Porträt
Im Juni 1900, gut ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft in Paris, kehrte Paula Modersohn-Becker nach Worpswede zurück. Doch nichts sollte mehr so sein, wie es zuvor war. Der Pariser Aufenthalt hatte ihren Blick verändert, das Leben in der europäischen Kulturmetropole hatte sie elektrisiert, die Sehnsucht nach Paris, Paris als Möglichkeit, als Lebensbedürfnis sollte sie fortan bewegen und stärken.
Mehrmals kehrte sie in den folgenden Jahren dorthin zurück. Das produktive Wechselspiel zwischen Paris und Worpswede wurde zum Kennzeichen ihres Lebens und ihres künstlerischen Werdegangs. Am 2. Juli 1900 notierte Paula in ihr Tagebuch:
"Ich wohne jetzt bei Brünjes in Ostendorf, schön in der Stille. Da versuche ich alles Eitle, was die Großstadt mit sich brachte, abzustreifen und einen wahren Menschen und eine feinfühlige Seele und eine Frau aus mir zu machen."
Daniela Platz über Paula Modersohn-Beckers Worpsweder Atelier, [1:24]
Die Künstlerin hatte in ihrem Worpsweder Atelier im Haus des Bauern Brünjes eine neue Wirkungsstätte gefunden, in der zahlreiche Bilder entstanden sind. Und auch ihr privates Leben nahm eine neue Wendung. Es entwickelte sich ein intensives freundschaftliches Verhältnis zu Rainer Maria Rilke, der zeitweilig in Heinrich Vogelers Barkenhoff in Worpswede lebte.
Über die eigentümliche Atmosphäre dieses so genannten "Lilienateliers" schrieb Rilke in seinem Tagebuch: "Dann war ich im Lilienatelier. Tee erwartete mich. Eine gute und reiche Gemeinsamkeit in Gespräch und Schweigen. Es wurde wundersam Abend; wovon die Worte gingen: von Tolstoj, vom Tode, vom Leben und von der Schönheit in allem Erleben, vom Sterbenkönnen und Sterbenwollen, von der Ewigkeit und warum wir uns Ewigem verwandt fühlen. Von so vielem, das über die Stunde hinausreicht und über uns. Alles wurde geheimnisvoll. Die Uhr schlug eine viel zu große Stunde und ging ganz laut zwischen unseren Gesprächen umher. – Ihr Haar war von florentinischem Golde. Ihre Stimme hatte Falten wie Seide. Ich sah sie nie so zart und schlank in ihrer weißen Mädchenhaftigkeit."
Martha Vogeler über Rilke in Worpswede, [1:08]
Noch enger als zu Rilke wurde die Beziehung zum Worpsweder Malerkolleten Otto Modersohn, den sie am 25. Mai 1901 heiratete. Der damals 36-jährige Otto Modersohn, Witwer und Vater einer kleinen Tochter aus erster Ehe, schöpfte wieder neuen Lebensmut und schrieb über seine junge Ehegattin:
"O welches Glück ist es doch für mich, daß ich meine Paula gefunden, ein nicht hoch genug zu schätzendes Glück für mich. Gerade so ein Mädchen thut mir noth. (…) Paula ist ein reifes, reiches Mädchen mit hundert Interessen, wahren, wirklichen höheren Bedürfnissen, mit frischem lebensfrohen Sinn. Wie oft ist mir bei ihr, als wüchsen mir Flügel, als würde ich erleichtert, alles belebt sich bei mir, wird so leicht und fröhlich."
Zur gleichen Zeit wurden auch zwei Ehen von Freunden geschlossen: Heinrich Vogeler heiratete Martha Schröder und Rainer Maria Rilke verband sich mit Clara Westhoff. Die Ehe von Paula und Otto Modersohn war zunächst gekennzeichnet von intensiver künstlerischer Zusammenarbeit, die sich wieder lockerte als Paula zum zweiten Mal nach Paris reiste.
Paula Modersohn-Becker, [6:01]
Ausschnitt aus einem Dokumentarbericht von Jürgen Breest (1976).
Jardin du Luxembourg in Paris: Hier ging Paula oft spazieren.
Im Februar und März des Jahres 1903 kehrte Paula Becker-Modersohn nach Paris zurück. Abermals ein Aufenthalt, der von intensiven künstlerischen Impulsen gekennzeichnet war. Sie machte die Bekanntschaft von Auguste Rodin und entdeckte im Louvre die Kunst der Ägypter, über die sie in ihrem Tagebuch notiert: "Die große Einfachheit der Form ist etwas Wunderbares." Besonders beeindruckt war sie von ägyptischen Mumienporträts, in denen sie eine Seelenverwandtschaft zu ihrem eigenen Werk erkannte.
