10. Februar 2012, 17:40 Uhr
Nordwestradio Journal
"Bei der Kälte schickt man nicht einmal einen Hund vor die Tür", sagt man so bei diesem Wetter… Und tatsächlich sieht man bei Minusgraden nicht wenige Hundebesitzer ihre Fiffis im Pullover spazieren führen. Aber was ist eigentlich mit Nutztieren auf der Wiese? Frieren die gar nicht bei zweistelligen Minusgraden? Und was bedeutet so strenger Frost für Feldfrüchte und Gemüse? Nordwestradio-Reporterin Stephanie Giese hat einen Gemüsebauern und einen Milchviehalter besucht und nachgefragt.
Das Grünkohlfeld von Hermann Meyer-Toms bei Frost und Sonne
Reportage:
Frost sorgt für Ausfälle bei den Landwirten, [3:45]
Ein Beitrag von unserer Reporterin Stephanie Giese
Wie weiß gezuckert stehen die "Südoldenburger Palmen" in der grellen Morgensonne auf dem Feld von Bio-Landwirt Hermann Meyer-Toms in Schwarme bei Bruchhausen-Vilsen. Grünkohl und Frost – das passt eigentlich sehr gut zusammen, sagt der Landwirt: Grünkohl schmeckt nach dem Frost besser, ist vom Biss her ein bisschen weicher und insgesamt ein bisschen süßer. Das liegt daran, dass sich durch den Frost die Zellen hin und her bewegt haben. "Der hat richtig Stress gehabt und das macht sich beim Geschmack auch bemerkbar", so Hermann Meyer Toms.
Dass das "stressresistente Gemüse" allerdings bis zu minus 17 Grad überleben würde, hatte selbst der erfahrene Bio-Bauer nicht zu hoffen gewagt. Bei anderen Produkten, die er seinem Hofladen verkauft, muss er in diesem Winter große Abstriche machen. Zum Beispiel beim Porree. Ein wenig eigenen, den er vor dem Frost geerntet hat, hat er noch in der Auslage. Aber es ist der letzte für die nächsten vier Wochen. Der Porree auf seinem Acker ist bei minus 16-17 Grad auf dem Feld erfroren oder geschädigt worden. "Der muss erstmal wieder in Gang kommen, Wärme und Feuchtigkeit haben, muss Grün entwickeln – und das wird vor Mitte März wahrscheinlich nicht passieren", erklärt Meyer-Toms.
Eigentlich wächst Porree fast das ganze Jahr – von Juli bis April. Daraus wird in diesem Jahr nichts. Und auch Reste vom Rosenkohl sind auf Meyer-Toms Feld bereits erfroren. Etwa 20.000 Euro kann er in diesem Winter mit diesen Gemüsen und einigen Salaten nicht verdienen. Aber es ist auch immer ein Risiko, sie in unseren Gefilden ganzjährig anzubauen, gibt der Landwirt unumwunden zu. Man muss man vorher genau wissen, wie sich die Witterung entwickelt. Und auch wenn er Kälte-Hoch Cooper kommen sehen hat, hat er nicht mit dieser Intensität gerechnet. Und selbst wenn er es getan hätte: Innerhalb von zwei bis drei Tagen kann man nicht solche Mengen Gemüse auf Vorrat ernten. Wenn so plötzlich eine Kälteperiode eintritt, sind die Gemüsebauern machtlos.
Viehzüchter Henning Block im 30 Kilometer nördlicheren Oyten-Bassen kann ein solches unternehmerisches Risiko nicht eingehen. In seinen Ställen stehen 130 Milchkühe mit ihren Kälbern. Und im Gegensatz zu Schweinen lebt Milchvieh im offenen Stall. Kühe lieben Licht und Luft – zwischen minus fünf und zwanzig Grad fühlen die Tiere sich am wohlsten. Wenn es plötzlich so kalt wird, muss das Vieh das aushalten. Denn komplett verschließen und heizen kann man den im First und zu allen Seiten offenen Stall nicht. Bei zweistelligen Minusgraden frieren deshalb die Laufgänge ein, auf denen die Kühe stehen. Block muss streuen, wo es besonders rutschig oder gefährlich ist, um es für die Tiere so angenehm wie möglich zu machen.
Eine ganz besondere "Wundertüte" ist für den Milchbauern bei diesen Temperaturen aber der Gang in den Melkstand – eine zirka 8 Meter lange Halle mit einem etwa einen Meter tiefen Graben in der Mitte, aus dem heraus der Melker den Tieren das Geschirrr der Maschine an die Euter legen kann: "Man ist morgens schon immer ein bisschen nervös und fragt sich `Na, komm ich mit dem Melken in Gang oder ist da wieder eine andere Stelle eingefroren?´. Da ist man immer in Lauerstellung", sagt der Landwirt. Was die plötzliche Kälte ohne Schneedecke mit dem im Herbst gesäten Getreide und Raps auf dem Acker angestellt hat, wird sich erst im Frühjahr zeigen. Henning Block rechnet mit Verlusten zwischen 20 und 30 Prozent.
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