CD-Tipp
Die Stadt Memphis in Tennessee USA und der Blues haben eine lange Tradition. Namen: Howlin' Wolf, Canned Heat, Ike Turner oder auch B.B. King. Im Umkreis von Memphis ist Ernest Lane groß geworden. Ein Veteran des Blues, der mit seiner sonoren Stimme und seinem Boogie-Woogie Piano in der Szene bestens bekannt ist. Ernest Lane ist die Personifizierung des Blues und mit seinem neuen Album blickt er ein wenig zurück in die eigene Lebensgeschichte. Eine Lebensgeschichte, wo der entscheidende Schritt exakt 72 Meilen lang war. 72 Meilen, um nämlich von seiner Heimatstadt Clarksdale nach Memphis zu kommen.
Der Ex-Beatle John Lennon hat den Blues einmal mit einem Stuhl verglichen. Der Blues war für ihn der erste Stuhl, auf dem man richtig sitzen konnte. Der Blues war für ihn echt. Und wer mal wieder Lust auf einen echten Stuhl hat, der sollte sich doch einfach mal die Musik von Ernest Lane anhören. Der hat nämlich eine Musik aufgenommen, auf der man so richtig gut sitzen kann. "72 Miles from Memphis" heißt das Bluesalbum von Ernest Lane. Es ist eine musikalische Hommage an Clarksdale. Ein trostloses Kaff, wo schon immer der Blues zu hause war. Nach Memphis sollen es exakt 72 Meilen sein. 72 Meilen, die dann doch sehr lang sein können, wenn man als Jugendlicher ein ödes Leben hinter sich lassen will.
Du hast keine Chance, also nutze sie. So oder ähnlich könnte das Lebensmotto von Ernest Lane beschrieben werden. Clarksdale, eine typische "one-horse-town", hat sich im Grunde nie verändert. Es gab und gibt hier viel Langeweile. Und um dieser Langeweile zu entgehen, hatte Ernest Lane für sich die Musik entdeckt. Weniger zufällig. Denn sein Vater besaß ein Klavier und war als Boogie Woogie-Pianist eine lokale Berühmtheit.
Der Blues war Ernest Lane in die Wiege gelegt worden. Und einer seiner frühen musikalischen Mitstreiter war ein Junge aus der Nachbarschaft. Ike Turner war das. Später als Ike & Tina Turner weltberühmt und eine Soul-Legende. Diese Freundschaft mit Ike Turner hielt ein Leben lang und wurde immer wieder auch durch gemeinsame Bandprojekte bestimmt. Ernest Lane ist stilsicher und sattelfest. Ob als Sideman, Solist oder Bandleader, der Pianist aus Claksdale ist allerdings mehr als nur ein solider Handwerker des Blues.
Ernest Lane beherrscht alle Spielarten des Blues. Aber wie jeder gute Handwerker, so weiß er auch, dass man konservieren und gleichzeitig modernisieren muss, wenn man in diesem Geschäft erfolgreich überleben will. Und ein Garant dafür sind meistens junge Musiker. Und da gibt es offensichtlich keine Nachwuchssorgen. Es gibt sie immer noch – junge und gute Musiker, die ihr Herz mit Leidenschaft an den Blues verloren haben.
Ernest Lane scheint keine Mühe zu haben, junge Musiker für seine Band zu finden. Und er hat offensichtlich auch keine Mühe und auch Kosten gescheut, um für seine Songs den Sound zu finden, der ihm aktuell am besten gefällt. Ein Sound aus Funk, Rock’n’Roll, Down Home Blues, Chicago Blues, Boogie Woogie oder R&B. Ernest Lane bedient sich frei und ungezwungen aus all diesen Töpfen. Das Konzept scheint aufzugehen, denn schon allein wegen des hervorragenden Bläsersatzes lohnt sich der Weg nach Memphis. Ein Weg, der für die meisten dann doch ein wenig länger sein dürfte. Zumindest länger als die 72 Meilen, die Ernest Lane von Clarksdale nach Memphis zurücklegen musste, um ins Mekka des Blues zu kommen.
CD-Tipp: 72 Miles from Memphis , [5:13]
Jörg Senkpeil über das neue Album von Ernest Lane
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