In den Jahren 1905 und 1906 reiste Paula Modersohn-Becker noch zweimal nach Paris. Aufenthalte, in denen sie unter anderem die Kunst Gauguins und van Goghs kennen lernte und intensiv an bedeutenden Spätwerken arbeitete. In ihrem letzten Pariser Atelier an der Avenue du Maine entstanden ihr berühmtes Porträt von Rainer Maria Rilke, die großen Mutter-Kind-Kompositionen und eines ihrer bemerkenswertesten Bilder, das heute im Bremer "Paula Modersohn-Becker-Museum" hängt: ihr Selbstporträt in Gestalt eines "Halbakts", die erste Darstellung dieser Art in der Kunstgeschichte überhaupt.
Ein Wendepunkt ihres Lebens bahnte sich 1906 in Paris an, als sie beschloss, sich von Otto Modersohn zu trennen. Am 3. September schrieb sie ihm:
"Gieb mich frei, Otto! Ich mag Dich nicht zum Manne haben. Ich mag es nicht. Ergieb Dich drein. Foltere Dich nicht länger. Versuche mit der Vergangenheit abzuschließen." Im Herbst des gleichen Jahres kam es nach ihrer Rückkehr nach Worpswede allerdings überraschend wieder zur Aussöhnung. Am 17. November teilte sie der Freundin Clara Westhoff-Rilke mit:
"Ich werde in mein früheres Leben zurückkehren mit einigen Änderungen. (...) Ich habe diesen Sommer gemerkt, daß ich nicht die Frau bin alleine zu stehn. Außer den ewigen Geldsorgen würde mich gerade meine Freiheit verlocken von mir abzukommen. Und ich möchte so gerne dahin gelangen, etwas zu schaffen, was ich selbst bin. Ob ich schneidg handle, darüber kann uns erst die Zukunft aufklären. Die Hauptsache ist: Stille für die Arbeit, und die habe ich auf die Dauer an der Seite Otto Modersohns am meisten."
Der große Bruch, der endgültige Abschied von Worpswede, die Trennung von Otto – all das war nun kein Thema mehr. Die Entscheidung für Worpswede war gefallen. Im Frühjahr 1907 wurde Paula schwanger. Am 2. November brachte sie ihre Tochter Mathilde zur Welt. Nur gut zwei Wochen überlebte die junge Mutter die Geburt ihres einzigen Kindes. Am 20. November 1907 starb Paula Modersohn-Becker an einer Embolie.
Über ihr Ende schrieb Clara Westhoff-Rilke: "Paula hatte die Erlaubnis aufzustehen und bereitete sich glücklich darauf vor. An das Fußende ihres Bettes ließ sie einen großen Spiegel stellen und kämmte davor ihre schönen Haare, flocht sie zu Zöpfen und machte sich eine Krone daraus. Sie steckte sich Rosen an, die man ihr geschickt hatte, und ging dann, als Mann und Bruder sie stützen wollten, leicht vor ihnen her ins andere Zimmer, wo die Lichter angezündet waren, der Kronleuchter, ein Barockengel mit einem Lichterkranz um den Leib, und viele andere Kerzen. Da bat sie, man möchte ihr auch das Kind bringen, und als es bei ihr war, sagte sie: "Nun ist es fast so schön wie Weihnachten." Dann musste sie plötzlich ihren Fuß hochlegen – und als man ihr zu Hilfe kam, sagte sie nur: 'Schade'."
Herbstlaub umrankt Bernhard Hoetger's Steinskulptur "Sterbende Mutter mit Kind" auf dem Grab der Malerin Paula Modersohn-Becker im Künstlerdorf Worpswede (Kreis Osterholz).
Mit meinen Augen - Die Selbstbildnisse der Paula Modersohn-Becker, [26:12]
In dieser Dokumentation stehen die Selbstporträts von Paula Modersohn-Becker im Mittelpunkt.
125. Geburtstag Paula Modersohn-Becker, [4:16]
Paula Modersohn-Becker: Stationen einer Malerin von Welt
![Paula Modersohn-Becker [Quelle: Radio Bremen, Walter Weber] Paula Modersohn-Becker [Quelle: Radio Bremen, Walter Weber]](/kultur/portraets/modersohn-becker/paula102_v-mediateaser.jpg)
Paula Modersohn-Becker war eine der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus. In den knapp vierzehn Jahren, in denen sie künstlerisch tätig war, schuf sie 750 Gemälde, etwa 1.000 Zeichnungen und 13 Radierungen, die die bedeutendsten Aspekte der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in sich vereinen.
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