CD-Tipp
Bei den Beatles zog George Harrison allzu oft den Kürzeren. Gegen die Masterminds in Sachen Komposition, Text und Arrangement Lennon/McCartney hatte der Sologitarrist oft keine Chance. Die beiden Meinungsführer mochten seine Songs nie besonders. Kein Wunder, dass er nach dem Split der Beatles 1970 gleich mit dem Dreifachalbum "All thing must pass" herauskam. Jetzt wurden frühe Studien zu Harrisons Songs veröffentlicht.
Run of the Mill, eine dieser Demo-Aufnahmen und Rohschnitte, die wieder diesen George Harrison zeigen, der so anders war und anders spielte als die damals üblichen Rockgitarristen Jeff Beck, Jimi Hendrix oder Eric Clapton. Er war eher der Brian Jones der Beatles: Verträumt, verspielt und ein äußerst sensibler Begleiter seiner Band. Die Aufnahmen zeigen einen virtuosen Songschreiber und Akustik-Gitarristen, der auch den einen oder anderen späteren Hit in der Schublade hatte. My sweet Lord, ein Titel, der Harrison später einen seltsamen Plagiatsprozess einbrachte, der aber in der Rohfassung mit dem Song der Chiffons recht wenig zu tun hat. Nur: Harrisons zauberhaftes Gitarrensolo fehlt.
Wenn man diese Aufnahmen hört, dann sieht man einen Melancholiker an der Gitarre, einen nach Spiritualität und Erleuchtung Suchenden, einen Künstler, der zeitlebens unzufrieden und irgendwie unerlöst blieb. Anders als Lennon, der sich politisierte, sich in den Jet-Set verabschiedete und sich im Kunstbetrieb und in New York ablenkte, blieb Harrison, der an 2001 an Krebs starb, der einsame Wolf, zurückgezogen und bescheiden.
Harrisons politisches Engagement, das sich im Concert for Bangladesh spiegelte, war ihm genau so ernst wie seine späteren Ausflüge mit den Traveling Wilburys in den 1980ern, die ihn zu Roy Orbison, Tom Petty und Bob Dylan in die USA führten. In gewisser Weise kehrte Harrison dort zum Rock’n’Roll zurück. Seine Early Tapes wirken hingegen leise, sympathisch, sein Songs fast anrührend. Das Album setzt dem, der zwar viel redete, aber nie im Rampenlicht stand, ein würdiges Denkmal. Volume 2 dürfte bestimmt schon in Vorbereitung sein.
CD-Tipp: Early Takes Volume 1, [6:13]
Wolfgang Rumpf über das Album von George Harrison
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