Stadttheater Bremerhaven
Jung, schön und schwindsüchtig – das ist die Kurtisane Violetta, die Hauptperson in Verdis Oper "La Traviata". Als sie vor mehr als 150 Jahren bei der Uraufführung in Venedig erstmals eine Bühne betrat, war das Publikum überhaupt nicht begeistert. Zu anrüchig – und vielleicht zu nahe an der Realität? – erschien den Zuschauern Verdis Opernversion des Romans "Kameliendame". Erst später feierte sie auf den Bühnen Europas und der Welt Erfolge. Am 25. Dezember hatte das Stück in Bremerhaven Premiere. Catharina Spethmann war für uns bei der Generalprobe und ist begeistert zurückgekommen.
Szene aus "La Traviata"
Vorbericht: La Traviata in Bremerhaven, [3:41]
Am Anfang steht ein Paar Pumps, feuerrot, auf einer hellen, leicht gekippten Fläche inmitten der dunklen Bühne. Violetta, gespielt von Ytian Luan, tanzt in einem purpurglitzernden Cocktailkleid herein und streift sich die Schuhe über – während schon die ersten Partygäste eintreffen. Geladen ist die feine Pariser Gesellschaft. Alfredo Germont, Violettas heimlicher Verehrer, ist auch da.
Violetta auf ihrer Kipp-Bühne ist der Star des Abends. Die Gäste amüsieren sich mit ihr – und über sie. Am Ende bedanken sie sich für die nette Party und werfen ihr Geld zu wie einem Gogo-Girl. Man sieht und hört Ytian Luans Violetta ihre Wut und ihre Verletztheit an.
Ernst meint es mit ihr nur Alfredo, gespielt von Tenor Daniel Kim, im weißen Leinanzug inmitten der dunkel gekleideten Gesellschaft. Er überzeugt als verliebter Verehrer, man glaubt ihm seine gefühlvoll gesungenen Arien. Violetta nimmt ihn allerdings nicht ganz ernst: Er singt von wahrer Liebe, sie vom süßen Leben.
Als er sie endlich doch erobert hat, glaubt er sich im Himmel. Das Bühnenbild zeigt keine falsche Scheu vor Kitsch und nimmt Alfredos Text wörtlich: Er sitzt vor zwei hohen Himmelstüren mit blau-weißen Schäfchenwolken und pflanzt Sonnenblumen. Die Idylle wird von Alfredos Vater gestört. Walter Donati gibt einen stimmgewaltigen und dominanten Patriarchen mit Gehstock und orthopädischer Gehhilfe aus blauem Plastik. Er fordert, dass Violetta Alfredo verlässt. Sie gehorcht und stürzt sich in ihr Leben vor Alfredo. Sie besucht einen frivolen Maskenball mit Striptease-Tänzern, Sado-Maso-Punk, Toreros und Zigeunerinnen. Der Opernchor des Stadttheaters zeigt an dieser Stelle einmal mehr, was er kann.
Unglücklicherweise ist der verletzte, gekränkte und rachsüchtige Alfredo auch da. Er demütigt sie vor allen anderen Gästen, indem er sie für ihre Liebe bezahlt. Das Ende ist tragisch: Violetta stirbt langsam an der Schwindsucht. Zum Schluss versammeln sich der reumütige Alfredo, sein Vater und die Freunde aus der Gesellschaft um ihr Totenlager. Allerdings wahren sie Abstand. Und so stirbt Vioiletta, wie sie gelebt hat: Inmitten der dunklen Bühne, von allen beobachtet, aber einsam.
Bis zu diesem letzten, tragischen Bild bringt das Stadttheater Bremerhaven eine "Traviata" ohne Plüsch und Chichi auf die Bühne. Zweieinhalb Stunden romantischer Opernstoff, dem die Macher seine Aktualität ohne überzeichnete Modernismen mühelos abgewinnen können – unbedingt sehenswert.
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