Porträt: Wilhelm Kaisen
In den Fünfziger Jahren entstand die "Gartenstadt Vahr", von 1957 bis 1962 die "Neue Vahr" mit 10.000 Wohnungen für 40.000 Menschen. Eine moderne Satellitenstadt, die urbanes Leben in einer funktional geplanten Parklandschaft bieten wollte. Die Neue Vahr war ein Meilenstein in der Geschichte des sozialen Wohnungsbaus der Nachkriegszeit und ein wichtiger Beitrag zur Sozialpolitik. Bei der Grundsteinlegung im Jahr 1957 sagte Wilhelm Kaisen:
"Dieser Gedanke, diese Stadt entstehen zu lassen, ist nicht das Vorhaben einzelner Privatpersonen, um für sich eine Wohnung oder ein Wohnhaus zu bauen, sondern der Gedanke, hier ein so großes umfassendes Wohnbauprogramm durchzuführen entstammt der Idee der großen Hilfsgemeinschaft und der Schicksalsverbundenheit in Folge der Katastrophe, die zehntausende und aber zehntausende von Familien um Heimat und Heim gebracht hat. Schicksalsverbunden mit ihnen zu sein, um durch eine umfassende Maßnahme so bald wie möglich und vor allen Dingen auch so praktisch wie möglich ihnen zu einem Heim zu verhelfen, das kommt im Stil, in der Anlage dieses großen Bauvorhabens zum Ausdruck. Und das ist etwas, was mich innerlich tief bewegt."
Wilhelm Kaisen bei der Grundsteinleung der Neuen Vahr 1957, [7:45]
Die Neue Vahr in Bremen
Bei den Wahlen 1955 blieb die SPD stärkste Partei. Sie erhielt fast 50 Prozent der Stimmen und eine Mehrheit der Mandate. Dennoch hielt Wilhelm Kaisen an seiner Linie der Partnerschaft von Arbeiter- und Kaufmannschaft fest. Im Senat waren CDU- und FDP-Mitglieder vertreten.
Bei der Bürgerschaftswahl 1959, die auf Wilhelm Kaisen zugeschnitten war, erreichte die SPD über 50 Prozent der Stimmen. Der Versuch, neben der FDP auch die CDU in den neuen Senat zu holen, scheiterte an überzogenen Forderungen der Konservativen in Bonn.
Die Bürgerschaft, die in den ersten Nachkriegsjahren zunächst ein Anhängsel des Senats gewesen war, verlangte größeren politischen Einfluss, so dass Kaisens rigide Haushaltspolitik zu Beginn der 60er Jahre zu parteiinternen Auseinandersetzungen führte. Zwar war mit dem Aushub der geplanten Neustädter Häfen begonnen worden, aber weitere Mittel machte Kaisen von der Haushaltslage abhängig. Als der Konkurs der Borgward-Automobilwerke drohte, musste er gegen besseres Wissen Bürgschaften des Landes in Höhe von 50 Millionen Mark zustimmen, von denen nur 5 Millionen zurückflossen.
Die starke Ausrichtung Konrad Adenauers auf Frankreich und Charles de Gaulle stieß bei Wilhelm Kaisen auf Unverständnis. Er sah darin eine Schwächung der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Auch aus diesem Grund reiste er im Herbst 1962 für mehrere Wochen in die Vereinigten Staaten, um für einen gemeinsamen Markt zu werben.
Konrad Adenauer über Wilhelm Kaisen 1957, [1:03]
Wilhelm Kaisen eröffnet am 22. Dezember 1960 die Große Weserbrücke.
