CD-Tipp
Seit einem knappen halben Jahrhundert ist der kalifornische Gitarrist Ry Cooder musikalisch aktiv. In Deutschland wurde er vor allem bekannt durch Filmmusik für Wim Wenders und als Initiator des "Buena Vista Social Club". Ry Cooder gilt als Gralshüter amerikanischer Folk-Traditionen und als Musiker, der für die Popwelt nicht viel übrig hat. Zehn Jahre nach 9/11 wird diese Institution der US-Musikszene jetzt politisch: "Pull Up Some Dust And Sit Down" heißt ein neues Ry Cooder-Album.
Es war einmal … – so könnten viele Beschreibungen der Alben von Ry Cooder anfangen. Als Eingeborener von Los Angeles hat sich das gitarristische Universaltalent oft um die alten, umgangssprachlichen Musik-Idiome seines und anderer Länder gekümmert. Und sie verbunden mit der Moderne – auf der Suche nach einer authentischen Fortschreibung des zeitlos guten "Alten". Doch Cooder ist kein Märchenonkel, er wirft mit wachem Auge und heißem Herzen einen Blick auf die aktuelle Lage in "God’s Own Country". Und die könnte – zehn Jahre nach 9/11 – besser sein. "Man fühlt sich frustriert und im Stich gelassen", sagt Cooder. "Hilflos und zornig. Aber man darf dabei nicht bleiben, es ist schlecht für die Gesundheit." – Die Lösung? Neue Songs und neue Musik. Mit "No Banker Left Behind", einem ironischen Song über die Raubritter der Finanzbranche, eröffnet Cooder sein neues Album. Und sieht sich dabei in der Tradition des alten Banjospielers Uncle Dave Macon, der zu Zeiten der ersten Großen Depression vor achtzig Jahren Songs sang, die komplexe Dinge für einfache Menschen verständlich machten. Das ganze mit viel Humor, so auch bei Cooder: die Banker verlassen mit der Eisenbahn und all dem eingeheimsten Geld die Stadt. Alle anderen bleiben zurück und wundern sich: Wie konnte das bloß passieren?
Auch den alten Outlaw Jesse James lässt Cooder zurück kommen. Jesse beobachtet aus himmlischer Perspektive das wüste Treiben an der Wall Street und denkt, die Dinge in alter Manier mit einer Waffe richten zu können. Doch Jesse James war ein naiver Typ, sagt Cooder. Das klappt so nicht mehr…. Dazu erklingt eine Corrida, die alte Form musikalischer Nachrichtenübermittlung aus Mexiko. Einer von vielen Stilen zwischen Folk und Funk, Blues und Gospel auf diesem Album. Und auch den Bluesmann John Lee Hooker lässt Cooder zurückkehren in die Gegenwart. Der alte Mann aus Mississippi bewirbt sich um das Präsidentenamt. Ry Cooder hat ein musikalisch vielseitiges und konzeptionell gewichtiges Album gemacht. Ein Album mit ironischen Protestsongs, in denen indirekt die alte Seele eines guten Amerika beschworen wird. Das Ganze mit einer basisdemokratischen Perspektive "von unten" und Songs, in denen Cooder in Rollen singt: als Flüchtling aus Mexiko, als Zimmermädchen eines reichen Mannes, als junge Frau bei der Armee. Ry Cooder als "nationalen Schatz" seines Landes zu bezeichnen ist durchaus legitim. Ein Künstler, der weitermacht, obwohl es schwerer wird, neue Ideeen und neue Inspiration zu entwickeln. Doch nichts anderes kommt für Ry Cooder in Frage. Seine neue Musik ist eine amerikanische Inspiration für harte Zeiten. Zehn Jahre nach 9/11.
CD-Tipp:Pull Up Some Dust And Sit Down , [6:48]
Harald Mönkedieck über das Album von Ry Cooder
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