Franz Radziwill
"Mit den Nationalsozialisten bin ich erst sehr spät in Berührung gekommen, aber auch wegen der Arbeitslosigkeit hauptsächlich. Keiner sollte mehr wie 1000 Mark im Monat verdienen, 'Weichung der Zinsknechtschaft', Abschaffung der Warenhäuser, das waren für mich Forderungen in diesem Programm, die ich in meinem ganzen Leben eigentlich gewünscht habe." Diese Formulierungen legen nahe, dass Radziwill das so genannte "25-Punkte-Programm" der NSDAP kannte. Darin wird dem "jüdisch-materialistischen Geist" der Kampf angesagt und Ausgrenzung, Entrechtung und Abschiebung der Juden explizit gefordert: "Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist (...). Kein Jude kann daher Volksgenosse sein."
Franz Radziwill gehört zu den unmittelbaren Nutznießern der Machtergreifung. An der Düsseldorfer Akademie verjagt man 1933 Paul Klee, auf dessen Lehrstuhl wird Franz Radziwill berufen. Wenige Wochen zuvor ist er der NSDAP beigetreten. In seinen späten Jahren erweckt der Maler den Eindruck, der überraschende Karrieresprung für den in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen lebenden, frei schaffenden Künstler sei ganz ohne sein Zutun geschehen: "Ich wurde durch den Nationalsozialismus an die Düsseldorfer Akademie 1933 berufen, aber nur mit der Begründung, dass man meinte, ich wäre also einer ihrer Maler. Die mich beriefen, das waren aber andere, die nachher auch vom Nationalsozialismus auf die Straße gesetzt wurden."
Wer so argumentiert, will sich freisprechen: Ich, Radziwill, habe mich um den Professorenposten nicht gerissen. Diejenigen, die mich berufen haben, waren selber gar keine richtigen Nazis, denn sie wurden nach kurzer Zeit selber abserviert.
Nur zwei Jahre kann sich Radziwill auf der Düsseldorfer Professorenstelle halten. Dann wird ihm sein expressionistisches Frühwerk zum Verhängnis: Studenten haben "frühe Radziwills" entdeckt und hohen NS-Kulturpolitikern zugespielt:
"1935 wurde ich dann von der Akademie entlassen, und zwar mit der Begründung, dass ich wegen politischer Unsicherheit oder Nicht-Tragfähigkeit entlassen werden musste. Weil ich schon merkte, wohin der ganze Laden laufen würde, da wusste ich, dass meine Bilder mit dem Nationalsozialismus nicht zu vereinbaren sind. Ich weiß überhaupt nicht, wie weit ein Bild politisch tragbar sein kann oder nicht tragbar sein kann. Denn das liegt ja doch in einem ganz anderen Raum als in dem politischen Raum. Gut, ich wurde entlassen, ohne dass man da viel Federlesens draus machte, sondern konnte meinen Krempel packen und wohin zurückkehren? Gott sei Dank nach Dangast." Auf einer Postkarte an seinem Freund Wilhelm Niemeyer gewinnt er dem Rauswurf positive Seiten ab: "Meine Düsseldorfer Zeit war die grausamste meines Lebens. Jetzt bin ich wieder frei und kann ganz in der Malerei leben. Um meinen Posten trauere ich nicht, sondern um die vergebliche Arbeit und Mühe."
Es hat nach 1945 nicht an Versuchen gemangelt, Radziwills Dangaster Jahre während des Nationalsozialismus als eine bittere Epoche der "inneren Emigration" zu kennzeichnen, ihn gar als Exponenten eines "anderen Widerstands" zu nobilitieren. Das ist wenig überzeugend. Radziwill war im "Dritten Reich" kein Verfolgter. Er malte für Sammler, hatte einflussreiche Gönner unter den Marineoffizieren im nahen Wilhelmshaven, die den Künstler zu lustigen Seereisen auf ihre Panzerschiffe einluden.
Im Radio-Bremen-Interview von 1970 lässt Radziwill die Jahre zwischen 1935 und Kriegsbeginn Revue passieren: "Ich habe gemalt, aber ich wurde auch alle Vierteljahr, oft auch noch dazwischen, alle Monate, kontrolliert. Aber Sie werden auch mit Recht jetzt fragen: Wovon haben Sie gelebt? Unter Hitler, der sich ja selber als 'Künstler' fühlte, in Anführungsstrichen, wurde ja die Kunst so hochgespielt, dass selbst jeder Bürger da mitmachte, und so waren wir Verfemte, fielen für uns die Brosamen von den reichen Tischen der Kunst, die der Staat ja unter Hitler damals ausstreute. Es ging gar nicht mal 'so gerade', es ging sogar gut."
Radziwill erlebt ein Wechselbad von Diffamierung und Anerkennung. 51 seiner Werke werden aus öffentlichen Sammlungen entfernt, 1937 werden drei seiner frühen Arbeiten in der Berliner Variante der berüchtigten Ausstellung "Entartete Kunst" an den Pranger gestellt. Er scheint als Künstler aus dem Verkehr gezogen zu sein. Andererseits wird das Ausstellungsverbot keinesfalls konsequent überwacht. 1938 zeigt die Kunsthalle Bremerhaven sogar eine Einzelausstellung mit Werken Radziwills.
