Porträt
Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki
"Wir leben in einer Epoche, in der die Werbung uns immer wieder aufs Neue Bücher aufdrängt. Und es ist eine der großen Aufgaben der Kritik immer wieder 'nein, nein!' zu sagen, und sich gegen diesen Mist, der von allen Seiten auf uns zukommt zu wehren." Auf unverwechselbare Weise beschrieb Marcel Reich-Ranicki in einem Radio-Bremen-Gespräch aus dem Jahr 1985 sein Verständnis des Kritikers in der Gegenwart. Wenn es um Literatur geht, kennt er eben keine Kompromisse. Niemand hat in der deutschen Medienlandschaft so leidenschaftlich und publikumswirksam Bücher gelobt und verrissen wie der "Kritikerpapst" der Nation. Ein Etikett, das er freilich als töricht abweist, mit dem Hinweis, dass kein Kritiker päpstliche "Unfehlbarkeit" beanspruchen könne.
Gleichwohl hat niemand aus der Zunft die deutsche Literaturszene der letzten Jahrzehnte derart beeinflusst wie Marcel Reich-Ranicki. Zum TV-Star avancierte Reich-Ranicki vor allem durch die Fernsehserie "Das Literarische Quartett", die ihn zu einem der bekanntesten Gesichter auf deutschen Bildschirmen machte, zur Medien-Ikone, für die sich auch notorische Nichtleser begeistern können. Zu seinem 90. Geburtstag gratuliert das Nordwestradio mit mehreren Sendungen. Happy Birthday, Marcel Reich-Ranicki!
Marcel Reich-Ranicki - Internetportal
ARD-Special: Marcel Reich-Ranicki
Geboren wurde Marcel Reich-Ranicki am 2. Juni 1920 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten in der polnischen Stadt Wloclawek. Nach dem Bankrott des Vaters übersiedelte die Familie 1929 nach Berlin, wo Reich-Ranicki deutsche Schulen besuchte: zunächst das Werner-von-Siemens-Gymnasium in Schöneberg, ab 1935 das Fichte-Gymnasium in Wilmersdorf, wo er 1938 das Abitur machte. Trotz des immer bedrohlicher werdenden antisemitischen Klimas in Nazideutschland entstand in Berlin eine intensive Beziehung zu deutscher Kunst, Musik und Literatur. Ein Universitätsstudium blieb ihm jedoch wegen seiner jüdischen Abstammung verwehrt. 1938 wurde er von den Nazis nach Polen abgeschoben. Über sein Leben in Berlin unter der Naziherrschaft hat er 1984 in einem Radio-Bremen-Gespräch mit der Schriftstellerin Ulla Hahn Auskunft gegeben. Ulla Hahn war von 1979 bis 1989 Kulturredakteurin bei Radio Bremen und wurde in den Anfängen ihrer Autorenkarriere maßgeblich von Marcel Reich-Ranicki gefördert.
Ab 1938 lebte Marcel Reich-Ranicki in Warschau in ungesicherten materiellen Verhältnissen. Nach dem deutschen Überfall auf Polen deportierten ihn die Besatzer 1940 ins Warschauer Ghetto, wo er sich dem jüdischen Widerstand anschloss. Gemeinsam mit seiner Frau Teofila, die er 1942 geheiratet hatte, gelang Reich-Ranicki 1943 die Flucht aus dem Ghetto. Eineinhalb Jahre lang tauchte das Ehepaar unter dem Schutz einer polnischen Familie unter und überlebte im Untergrund den Holocaust, dem Reich-Ranickis Eltern und sein Bruder zum Opfer fielen. Die Schreckenszeit endete mit der Befreiung Polens durch die Rote Armee im Herbst 1944. Über die Jahre im Ghetto und in der Illegalität hat Marcel Reich-Ranicki sich in dem Radio-Bremen-Gespräch mit Ulla Hahn von 1988 geäußert. Gut ein Jahrzehnt später sind diese Erinnerungen eingegangen in seine Autobiografie "Mein Leben" (1999), die auf dem Buchmarkt zum Bestseller mit Millionenauflage reüssierte und 2008 verfilmt wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg machte Reich-Ranicki eine kurzzeitige Karriere als Diplomat und Mitarbeiter des Geheimdienstes. Er trat der Kommunistischen Partei Polens bei, aus der er allerdings 1950 wegen "ideologischer Entfremdung" wieder ausgeschlossen wurde. Nach vorübergehender Inhaftierung arbeitete er als Lektor für deutsche Literatur in einem Warschauer Verlag und begann seine – zunächst noch wenig spektakuläre – Laufbahn als Rezensent.
Seine eigentliche Karriere startete mit der Übersiedlung in die Bundesrepublik im Jahr 1958, wo er bald als scharfzüngiger Literaturkritiker von sich reden machte: zunächst von 1960 bis 1973 bei der ZEIT und von 1973 bis 1988 als Leiter der Literaturredaktion der FAZ. Jahre, in denen Marcel Reich-Ranicki zum viel bewunderten und heftig umstrittenen "Großkritiker" aufstieg, zum streitbaren Hommes de lettres, der sich wie kein anderer lustvoll und wortgewaltig in den jeweils aktuellen literarischen Streit einmischte: in seinen Feuilletons und als Teilnehmer von Tagungen der "Gruppe 47", als Juror des "Ingeborg-Bachmann-Preises", in Rundfunkdebatten und in Fernseh-Talkshows.
In einem Alter, in dem die allermeisten in den Ruhestand gehen, begann Marcel Reich-Ranickis größte Erfolgsgeschichte: als Gastgeber der Fernsehserie "Das Literarische Quartett", die das ZDF von 1988 bis 2001 ausstrahlte. Seitdem hat zwar seine öffentliche Präsenz allmählich abgenommen, aber dass mit ihm immer noch zu rechnen ist als medialem Poltergeist, das bewies er unter anderem mit seiner spektakulären Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises 2008, als er in bester Reich-Ranicki-Manier lautstark den deutschen Fernsehgewaltigen die Leviten gelesen hat. Man ist eben nie vor Überraschungen sicher, wenn man es mit Marcel Reich-Ranicki zu tun hat. Er selbst hat bekanntlich am Ende jeder Folge des "Literarischen Quartetts" einen Satz von Bertolt Brecht zitiert, der da lautet: "Und so sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen."
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