Rede von Wilhelm Kaisen bei der Einweihung der Großen Weserbrücke, [5:10]
Mit Erfolg warb die SPD 1963 mit neuen Hafenanlagen, Schulen, Jugendheimen, Schwimmbädern und dem Neubauviertel Neue Vahr. Auch ohne ihren Bürgermeister werbewirksam in den Vordergrund zu stellen, erreichte die SPD über 50 Prozent der Stimmen. In seiner letzten Regierungserklärung stand ein weiteres Mal die Hafenpolitik im Vordergrund: "Vorrang haben zunächst die Hafenanlagen und ihr weiterer Ausbau. Hier hat der schnelle Wechsel der Konjunktur auch die Lage der Häfen beeinflusst. Wir sind von Überlastungsperioden unserer Häfen nie verschont geblieben. Aber nie zuvor war eine solche Überbeanspruchung der Anlagen zu verzeichnen wie in den letzten Monaten. Die Rückwirkung auf die Pläne der Hafenverwaltung blieb nicht aus. Ferner ist eine Übereinstimmung darüber erzielt, dass sich auch private Firmen unter bestimmten Bedingungen an dem Bau von Schuppen und Umschlageinrichtungen beteiligen können. Ist das nun eine Bewährungsprobe für die Privaten, die immer darauf drängten, eigene Anlagen zu bekommen?"
Wilhelm Kaisen auf dem Weg ins Bremer Rathaus
Den Bau einer Universität begrüßte Kaisen – aber auch in diesem Fall mit dem Hinweis, dass die Haushaltsmittel nicht ausreichend wären. Er versuchte Gelder des Bundes und der Länder einzuwerben. Zwar gelang ihm eine Mischfinanzierung – aber der für 1965 vorgesehene Baubeginn verzögerte sich. Die Bremer Universität eröffnete ihren Lehrbetrieb erst im Wintersemester 1971/72.
Ende 1964 wurde eine neue Stadthalle eingeweiht und wenige Monate später, in der Mitte der Legislaturperiode, übergab Wilhelm Kaisen sein Amt an den bisherigen Bildungssenator Willy Dehnkamp. Von dessen Senat verabschiedete er sich mit den Worten: "Nun spitzt man eure Bleistifte schön."
Wilhelm Kaisens letzter Arbeitstag 1965, [6:34]
Wilhelm Kaisen hatte in der 20-jährigen Amtszeit als Senatspräsident seinen Wohnsitz in Borgfeld nie aufgegeben. 1955 war die Scheune hochgezogen worden. Die Rindviecher (ein Ochse hieß "Theodor" in Erinnerung an Theodor Heuss' Besuch 1952 ) hatten einen eigenen Stall, der Wohnbereich wurde erweitert. Kaisen kehrte zu der Tätigkeit zurück, die während der Zeit des Nationalsozialismus das Überleben gesichert hatte, und zog wieder als Landwirt auf seine Siedlerstelle, um seine "alten Hosen aufzutragen", Holz zu hacken, Gemüse, Kartoffeln und Getreide anzubauen und Nutztiere zu halten. Bei Jubiläen von Partei und Gewerkschaften war er ein gern gesehener und gehörter Redner.
Helmut Schmidt über Wilhelm Kaisen 1977, [2:56]
Wilhelm Kaisen starb am 19. Dezember 1979. Sein Leichnam wurde im Rathaus aufgebahrt, damit sich die Bremer Bevölkerung von ihm verabschieden konnte.
Wenige Monate vor seinem Tod hatte Kaisen sein letztes Interview für Radio Bremen gegeben. An seinem letzten Arbeitstag im Rathaus zog er eine Bilanz seiner Arbeit: "Zufriedenheit ist eine Zier doch weiter kommt man ohne ihr. Ich bin froh, dass das so ist, wie es jetzt ist, weil ich das nicht vorausgesehen habe. Aber ich bin mir auch völlig drüber klar, dass noch vieles fehlt. Wir haben geschafft, was zu schaffen war. Für den Anfang sehr viel. Ich kann das in aller Bescheidenheit trotzdem aussprechen. Ob aber unsere Kinder und Kindeskinder mit dem, was wir erreicht haben, zufrieden sind – das ist eine Frage, die an diese Generationen die da kommen gerichtet ist."
Gegenstände aus dem persönlichen Besitz Wilhelm Kaisens
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![Wilhelm Kaisen mit seiner Frau [Quelle: Radio Bremen] Wilhelm Kaisen mit seiner Frau [Quelle: Radio Bremen]](/kultur/wilhelm-kaisen108_v-mediateaser.jpg)
Die Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gestellt, das Andenken an das Wirken und die Leistungen von Wilhelm Kaisen und seiner Ehefrau Helene für die Freie Hansestadt Bremen und für deren Bürger und Bürgerinnen für die Nachwelt zu sichern.
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