Zu Radziwills Erfolgen trägt wohl auch sein Talent bei, Freundschaften zu den wichtigen Leuten im NS-Machtapparat zu pflegen, zum Beispiel zum Oldenburger Gauleiter Carl Röver. Während Röver für den Bremer Historiker Herbert Schwarzwälder ein Kulturbanause der primitivsten Sorte war, erinnert sich Radziwill 1979 des rüpelhaft auftretenden, selbstherrlichen Provinz-Despoten als eines kunstverständigen Retters in großer Not:
"Carl Röver machte einen Tag eine Ausstellung im Augusteum: 'Oldenburgische Maler'. Diese Bilder von mir, das waren drei Bilder, die den Krieg darstellten, denn das wagte ja keiner. Als die Bilder von mir nun hingen, da kam der Kulturdezernent der Partei in Oldenburg, um die Ausstellung abzunehmen, und dann hat er gesagt: 'Alle Bilder von Radziwill in' Keller!' Das waren im Ganzen, glaube ich, vier Bilder, und zwar große Bilder, und die verschwanden dann im Keller. Und als Carl Röver, Gau Weser-Ems, nun diese Ausstellung eröffnen sollte, da fragte er von sich aus: 'Ja, wo sind denn die Bilder von Radziwill?' Worauf ihm dann gesagt wurde: 'Die haben wir abgehängt, das ging nicht, denn der hat Ausstellungsverbot, die haben wir in den Keller getragen!' Worauf Röver dann antwortete: 'Alle Bilder heraus und nach oben in die Ausstellung! Die werden dort aufgehängt, wie es sich gehört. Wir wollen uns später nicht nachsagen lassen, dass wir bedeutenden Künstlern im Wege gestanden haben!'"
Bernd Küster, ehemaliger Leiter der Kunsthalle in Oldenburg und heute Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, hat mit Franz Radziwill über seine Verwicklungen in den Nationalsozialismus gesprochen. Sein Resümee: "Ich glaube, dass man ihm nicht weh tut, wenn man sagt, dass er auch politisch ein wenig naiv gewesen ist, und solche Dinge einfach über sich hat ergehen lassen. Die Hofierung durch den Gauleiter Röver hat ihm gefallen, dass er mit politischer Prominenz der Nationalsozialisten dann auch regelmäßig in See stach und auf Kreuzfahrten unterwegs war. Das hat er mit einem gewissen Stolz erzählt, so in dem Sinne: 'Ich bin doch wer, und ich war doch wer', und dass er dann aus dem Amt gedrängt wurde, aus welchen Gründen auch immer, das war für ihn eigentlich so eine persönliche Genugtuung, um zu sagen: 'Ich bin ja dann auch gestraft genug gewesen.'"
Franz Radziwill
Franz Radziwill (1895-1983) ist einer der großen Einzelgänger in der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Der in Bremen aufgewachsene Maler ließ sich zunächst vom Expressionismus der "Brücke" anregen und entwickelte in den zwanziger Jahren seine eigene Bildsprache, den "magischen Realismus".
Jetzt läuft
Der kreuzfidele Pessimystiker
Ein Porträt des Schriftstellers Günter Kunert, der mit virtuosem Eigensinn in der Kulturszene beider deutscher Staaten für Furore gesorgt hat. Michael Augustin und Walter Weberzeichnen seine Lebensstationen als Grenzgänger zwischen Ost und West nach. Mehr...
2. Juni, 9:05 Uhr | Nordwestradio
Musikladen
Radio Bremen bringt den Musikladen zum 40. Jubiläum der Sendung in diesem Jahr wieder auf den Schirm. Seit September 2012, wiederholt Radio Bremen TV wöchentlich die Folgen der legendären Sendung mit den Moderatoren Uschi Nerke und Manfred Sexauer. Mehr...
2. Juni, 18:45 Uhr | RB TV
radiobremen.de nun auch mobil
Seit dem 25. Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. Mehr...
Der neue Rundfunkbeitrag
Der neue Rundfunkbeitrag löst die Rundfunkgebühr ab. Informationen zum Start 2013 hier. Mehr...
Kultur-Sendungen heute:
22:05 Uhr, Nordwestradio:
Globale Dorfmusik live
23:05 Uhr, Nordwestradio:
Nordwestradio Lounge
Kultur-Podcasts
Kultur-Beiträge hören – wann und wo Sie wollen: Hier werden Ihnen jeweils die neuesten Podcast-Dateien zum direkten Download angeboten. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Krise der Gesundheit Nord: SPD fordert Finanzkonzept für städtische Kliniken
Werder Bremen: Sportdirektor plant mit Arnautovic und Elia
Tote Frau im Pflegeheim: Sozialsenatorin fordert mehr Aufmerksamkeit
Neuer Trainer vorgestellt: Robin Dutt: "Werder ist Euphorie pur!"