Berühmte Lehrerin
Mehr Lob geht kaum: "Ah, wissen Sie, diese Frau ist einmalig. Wenn man sie historisch bewerten will, so gehört Rosa Luxemburg zu den großen Frauengestalten der Geschichte". So redet ein eher konservativer Sozialdemokrat über eine kommunistische Säulenheilige. So redet Wilhelm Kaisen, erster Nachkriegsbürgermeister und in Bremen selbst eine Legende, über seine Lehrerin.
Zwischen 1906 und dem Weltkriegsbeginn 1914 dürfen Jahr für Jahr rund 30 Nachwuchstalente der SPD die Parteischule in Berlin besuchen. Darunter 1912 eine gewisse Helene Schweida aus Bremen und der Hamburger Stukkateur Wilhelm Kaisen - was der Beginn einer noch etwas verschämten Liebesgeschichte ist. 1916 heiraten die beiden. Die Ehe hält 57 Jahre, bis zu Helenes Tod. Jetzt, 1912, hören sie gemeinsam Vorlesungen über Nationalökonomie - von Rosa Luxemburg.
Jahrzehnte später gibt Kaisen Auskunft über seine berühmte Lehrerin, die wenig später die SPD verlässt, die kommunistische Partei mit begründet, die Revolution wagt und von rechten Freikorps-Soldaten viehisch erschlagen wird. Kaisen spricht von ihr voller Respekt und Hochachtung, auch wenn er ihren Weg für falsch hält:
"Jaja, sie war ehrlich, aufrecht und sauber, aber, wie gesagt, sie konnte hassen. Und dieser Hass beschränkte sich nicht nur auf ihre Gegner auf der bürgerlichen Seite, sondern der Hass entstand auch schließlich in den Reihen, aus denen sie gekommen war, der Sozialdemokratie". Kaisen zeichnet das Bild einer Frau, die beseelt ist vom Glauben an die Befreiung der Arbeiterklasse - und so enttäuscht, dass diese vom Weltkrieg ausgepowerten Arbeiter eben nicht aus den Schützengräben direkt auf die Barrikaden wechseln.
"Die sich zu ihr bekannten, das waren nur ganz wenige", sagt Kaisen. Wohl auch, weil Luxemburg kaum einem Streit aus dem Wege geht. 1913 diskutieren Emigranten in Berlin, was nach einer möglichen Revolution in Russland zu tun wäre. "Da sprang einer auf. Ein kleiner unscheinbarer Mann mit Reisemütze. 'Es gibt nur eine Lösung: Die Diktatur des Proletariats'. Das war Lenin. Damals unbekannt", berichtet Kaisen in dem bislang unveröffentlichten Gespräch.
In den 1970er Jahren ist die schwedische Journalistin Ingegerd Lundgren nach Bremen gereist, um Kaisen in dessen Bauernhaus zur Lehrerin Luxemburg zu befragen. Ab und an hört man die Borgfelder Kaffeetassen klappern. Die Interviewkassette wanderte über Lundgrens Bremer Freundin Thamen Köhler und Helmut Hafner, einem Mitarbeiter im Bremer Rathaus, zu Radio Bremen. Wir freuen uns, das komplette Tondokument nun öffentlich machen zu können. Das Interview öffnet ein Fenster in eine beinahe vergessene linke Geschichte; der Inhalt macht die mäßige Tonqualität mehr als wett.
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![Wilhelm Kaisen mit seiner Frau [Quelle: Radio Bremen] Wilhelm Kaisen mit seiner Frau [Quelle: Radio Bremen]](/kultur/wilhelm-kaisen108_v-mediateaser.jpg)
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