Porträt
Am 13. November 1976 gibt Wolf Biermann auf Einladung der IG Metall ein Konzert in der Kölner Sporthalle. Für die Mächtigen der DDR eine scheinbar ideale Gelegenheit, ihren bekanntesten Dissidenten loszuwerden. Drei Tage später wird Biermann offiziell ausgebürgert. Eine Nacht-und-Nebel-Aktion, die allerdings weit reichende Folgen hat. Bereits am 17. November 1976 treffen sich in der Wohnung von Stephan Hermlin namhafte Schriftsteller wie Stefan Heym, Christa Wolf und Günter Kunert, um einen Protest-Brief gegen die Ausbürgerung Biermanns zu formulieren. Dem Protest schließen sich rasch zahlreiche Prominente aus dem Kulturleben der DDR an. Das Regime beantwortet die Protestwelle mit Sanktionen. Günter Kunert wird 1977 aus der SED ausgeschlossen und zunehmend in eine Außenseiterposition gedrängt. Als Konsequenz beantragt das Ehepaar ein Langzeitvisum zum Verlassen der DDR – inklusive Rückkehrerlaubnis. Mit Sack und Pack und sieben Katzen im Auto verlassen die Kunerts am 19. Oktober 1979 die DDR. Anfangs haben sie vor, sich in Holland anzusiedeln, entscheiden sich dann aber für den kleinen Ort Kaisborstel bei Itzehoe in Schleswig-Holstein, wo sie das ehemalige Dorfschulhaus beziehen.
Der Bildkünstler Günter Kunert vor einem seiner Selbstporträts
Seit dreißig Jahren lebt der Ur-Berliner Günter Kunert bereits in Kaisborstel, in der tiefsten holsteinischen Provinz. Und wer ihn dort einmal besucht hat, der weiß, wie sehr dieser Ort konveniert mit der Befindlichkeit eines "kreuzfidelen Pessimystikers", als den ihn Wolf Biermann einmal bezeichnet hat. Kunerts Verleger Michael Krüger weiß noch einen anderen Grund für das Wohlbefinden seines Autors in Kaisborstel: "Man muss dazu sagen, dass Kunert oder Kunibert, wie ich immer sage, natürlich ein reines ‚Steinkind’ war, ein Stadtkind. Die Stadt ist natürlich das beste Überwachungssystem. Auf diesem Land, da wo er jetzt wohnt, muss der Feind schon unterirdisch angreifen, denn wenn er übers Feld kommt – ganz egal ob von Norden, Süden, Westen oder Osten – wird er schon von weitem gesehen und Kunert kann sein Luftgewehr in Anschlag bringen und die Warnschüsse abgeben. Der Feind hat’s bei ihm jetzt schwerer."
Auf jeden Fall hat Günter Kunerts Schaffensdrang in Kaisborstel nie gelitten. Und das Schreiben dürfte auch im neunten Lebensjahrzehnt seine große Leidenschaft bleiben, ganz so wie es Kunert seit sechzig Jahren gewohnt ist: "Ich schreibe ja – wie ich manchmal auch nach Lesungen sage – nicht für den Leser, was dann große Verwunderung im Saale erzeugt und auch Murren und Unwillen und ich muss dann erklären, warum schreibe ich überhaupt. Ja, ich schreibe eigentlich, weil ich … schreibe. Und weil ich sonst eigentlich keine anderen Lebensmöglichkeiten in einem nichtmateriellen Sinne habe. Schreiben ist bei mir wirklich identisch mit dem Leben."
Rindiges Holz, Haltestelle für Eichelhäher,
ein Pärchen unzertrennlich
alle Jahre wieder. Die Ornithologie
ist mir fremd wie die Ontologie.
Auge zu sein meine einzige Gabe.
Im Zittern der Blätter
erkenne ich meine Ängste.
Im reglosen Stein mein Wesen.
In der schorfigen Erde mein Alter.
Unverständlich die fernen Stimmen
der Automobile, ihre eintönige
Sprache. Ein einsamer Trecker
rasselt erbarmungslos
über den Acker. Planiert
die kleinen Hügel, die bekunden
geheimes Dasein, das blind ist
wie jegliches. Ansonsten
ist das Landleben gemütlich.
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Hanser-Verlages, München)
"Ein Leben ohne Katze ist eigentlich kein Leben. Ich kann nur sagen: Katzen sind auch nur Menschen und haben ja große Ähnlichkeiten mit uns Säugetieren. Und darüber kann man sich ja auch gut mit ihnen verständigen. Und ich muss sagen, also ne Katze gehört ins Bett. Sie muss doch bei einem liegen natürlich und ein bisschen schnurren oder wenn man sich umdreht, dann dreht sie sich auch um oder liegt an den Füßen oder sie spielt ein bisschen mit einem – wir spielen ja nicht mit den Katzen, die spielen ja mit uns. Es ist ja ohnehin so, dass die Katzen dominieren und man ist eigentlich ja eher ein Sklave der Katze."
Damals haben wir noch gelebt,
als das leben umsonst war, kostenlos,
leichtsinnvoll und leichtfüßig
bis der Preis genannt wurde: später
als die Knochen zu bröckeln anfingen
und die Zähne mitsamt
den lustigen Liedern den Mund verließen.
Nun ist die Hand erstarrt
auf dem Wege zum Löffel. Nun
wachsen die Beine durch die Bohlen
ins Erdreich, das du nicht siehst,
geblendet vom bunten Geflimmer
aus Übergestern.
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Hanser-Verlages, München)
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Fotos: Günter Kunert und Walter Weber
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