31. Dezember 2012, 19:05 Uhr
Ein Abend für...
Eine akustischer Bummel mit dem Kabarett-Historiker Volker Kühn durch 60 Jahre Kabarett. Mit von der Partie sind u.a. Heinz Erhardt, Lore Lorentz. Hanns Dieter Hüsch, Wolfgang Neuss, Dieter Hildebrandt, Harald Schmidt und Georg Schramm.
Kabarett ist eine scheinbar leicht vergängliche Ware: es lebt von der Aktualität des Tages und reagiert angriffslustig auf die politischen Zustände, mit Hohn und Spott für Beton, Filz und Verkalkung gleichermaßen. Kaum, dass das Radio zu senden begonnen hatte, standen auch fürs Kabarett die Mikrophone bereit – im Radio gaben sich Komiker und Satiriker die Klinke in die Hand, wenn es galt, die Haare in der Wohlstandssuppe der Nachkriegsrepublik aufzuspüren.
Deutsches Kabarettarchiv Mainz
Einzelne Kabarettisten
Bis heute bewahren sich Kabarettisten und Comedians den kritischen Biss, nach dem Motto "Lacht kaputt, was euch kaputtmacht!" Keiner kennt sich in der Geschichte dieser reizbaren Kunstform besser aus als Volker Kühn, Deutschlands großer Kabarett-Historiker. Mit ihm zusammen unternehmen wir einen Hör- durch 60 Jahre Kabarett, mit Glanzlichtern und Preziosen aus dem Radio-Bremen-Archiv.
Am Mikrofon: Lore Kleinert
Produktion: Radio Bremen 2012
Mister Kabarett
Volker Kühn und die Kleinkunst
Volker Kühn ist der unbestritten größte Kenner der deutschen Kabarett-Historie. In zahlreichen Büchern und Fernsehfilmen sowie in Schallplatten- und CD-Editionen hat er die Geschichte der Kleinkunst nachgezeichnet. Der 1933 in Osnabrück geborene Kühn arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg als Journalist für Funk und Fernsehen. 1963 wurde er Redakteur beim Hessischen Rundfunk, wo er ein Jahrzehnt lang das satirische Magazin "Bis zur letzten Frequenz" produzierte.
Volker Kühn
Seit 1970 ist er als freier Autor und Regisseur tätig. In fünf Jahrzehnten hat Volker Kühn nicht nur alle großen Kabarettisten der Nachkriegszeit persönlich kennen gelernt und sich mit vielen befreundet, sondern auch selbst zahlreiche Kabarettprogramme geschrieben und inszeniert: für das Berliner "Reichskabarett" und die "Wühlmäuse", für Lore Lorentz, Wolfgang Neuss, Hanns Dieter Hüsch und viele andere. Legendär ist seine Zusammenarbeit mit Dieter Hildebrandt für die ZDF-Satire-Reihe "Notizen aus der Provinz". Obwohl Volker Kühn auch als erfolgreicher Bühnenautor, Theaterregisseur und Songtexter reüssierte, ist das Kabarett seine größte Passion geblieben. Die Geschichte des Kabaretts in Deutschland dokumentieren und illustrieren umfassend seine fünfbändige Buchreihe "Kleinkunststücke" (2001) sowie die vierteilige CD-Edition "100 Jahre Kabarett – Texte und Chansons" (2006).
100 Jahre Kabarett – Texte und Chansons
Herausgegeben von Volker Kühn, Bear Family Records 2006
Teil 1: 1901-1933, 3 CDs
Teil 2: 1933-1955, 3 CDs
Teil 3: 1955-1970, 3 CDs
Teil 4: 1970-2001, 3 CDs
Im Kom(m)ödchen
Kabarett der Nachkriegsjahre
Nach dem Zusammenbruch Nazideutschlands war die Not der Menschen groß und ihr Unterhaltungsbedürfnis unstillbar. Das eine bedingte geradezu das andere. Theater auf Behelfsbühnen und Kabaretts in Kellern und Kneipen schossen wie Pilze aus dem Boden. Berühmte Autoren und Kleinkünstler wie Erich Kästner, Karl Valentin, Werner Finck und Ursula Herking – die man noch aus der Zeit vor 1933 in bester Erinnerung hatte – sorgten erneut für Furore. Zugleich schlug die Stunde von satirischen Newcomern wie den "Amnestierten" aus Kiel, den Berliner "Insulanern" oder dem "Kom(m)ödchen", das Kay und Lore Lorentz am 29. März 1947 in Düsseldorf eröffneten mit ihrem ersten Programm unter dem Titel "Positiv dagegen".
