Franz Radziwill
Franz Radziwill gelingt es, erste Bilder zu verkaufen – ein Kunststück in der wirtschaftlich chaotischen Inflationszeit, in der ein Ei in der letzten Woche eine Million kostete und heute das Doppelte. Zwei Gemälde gehen an einen japanischen Kunstliebhaber, und der zahlt mit US-Dollars! Zum ersten Mal in seinem Leben kann Franz Radziwill sich etwas leisten. Er will sich ein Nest bauen. "Und da fragte ich Schmidt-Rottluff: "Wo könnte man denn jetzt mal hingehen im Sommer?" Ich würde gerne mich da irgendwo sesshaft machen." Die Antwort des Künstlerfreundes kam prompt: Dangast! Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Max Pechstein hatten bereits vor dem ersten Weltkrieg einige Sommer am Jadebusen verlebt und sich von der Landschaft am Meer zu Aquarellen, Zeichnungen und Gemälden anregen lassen. Zeitweise war das kleine oldenburgische Kurbad Dangast die offizielle Postadresse der Künstlergemeinschaft "Die Brücke". Franz Radziwill beherzigt den Ratschlag des Kollegen. Bereut hat er das nie.
"Kein Bild von mir ist ohne Dangast möglich", pflegt er später zu sagen. "Hier habe ich einen Himmel, der stündlich, oft von Minute zu Minute, einem anderen Licht ausgesetzt ist, und ich sehe die seltsamsten Wolkenbildungen. Ich habe das Meer und den Wechsel der Gezeiten. Gegen Nordwesten ist der Horizont aufgeraut durch die Kräne und Helgen von Wilhelmshaven. Flugzeuge sausen hoch über mich hin, und an Wintertagen geistert das Nordlicht am Himmel. Aber auch die kleine Welt der Schiffer mit ihren Booten und Netzen, die Welt der Bauern gab mir Anregungen. Ich habe die Marschenebene vor Augen und zugleich welliges Land mit schönen alten Bäumen und Architekturen. Ein Spaziergang über den Deich, schon das Hinaustreten aus meinem Hause kann eine Welt von Erinnerungsbildern in Bewegung setzen." Die Übersiedlung nach Dangast ist eine Heimkehr. Der Kreis schließt sich früh. Strohausen, Radziwills Geburtsort, ist nur eine Stunde mit dem Fahrrad entfernt: "Das Haus hatte ich ja schon 1922, das war ein altes Fischerhaus, das Dach war nicht mehr heil, keine Mauer stand damals so drin, wie sie heute drin steht ..."
Gemälde von Franz Radziwill in der Kunsthalle Emden. Rechts: "Das rote und das blaue Boot im Schnee, 1935".
Als Franz Radziwill das baufällige Fischerhaus erwirbt, steht er noch in der expressiven Tradition der ersten Dangaster Maler, der "Brücke". Aber schon kurz nach seiner Übersiedelung an den Jadebusen steckt er tief in einer künstlerischen Krise: "Und dann habe ich von 1923 bis Ende 23 überhaupt nicht mehr gemalt, weil ich der Meinung war, dass diese Art der Malerei so brüchig ist, dass wohl die Malerei hat aufgehört zu existieren. Erst auf einem Spaziergang, den ich am Ende des Jahres 1923 machte, vorher hatte ich mich in dieser Zeit dann mit der Dichtkunst beschäftigt und auch einige Gedichte geschrieben, stellte ich fest, dass das größte Wunder eben doch die Wirklichkeit sei, und als ich dann das weite Land vom Deich in Dangast sah und das Meer, da hab ich mir gesagt: 'So etwas sollte man nicht mehr malen können?' Und damit war für mich eine neue Aufgabe gestellt."
