CD-Tipp
Jeder kennt die klassischen Tango-Klischees: dunkle Vorstadtkaschemmen am Rio de la Plata, eine halbseidenes Gefüge aus Armut, Prostitution, Diebstahl und Messerstechereien, ein einsamer Macho, der sich dem Schicksal fügt, in den Alkohol flüchtet, und der Trostlosigkeit nur mit Hilfe von Poesie und Gesang zu entrinnen glaubt. Laut Melingo scheint für einen waschechten Porteño, also einen Einwohner von Buenos Aires, geradezu eine natürliche Sehnsucht nach eben dieser Halbwelt zu bestehen.Mit dreckig verrauchter, verlebter und ungeheuer präsenter Stimme bringt Melingo die Dichtung aus der Gosse auf die Bühne. Sein ausgezeichnetes Begleitensemble ist mit Bandoneon, Geige, Gitarre und Kontrabaß überwiegend klassisch besetzt, nur gelegentlich wird’s experimenteller, wenn mal ein Vibraphon durchschimmert, eine Posaune erklingt oder eine E-Gitarre im flirrenden Sound der 60er Jahre daherkommt.
Stilistisch eine erstaunliche Wandlung für jemanden, der in den 80ern federführend den argentinischen Underground-Rock prägte, Exiljahre in Brasilien und Spanien verbrachte, Erfahrungen in Punk, Acid-Jazz und elektronischer Musik sammelte, bevor er sich jetzt, jenseits der 50, auf so nostalgische Art und Weise hingezogen fühlt zur den dunklen Klängen seiner Heimatstadt."Proto-Tango" nennt Melingo selbst diese Rückführung des tango argentino zu seinen Ursprüngen, zu den zwielichtigen Charakteren aus den Armutsvierteln am Rio de la Plata: Da ist der Verlierer, der Draufgänger, der Enttäuschte, der Knastbruder, der Penner oder dieser mit Drogen vollgepumpte Killer, der selbst erschossen in der Gosse landet.
Mit jeder Silbe scheint Melingo auf der CD "Corazón y hueso", zu deutsch "mit Herz und Knochen", in seine Figuren hineinzuschlüpfen. Zugegeben, das Verständnis der Texte fällt nicht immer leicht, da sie durchgehend in der sogenannten Gaunersprache lunfardo verfaßt sind. "Meine Verse", heißt es da, "wurden im Elend geboren, umgeben vom Dreck und seiner Begleitmusik, dem Tango. Meine Verse riechen nach billigen Pensionen, nach Nutten, sie riechen nach Landstreichern, Dieben und einem Stück Bettlaken. Sie entstanden aus Ohrfeigen, Beleidigungen, und dem, was die Seele ausspuckt." Man glaubt Melingo diese Zeilen, und Hand aufs Herz, welche Stimme könnte solche Lyrik besser ausdrücken?
CD-Tipp : Corazón y hueso, [3:59]
Andreas Kisters über das Album von Melingo
Info: CD-Tipps
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