Lore Lorentz
Kabarett in der Nachkriegszeit - Gespräch mit Volker Kühn, [9:07]
Düsseldorfer Kom(m)ödchen
Im Rückblick wirkt das "Kom(m)ödchen" fast wie der Prototyp des neuen Ensemble-Kabaretts: eine kleine Literaten- und Schauspielerbühne mit politischem Anspruch und satirischem Biss, die auf gekonnte Weise Zeitkritik und Unterhaltung mit Theaterelementen verband. Geprägt wurde das "Kom(m)ödchen" auf unnachahmliche Weise von seiner Prinzipalin Lore Lorentz (1920-1994), die in nahezu fünfzig Bühnenjahren zur Ikone der deutschen Kleinkunstszene wurde.
Hanns Dieter Hüsch
Schwarzes Schaf vom Niederrhein
Der gebürtige Mainzer Hanns Dieter Hüsch (1925-2005) war der große Einzelgänger des deutschen Nachkriegs-Kabaretts. Ein hintersinniger Hofnarr von philosophischen Gnaden, der über 50 Jahre lang als fahrender Sänger durch Deutschland tourte und den Zeitgenossen satirisch die Leviten las. Bekannt wurde Hüsch in den fünfziger Jahren vor allem durch seine zahlreichen Auftritte im Rundfunk, dem damaligen Leitmedium der Nation. In siebzig Soloprogrammen erwarb er sich den Ruf des scharfzüngigen Wortakrobaten und Zeitgeist-Kritikers, der sich selbst gern als "schwarzes Schaf vom Niederrhein" bezeichnete. Kein Wunder also, dass er im Jahr 1999 zum Schirmherrn des niederrheinischen Kabarettpreises "Das schwarze Schaf" avancierte.
Hanns-Dieter Hüsch
Hanns Dieter Hüsch begann 1949 als Mitglied im Mainzer Studenten-Kabarett "Die Tol(l)eranten" und gründete 1956 ein eigenes Ensemble unter dem Namen "Arche Novah", das bis 1961 bestand. In den sechziger und siebziger Jahren trat er häufig im Fernsehen auf: als Kabarettist, Entertainer und Schauspieler. Ein nimmermüder Workaholic, dessen schier unerschöpfliche Produktivität erst durch einen schweren Schlaganfall im Jahr 2001 zum Stillstand gebracht wurde. Den Zweck seiner Arbeit hat er selbst einmal so charakterisiert: "Mich interessiert der Mensch, wie lange er lebt, wie er lebt, womit und wogegen er lebt. Das ist existenzielles Kabarett."
Der Lästerer Hanns Dieter Hüsch - Gespräch mit Volker Kühn, [6:27]
Hanns-Dieter Hüsch
Wolfgang Neuss
Pauker im Wirtschaftswunder
Als "Mann mit der Pauke" wurde Wolfgang Neuss (1923-1989) berühmt. Er war die schillerndste Erscheinung in der deutschen Kleinkunstszene nach 1945 und wurde zu ihrer zentralen Kultfigur. In der Adenauerära hat keiner die Mächtigen so gnadenlos durch den Kakao gezogen wie er.
1949 fand Neuss in Wolfgang Müller einen kongenialen Partner, mit dem er in den fünfziger Jahren große Erfolge auf den Kabarettbühnen und als Nebendarsteller im Film feierte (zum Beispiel in "Das Wirtshaus im Spessart", "Wir Wunderkinder", "Rosen für den Staatsanwalt"). In den frühen sechziger Jahren reüssierte Wolfgang Neuss nochmals als Solokabarettist, allmählich begann aber sein Stern zu sinken.
Wolfgang Neuss
Unter dem Einfluss der APO und bei wachsendem Drogenkonsum verabschiedete er sich in den siebziger Jahren vom Kabarett und führte fortan eine Bohème-Exististenz in Berlin. Ein letztes Comeback brachten die achtziger Jahre, in denen Wolfgang Neuss nochmals auf die Bühne zurückkehrte und in den Medien erneut von sich reden machte: als kabarettistischer "Guru", dessen ungebrochene Spottlust nichts verschonte, auch das eigene Metier nicht, von dem er zuletzt sagte: "Kabarett ist doch eigentlich völlig überflüssig, wir machen es doch ununterbrochen. Das ist der Fortschritt, dass die Leute heute – wie soll ich sagen –, einen selbstverständlichen Humor haben, der gar nicht mehr als solcher betrachtet wird."