Den alten Stil, den Berliner Expressionismus, verwirft Radziwill jetzt. Innerhalb weniger Monate ändert er seine künstlerische Handschrift von Grund auf. Er ruft die Dinge zur Ordnung. Er zwingt sie unter die Perspektive. Er treibt ihnen das Tanzen aus. Er schlägt sie in den Bann. Beflügelt kehrt Radziwill von einem längeren Besuch in den Niederlanden zurück, wo er in den Museen die großen Holländer, vor allem Rembrandt studiert. In Holland, sagte er später, habe er entdeckt, was Malerei überhaupt sei: "Und dass das Wesentliche der Malerei verloren gegangen ist, weil überhaupt nur Malerei oder das Bild nur von der Darstellung aus betrachtet wurde, das heißt, vom Motiv, und nicht mehr von der Meisterschaft des Handwerklichen, des Malens."
Der neue Radziwill malt fortan – schwärmen seine Kritiker – "altmeisterlich". Will sagen: Er gibt Landschaften, Gegenständen und Porträts die Anmutung der Wirklichkeit zurück. Und Radziwill ist nicht der einzige. Jüngere Maler wie Alexander Kanoldt, Georg Schrimpf, Rudolf Schlichter und Christian Schad entdecken den Zauber präzise wiedergegebener Gegenständlichkeit, die bisweilen in surreale Extreme umschlägt. Eine Entwicklung, die nach den Abenteuern des jungen 20. Jahrhunderts mit Abstraktion, Konstruktivismus und Expressionismus kaum jemand erwartet hätte. Gustav Hartlaub, der aus Bremen stammende Direktor der Mannheimer Kunsthalle, bezeichnete die neue Strömung 1925 als "neue Sachlichkeit".
1927 legen Hamburger Kaufleute, die Radziwills Talent schätzen, zusammen, um ihrem Schützling einen mehrmonatigen Studienaufenthalt in Dresden zu spendieren. In der Gemäldegalerie im Zwinger lernt Radziwill Hauptwerke der deutschen Romantik kennen, vor allem Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus. Die Begegnung mit der Malerei des 19. Jahrhunderts liefert entscheidende Anregungen für Radziwills Landschaftsbilder. In Dresden trifft er aber auch auf den Maler Otto Dix: "Dix kannte ich ja schon von Berlin her, Dix hatte in Dresden ja einen Lehrauftrag an der Dresdner Akademie, Dix hatte einen großen Anhang, er war ja damals schon ein bekannter Maler, der wusste, wie man zu leben hatte, wenn man populär werden sollte."
Radziwill freundet sich mit Dix an, und der stellt ihm ein Atelier zur Verfügung. Als Gegenleistung bittet Dix Radziwill, ihn porträtieren zu dürfen. Das Ergebnis ist schockierend: Franz Radziwill gerät bei Otto Dix zum Deppen, zum einfältigen täppischen Zeitgenossen, den Dix zudem mit einer Reißschiene, dem Werkzeug der Bauzeichner, darstellt. Genau dieses Bild zeigen die Nationalsozialisten zehn Jahre später in ihrer berüchtigten Ausstellung als Paradebeispiel für "Entartete Kunst".
Franz Radziwill ist gut bekannt, oft sogar befreundet, mit den politisch links stehenden, sozialkritischen Künstlern der Weimarer Republik wie George Grosz und Otto Dix, auch Bertolt Brecht kennt er persönlich. Radziwill schließt sich sogar der revolutionären "Novembergruppe" an. Seine Dresdner Freunde ziehen ihn, den eher Unpolitischen, in ihre Aktionen hinein. Die Not der Arbeiterinnen und Arbeiter, die Sorgen der Erwerbslosen in den Warteschlangen der Stempelstellen lassen Franz Radziwill nicht kalt. Aber seine Malerei bleibt davon seltsam unberührt. Anklagende, sozialrevolutionäre Bilder hat Franz Radziwill nie gemalt. Er lässt sich verführen.
Franz Radziwill
Franz Radziwill (1895-1983) ist einer der großen Einzelgänger in der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Der in Bremen aufgewachsene Maler ließ sich zunächst vom Expressionismus der "Brücke" anregen und entwickelte in den zwanziger Jahren seine eigene Bildsprache, den "magischen Realismus".
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