Porträt: Wilhelm Kaisen
Am 27. April 1945 war der Zweite Weltkrieg auch in Bremen beendet. Britische Truppen besetzten die schwer zerstörte Stadt. Bald danach kamen Bremen und Bremerhaven unter amerikanische Verwaltung, weil die US-Armee einen Nachschubhafen für Truppen und Güter in Deutschland benötigten. Die beiden Städte bildeten eine amerikanische Enklave innerhalb des englischen Besatzungsgebietes in Norddeutschland. Am 1. August 1945 wurde Wilhelm Kaisen zum Bürgermeister und Präsidenten des Senats ernannt.
Wilhelm Kaisen bei der Trümmerbeseitigung in Bremen 1946, [0:59]
Mitte des Jahres 1945 lockerten die Amerikaner die ersten Restriktionen: Der Fischfang in der Weser konnte wieder aufgenommen werden, ab Februar 1946 durfte das Passagierschiff "Delphin" des Norddeutschen Lloyds im Liniendienst zwischen Bremen und Bremerhaven verkehren.
Wilhelm Kaisen Neujahrsrede 1950, [1:15]
Zum ersten Mal seit 1933 trat wieder die Bürgerschaft zusammen. Das von der US-amerikanischen Militärregierung ernannte Gremium eröffnete seine erste Sitzung am 17. April 1946 mit einer von Trauer und Zuversicht geprägten Rede des Bürgermeister Wilhelm Kaisen im Schwurgerichtssaal des Bremer Gerichtshauses.
Wilhelm Kaisens Eröffnungsrede der Bremischen Bürgerschaft 1946, [20:27]
Nach der ersten freien Bürgerschaftswahl am 13. Oktober 1946 und der Wahl des Senats im November wurde Wilhelm Kaisen Bürgermeister und Präsident des Senats. Sein vorrangiges politisches Ziel war die Rückgewinnung der Souveränität Bremens, um damit die Selbstverwaltung der bremischen Häfen zu erreichen. Ein Angebot der Amerikaner, Teile Norddeutschlands dem Städtestaat zuzuschlagen, lehnte er ab.
Nach den Wahlen im Februar 1948 wurde der neue Senat für die Wahlperiode bis 1951 vereidigt und Wilhelm Kaisen als Senatspräsident und Bürgermeister bestätigt. Vier Monate später führten die Westzonen die Währungsreform ein. Kaisen setzte sich mit aller Kraft für die Gründung eines aus den Westzonen zu bildenden, deutschen Teilstaates ein. In monatelangen Debatten konnten sich die Politiker des Parlamentarischen Rates in Bonn, nicht auf den Begriff "Verfassung" einigen. Der Durchbruch kam, als Kaisen vorschlug, das geplante Regelwerk nicht Verfassung, sondern Grundgesetz zu nennen. Es trat am 23. Mai 1949 in Kraft – die Bundesrepublik Deutschland war gegründet.
Wilhelm Kaisen suchte sehr früh den Schulterschluss mit dem Westen. Er sah die Sowjetunion als Bedrohung an. Die Berlin-Blockade von 1948 untermauerte seine Haltung. Noch fünfzehn Jahre später sagte er bei einer Rekrutenvereidigung: "Die Waffen in den Händen der Soldaten der Bundeswehr dienen der Verteidigung und der Abwehr eines Angriffs von außen auf die Bundesrepublik. Zur Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit unter den Völkern gehört die Fähigkeit, jeden bewaffneten Angriff abzuwehren. Das ist die Aufgabe der Bundeswehr im Rahmen der europäischen Verteidigungsorganisation und des Atlantikpaktes."
1949 wurde die Nato gegründet. 1952 folgte die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG), von der sich Wilhelm Kaisen die internationale Anerkennung der Bundesrepublik versprach.
Damit stand er im Widerspruch zu seiner Partei, die militärische Bündnisse mit dem Westen grundsätzlich ablehnte, um die Wiedervereinigung Deutschlands nicht zu gefährden. Die parteiinterne Auseinandersetzung führte zu seiner Absetzung als Vorsitzender des Parteirates.
Wiederaufbau der Wirtschaft
Erst mit Beginn des Korea-Krieges im Jahr 1951 hoben die USA die Beschränkungen für den Schiffbau auf. Die Freigabe führte zu einem starken Aufschwung der bremischen Werftindustrie bis Ende der Fünfziger Jahre.
Wilhelm Kaisen war bei seinem Amtsantritt 1945 bereits 58 Jahre alt. Eine großväterlich-patriarchalische Erscheinung im dunklen Dreiteiler mit goldener Uhrkette und Zigarre in der Hand. Betriebsfeiern im Rathaus mied er. Für das Mittagsessen ließ er sich nach Hause fahren. Er wurde längst nicht mehr als Landespolitiker, sondern als Landesvater gesehen, der für jeden ein offenes Ohr zu haben schien. Bürger versuchten, den Bürgermeister auf den Rathausfluren abzufangen, um ihre Probleme zu schildern. Andere kamen zu seinem Wohnsitz in Bremen-Borgfeld, um Kaisens Frau um Hilfe zu bitten.
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![Wilhelm Kaisen mit seiner Frau [Quelle: Radio Bremen] Wilhelm Kaisen mit seiner Frau [Quelle: Radio Bremen]](/kultur/wilhelm-kaisen108_v-mediateaser.jpg)
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