Wolfgang Neuss - Gespräch mit Volker Kühn, [5:03]
Gespräch mit Wolfgang Neuss 1984, [58:28]
Wolfgang Neuss
Lacher und Schiesser
Die Ära Dieter Hildebrandt
Im Jahr 1956 öffnete in München das wohl erfolgreichste Kabarett Nachkriegsdeutschlands seine Pforten: die "Münchner Lach- und Schiessgesellschaft". Die Gründer waren Sammy Drechsel (1925-1986) und Dieter Hildebrandt (geb. 1927). Berühmt wurde das Ensemble ab 1957 durch die Fernsehübertragungen der ARD, die zu regelrechten Straßenfegern wurden.
"So dicht musst Du ihn vorbei spielen!" - Dieter Hildebrandt erklärt den "Schalker Kreisel".
Auch außerhalb der "Lach- und Schiessgesellschaft" machte Dieter Hildebrandt Karriere: als Schauspieler in Film und Fernsehen sowie als Moderator eigener TV-Kabarett-Serien: "Notizen aus der Provinz" (ZDF 1972-1979) und "Scheibenwischer" (1980-2003). Legendär war auch seine Zusammenarbeit mit dem österreichischen Kollegen Werner Schneyder, die in ihrem gemeinsamen Auftritt in der Leipziger "Pfeffermühle" 1985 gipfelte.
Die Ära Dieter Hildebrandt - Gespräch mit Volker Kühn, [5:46]
Gespräch mit Dieter Hildebrandt 2007, [22:12]
Homepage: Dieter Hildebrandt
Münchner Lach- und Schiessgesellschaft
Inzwischen ist Dieter Hildebrandt achtzig Jahre alt, doch von Ruhestand kann bei ihm keine Rede sein. Seit Jahren ist er als Buchautor höchst erfolgreich und tourt auf Lesereisen mit prall gefülltem Terminkalender durch Deutschland. Und in seinen Auftritten spielt er die Rolle, die ihm seit über fünfzig Jahren auf den Leib geschneidert ist: die Rolle des satirischen Alleinunterhalters, der mit funkelndem Sprachwitz sein Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Und auch mit Achtzig schüttelt der Altmeister des Kabaretts voller Selbstironie die Pointen aus dem Ärmel: "Ich suche verzweifelt nach einem letzten Satz vor meinem letzten Atemzug. Falsch ist mit Sicherheit: Morgen ist auch noch ein Tag. "
Kalender
Info: Ein Abend für...
![La Strada [Quelle: Rainer Krause, Rainer Krause] La Strada [Quelle: Rainer Krause, Rainer Krause]](/nordwestradio/sendungen/ein_abend_fuer/infobild120_v-mediateaser.jpg)
Der "Abend für…" ist ein akustisches Überraschungsei, mal als große Oper live aus der Metropolitan Opera in New York, mal zum Geburtstag von Joachim Ringelnatz oder Randy Newman, aber auch mal 120 Minuten über Gärten, das Weltall oder "die 68er". Jeden Samstag, immer anders. An jedem ersten Samstag im Monat gibt es auf diesem Sendeplatz Mare Radio und an jedem letzten Samstag Redefreiheit, eine Call-in-Sendung mit Eugen Drewermann.
Sendezeit:
Sa., 19:05 - 21:00 Uhr
Wagner 200
Richard Wagner's Musik war anders und überschritt die damaligen Grenzen. Die Figuren in seinen Werken scherten aus der Normalität aus. In der Sendung stellen wir diese Außenseiter und ihre Musik vor. Erleben Sie zum Beispiel Tristan und Isolde, die aus Liebe mit der moralischen Norm brechen. Mehr...
22. Mai, 20:05 Uhr | Nordwestradio
Lesebuch: Robert Musil
Der österreichische Schriftsteller Robert Musil hat fast zwanzig Jahre lang an seinem Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" gearbeitet. Sie können es hören in unserem "Lesebuch". Mehr...
radiobremen.de nun auch mobil
Seit Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. Das gilt natürlich auch für die Homepage des Nordwestradio. Mehr...
Suche
Nordwestradio durchsuchen:
Info & Service
Plattdeutsches bei Radio Bremen
Mögen Sie Plattdeutsch? Oder wollen Sie es lernen? In unserem Plattdeutsch-Spezial bieten wir Ihnen einen Anfängerkurs mit den wichtigsten Regeln und vielen Übungen. Mehr...
Neues Digitalradio-Angebot
Radio Bremen hat ein neues Digitalradio-Angebot gestartet. Damit können Sie das Nordwestradio in rauschfreier Qualität empfangen. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Nach Millionen-Minus: Bremer Politiker kritisieren Flughafen-Chefs
Antrittsbesuch des Präsidenten: Gauck lobt Bremer Anstrengungen
Studie der Krankenkasse: Mehr Menschen mit resistenten Keimen infiziert
Nach tödlichem Unfall: Fischereihafen-Rennen wird 2014 fortgesetzt