Kristín Steinsdóttir
Island ist als Land der Sagas und der mündlichen Überlieferung bekannt. Die Autorin Kristín Steinsdóttir ist eine Erzählerin, wie es sie nur auf dieser Insel geben kann. Ihre vielfach ausgezeichneten Romane und Kinderbücher sind in Island Bestseller. Am 24. Juni ist Kristín Steinsdóttir zu Gast im Weserhaus in Bremen, um aus ihrem Roman "Eigene Wege" zu lesen – und zu erzählen. Esther Willbrandt stellt sie vor.
Porträt: Kristín Steinsdóttir , [3:44]
Der Literaturkritiker Thomas Böhm und der Verleger Klaus Sander haben gemeinsam eine CD herausgegeben: "Leben im Fisch". Darauf erzählt die 1946 geborene Autorin ihre Jugend. Zum Beispiel: Die Küche, als Treffpunkt für das Geschichten-Erzählen. "Meine Mutter war eine sagenhafte Erzählerin. Die Küche bei meiner Mutter war sozusagen Kindergarten. Da waren meine Freunde und die Freunde meines Bruders und die Nachbarkinder, und da wurde erzählt in einer Tour. Und ich glaube, das Erzählen ist nämlich eine Kunst. Erzählen kann nicht jedermann."
CD-Auszug: "Leben im Fisch" von Kristín Steinsdóttir , [3:22]
Kristín Steinsdóttirs Heimatort Seydisfjördür liegt im Osten Islands. Eine karge Landschaft, mit langen Wintern. Die Häuser stehen an einem schmalen Fjord. Für Kristín Steinsdóttir und ihre fünf Geschwister ist das Leben am Fjord ein einziges, großes Abenteuer: Manchmal liegt der Schnee so hoch, dass man im zweiten Stock aus dem Fenster klettern muss. Wenn die Sonne nach fünf Monaten zum ersten Mal wieder über den Berg steigt und das Licht in den Fjord zurückkehrt, geht man von Haus zu Haus und feiert. Die Schattenseiten des Kleinstadtlebens: Kristíns Vater, der örtliche Schulleiter, ist Mitglied der Kommunistischen Partei. Fast täglich ist die Familie Diskriminierungen ausgesetzt, die bis in die Hauptstadt reichen.
Kristín Steinsdóttirs persönliche Erinnerungen erzählen viel über die Menschen und das Leben auf Island – von einer Zeit, in der die Entfernungen so groß waren, dass Beerdigungen für die Angehörigen im Radio übertragen wurden. Als junge Frau verlässt die Autorin ihren Fjord, wird Lehrerin, lebt einige Jahre in Deutschland. Heute wohnt sie in Reykjavik. Ihr Roman "Eigene Wege" ist in Island ein Bestseller. Der Hauptfigur Sigtrud gelingt es, ohne Geld ein erfülltes Leben innerhalb der Gesellschaft zu führen.
Thomas Böhm: "Dieser Roman ist 2004 entstanden, just in der Zeit, wo sich ganz Island an materiellen Dingen orientiert hat; als diese Wirtschaftsblase immer größer wurde, hat sie diesen Roman geschrieben, der eigentlich eine Besinnung darauf ist, dass man nicht unbedingt Geld braucht, um ein inhaltlich erfülltes Leben zu führen."
Ihr neuer Roman, "Im Schatten des Vogels", erscheint im Herbst. Er handelt von einem dunklen Kapitel in der isländischen Geschichte. Im Zentrum: Steinsdóttirs Großmutter. Sie war eine künstlerisch begabte Frau, die in ihrer Zeit keine Möglichkeit hatte, ihre Begabung auszuleben. Und: sie war manisch depressiv. Sie wurde, wie viele psychisch Kranke in Europa, in ländlichen Gegenden weggesperrt: In eine Kiste, etwa zwei oder dreimal so groß wie ein Sarg.
Der Roman bricht mit einem Tabu in Island – und wurde ein Riesenerfolg. Wenn Kristín Steinsdóttir mit ihren Büchern auf Lesereise geht, dann sollte man keine klassische Wasserglas-Lesung erwarten. Sie ist vor allem eins: Eine sagenhafte Erzählerin.
Sagenhaftes Island - Gespräch mit Johann P. Tammen , [4:40]
Lesung: Kristín Steinsdóttir
Radio Bremen
Konferenzzentrum/Weserhaus
24.06.2011 - 20 Uhr
Frankfurter Buchmesse 2011: Sagenhaftes Island
Webseite: Buchmesse Frankfurt 2011 mit Ehrengast Island
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