CD-Tipp
Vor 13 Jahren veröffentlichte das Duo Snakefarm die CD "Songs from my funeral" mit völlig neuen Interpetationen amerikanischer Traditionals. Damals wurden Anna Domino und ihr belgischer Partner Michel Delory als Zukunft des Folk gefeiert, weil sie die alten Songs mit viel Elektronik in die Neuzeit transportierten. Nun also ist der zweite Versuch des Duos erschienen – vielleicht nicht mehr ganz so revolutionär wie damals, aber nicht weniger hörenswert.Selten wurden alte Mörder-Balladen so kühl und modern interpretiert wie hier: zum zweiten Mal haben sich Anna Domino und ihr belgischer Partner Michel Delory Songs aus dem Kanon meist amerikanischer Folk-Standards herausgesucht und diese mit den Mitteln moderner Studiotechnik neu bearbeitet.
In den 80er Jahren hatte die Weltenbummlerin Anna Domino in Brüssel einige vielbeachtetete Elektro-Pop-Scheiben veröffentlicht, die von vielen als Vorläufer der britischen TripHop-Szene mit Bands wie Massive Attack oder Portishead angesehen werden. Elemente aus dieser Zeit werden auch jetzt für die neuen Arrangements verwendet, aber das Duo kann auch wunderbar mit einem akustischen Instrumentarium umgehen wie in der Bürgerkriegs-Ballade "Johnny I hardly knew ya". Im Mittelpunkt der zehn Songs steht die phantastische und sehr wandlungsfähige Stimme von Anna Domino: 'mal leicht angerauht, dann wieder klar und kräftig, im einen Moment düster, im nächsten dann wieder samtig weich. Sie passt sich den jeweiligen Geschichten an – je nachdem, ob es sich nun um eine bitterböse Mordgeschichte handelt oder um ein afro-amerikanisches Spiritual.
Aber der eindringliche Klang dieser alten Lieder kann sich auch deshalb so intensiv entfalten, weil sie in Michel Delory einen kongenialen Partner hat, der sowohl die akustischen wie die elektronischen Instrumente ebenfalls einfühlsam auf die Atmosphäre des jeweiligen Songs abzustimmen weiß. "My halo at half-light" ist ein Album, das Vergangenheit und Gegenwart auf eine beeindruckende Weise zusammenführt – und man kann nur hoffen, dass Snakefarm sich nicht wieder so viel Zeit lassen bis zum nächsten Werk.
CD-Tip: My halo at half-light, [6:21]
Jürgen Schmitz über das Album von Snakefarm
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