3. Juni 1924 starb Franz Kafka, der schon länger an Tuberkulose erkrankt war, kurz vor seinem 41. Geburtstag, in einem Sanatorium in Kierling bei Wien . Am 11. Juni 1924 wurde er von seinen Freunden und Familienmitgliedern auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Prag zu Grabe getragen. Der anrührendste Nekrolog über den Menschen und Schriftsteller Franz Kafka stammt von Milena Jesenská, seiner ehemaligen Geliebten:
"Er war scheu, ängstlich, sanft und gut, doch die Bücher, die er schrieb, sind grausam und schmerzhaft. Er sah die Welt voll unsichtbarer Dämonen, die den schutzlosen Menschen zerreißen und vernichten. Er war zu hellsichtig, zu weise, um leben zu können, zu schwach, um zu kämpfen, schwach wie es edle, schöne Menschen sind, die sich nicht darauf verstehen, den Kampf mit ihrer Angst vor Unverständnis, Ungüte, intellektueller Lüge aufzunehmen, daß sie im voraus um ihre Hilflosigkeit wissen und im Unterliegen den Sieger beschämen. Alle seine Bücher schildern das Grauen geheimnisvollen Unverständnisses, unverschuldeter Schuld unter den Menschen. Er war ein Künstler und Mensch von derart feinfühligem Gewissen, daß er auch dorthin hörte, wo andere, taub, sich in Sicherheit wähnten." (Milena Jesenská: Nekrolog auf Franz Kafka, in: Franz Kafka: Briefe an Milena. S. Fischer Verlag 1991, S. 379 ff.)
S. Fischer Verlag: Franz Kafka
Franz Kafka - Ein Projekt der Universität Bonn
Franz Kafka
![Franz Kafka [Quelle: gemeinfrei] Franz Kafka [Quelle: gemeinfrei]](/kultur/kafka104_v-mediateaser.jpg)
Nur wenige Schriftsteller werden so nachhaltig mit einer Stadt identifiziert wie Franz Kafka mit Prag. Fast sein gesamtes Leben hat sich hier abgespielt und in seinem Werk hat die Stadt unübersehbare Spuren hinterlassen.
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