Porträt
Günter Kunert in seinem Haus in Karlsborstel
Günter Kunert ist der schriftstellerische Einzelgänger par excellence und ein leidenschaftlicher Sammler von "Nachrichten aus Ambivalencia" (wie einer seiner doppelsinnigen Buchtitel lautet), dessen unkonventionell vielseitiges Werk einzig dasteht in der deutschen Literaturgeschichte nach 1945. Zu seinem Achtzigsten haben Michael Augustin und Walter Weber mit dem Jubilar über sein Leben und sein Werk gesprochen. Außerdem lassen sie Weggefährten und Kollegen zu Wort kommen, die Günter Kunert in besonderer Weise verbunden sind wie Hans Bender, Wolf Biermann, F.C. Delius, Björn Engholm, Ralph Giordano, Ulla Hahn, Uwe Kolbe und Michael Krüger.
Der Dichter öffnet seinen Mund,
uns mitzuteilen, was gesund
und einfach wäre: Das Lavieren.
Ach, Brecht, wir wollen uns nicht zieren
Und sagen: Dabei kommt nichts raus.
Nicht Fisch noch Fleisch – so geht das aus.
Und kostet auch noch Selbstvertrauen:
Deshalb auf keinen Dichter bauen!
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Hanser-Verlages, München)
Den wohlfeilen Selbstgewissheiten der Poeten hat Günter Kunert stets misstraut. Dafür kennt er sich einfach zu gut aus im schwierigen Geschäft des Dichtens. Das beherrscht er allerdings – nach sechzig produktiven Schriftstellerjahren – so vorzüglich wie wenig andere. Für ihn ist das Schreiben so unentbehrlich geworden wie die Luft zum Atmen und zum organischen Bestandteil des alltäglichen Lebens. Oder wie Kunert selbst es auf unnachahmliche Weise formuliert: "Es ist eine ständige Beschäftigung mit der Welt, den Umständen, mit der eigenen Person, mit Literatur, mit Lesestoffen – was sozusagen in mein Netz gerät. Ich sitze also am Schreibtisch wie eine Spinne und manchmal fängt sich in diesem Netz etwas und das puppe ich dann sprachlich ein und sauge es genüsslich aus. Und davon lebe ich sozusagen geistig."
Günter Kunerts singulärer Rang als Lyriker und Essayist in der deutschen Gegenwartsliteratur ist unbestritten. Als Meister der kleinen Formen ist ihm sein Platz im Dichterolymp sicher. Wolf Biermann, ein alter Freund aus guten und schlechten Tagen, bringt seine Wertschätzung auf eine einprägsame Formel: "Er ist von den Dichtern, die heute in Deutschland leben, einer von den drei bedeutenden Dichtern. Der Kunert hat eben sowohl im Osten als auch im Westen großartige Gedichte geschrieben. Was übrigens auch ein Gottesbeweis dafür ist, dass wir nicht davon abhängig waren, die Feinde in der DDR zu haben, um daraus Funken zu schlagen und daraus ein gutes Gedicht zu machen. Also, dass wir vielleicht nur wegen der Feindschaft zu diesem reaktionären rot getünchten Pack von den Musen geküsst wurden."
Beneidenswert an Günter Kunert ist die verblüffende Vielseitigkeit und Kontinuität seiner literarischen Produktion. Kaum noch zu überschauen die große Zahl der Gedichte, Erzählungen, Kinderbücher, Hörspiele, Filmskripts, Essays usw. usw. Keiner weiß diese unglaubliche Schaffenskraft mehr zu schätzen als Michael Krüger, der Leiter des Münchner Hanser-Verlages, in dem Kunerts Bücher seit 1963 erscheinen. Er sagt über seinen Freund und Hausautor: "Es ist ja doch selten, daß jemand so ungebrochen weiterschreibt, obwohl er sehr bewusst alle Brutalitäten des 20. Jahrhunderts erfahren hat. Das alles zu meistern und dabei eigentlich immer ein freundlicher Mensch geblieben zu sein, den man ja selten irgendwie verbittert sieht, trotz seiner inneren Verbitterungen. Aber solange ich ihn kenne, hat sich an dieser prinzipiellen Freude am Produzieren nie was geändert."
Michael Krüger, Leiter des Hanser-Verlages, Foto: Hanser Verlag, München
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