CD-Tipp
Kaum wurde die Region Marseille-Provence als diesjährige europäische Kulturhauptstadt ausgerufen, da meldet sich mit Moussu T einer ihrer prominentesten, charmantesten und gewieftesten musikalischen Akteure am Mikrofon zurück. Seine hochgelobte Band Moussu T e lei Jovents veröffentlicht in diesen Tagen ihr fünftes Album.
Amerikanischer Südstaatenblues an der Côte d’Azur, geht das? Über 20 Jahre lang hatte Tatou alias Moussu T die Marseiller Musikszene mit Hilfe der Spaßguerilla-Raggamuffin-Truppe Massilia Sound System aufgemischt. Und dann das:
Mit einem harmlos-naiv daher kommenden Mix aus nostalgischem Chanson, karibischer Gelassenheit und amerikanischem Blues bezirzt Moussu T seit nunmehr neun Jahren nicht nur das französische Publikum. Sein Markenzeichen: eine sympatisch verrauchte Stimme, die provenzalische Mundart-Poesie verkündet.
Zwischen Hafenbars, Ladekränen, Kaimauern und Strandnixen
Sie ertönt in Marseiller Hafenbars, entlang der Kaimauern, zwischen Ladekränen und Möwengefieder. Moussu T e lei Jovents schimpft sich die die neue Kultband, zu deutsch: Monsieur T und seine Jungens. Gemeint sind damit vier jüngere Kumpel an Gitarre, Banjo, Schlagzeug und Percussion, die maritim versonnen dem immer kleiner werden Schiff auf offener See hinterherblicken. Augenzwinkernd bedient Moussu T die Klischees vom in die Ferne blickenden Seemann oder vom Pastis schlürfenden, mediterranen Macho, der an der Theke hängt und schönen Strandnixen hinterhergafft. Aber Vorsicht, werden doch im nächsten Atemzug die republikanischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hinausposaunt, da darf es dann auch rockiger werden.
Sprachpolitik und Arbeiterkampf
Gesungen wird etwa zur Hälfte auf französisch und im Marseiller Dialekt des Okzitanischen. "Benvengut a l’ostau", "Willkommen daheim", begrüßt er die virtuelle Gemeinschaft all derer, die sich zu Okzitanien bekennen: Okzitanien als Utopie - ein Staat, der historisch nie existiert hat, wo Papiere und Visa zwangsläufig bedeutungslos scheinen. Das kosmopolitische Marseille wird als Multikulti-Paradies gefeiert, in dem sich Hafen- und Werftarbeiter aller Länder seit über 2000 Jahren verbrüdern – zur Not auch gegen den unermüdlich blasenden Mistral, dessen Winde den Marseiller Alltag mal wieder zur Hölle machen. Selbst dieser Lokalpatriotismus wird schlitzohrig umgemünzt, denn der Mistral könne ja auch Bänker, Tyrannen, Könige und unfähige Politiker wegfegen.
Ambivalenz zwischen Revolution und Bettlaken
Der politische Diskurs der Lieder wird aber regelmäßig durchbrochen. Schließlich schlägt noch eine zweite Seele in der Brust der Musiker: Die troubadoureske Suche nach dem Glück, schöngeistige Liebeslyrik gepaart mit ohrwurmartig daherkommender Selbstironie: Der gerade verlassene Liebhaber wünscht sich und seiner Muse einen beschissen-verregneten Tag an den Hals. Die Platte trägt den Titel "Artemis", jene zwiespältige Gestalt aus der griechischen Sagenwelt. Sie ist zugleich Schutzpatronin von Marseille, Göttin der Jagd, Symbol für den Kampf um Veränderung und als Hüterin der Frauen und Kinder steht sie für Mutterschaft und das traute, süße Heim – eine Ambivalenz zwischen Revolution und Bettlaken, die sich durch das ganze Album zieht.
Autor: Andreas Kisters
CD-Tipp: Moussu T e lei Jovents, [5:08]
Mediterraner Blues aus Marseille
Musik 1: "Monte vas cançoneta?"
Musik 2: "Le bateau"
Musik 3: "Occitanie sur mer"
Musik 4: "Mistral"
Musik 5: "T’en vas de matin"
Musik 6: "Tentacules"
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