22. August 2012, 19:05 Uhr
Feature
Rudolf Alexander Schröder
Am 22. August 2012 jährt sich zum 50. Mal der Todestag von Rudolf Alexander Schröder (1878-1962). Für Hugo von Hofmannsthal spiegelte sich im Werk des Bremer Dichters "deutsche Grazie und Anmut". Peter Rühmkorf hingegen klassifizierte ihn wegen seiner nationalistisch getönten Dichtung aus dem Ersten Weltkrieg als "gefährlichen Verseschmied und fatal chauvinistischen Jugendverführer". Beide Meinungen kennzeichnen die kontroverse Beurteilung von Zeitgenossen und Nachwelt. Ehedem bewundert als Meister neoklassischer Sprachkunst, wird Schröder heute zumeist als Repräsentant eines überholten und fragwürdigen Literaturideals abgetan. Dabei ist es möglicherweise gerade das Unzeitgemäße an Schröder, das ihn für die Gegenwart interessant machen könnte. Bemerkenswert an ihm bleibt die erstaunliche Vielseitigkeit als Dichter, Übersetzer, Architekt, Musiker, Maler, Herausgeber und Theologe. Wie auch die eigensinnige Universalität seines Denkens und der weitgespannte Bildungshorizont dieses "letzten großen Vertreters der deutschen Gelehrtenrepublik" (Siegfried Lenz).
Michael Augustin und Walter Weber haben aus zahlreichen historischen Originaltönen und aktuellen Interviews ein Feature zusammengestellt – unter anderem mit Aufnahmen von Rudolf Alexander Schröder, seiner Nichte Lilot Heye, Hugo von Hofmannsthal, Carl Jakob Burckhardt, Peter Suhrkamp, Paul Celan, Peter Rühmkorf, Michael Krüger, Eduard Beaucamp, und den beiden Söhnen Rudolf Borchardts: Kaspar und Cornelius.
Sprecher: Cornelia Schramm, Christoph Hohmann
Ton und Technik: Markus Freund
Regieassistenz: Ilka Bartels
Regie: Hans Helge Ott
Redaktion: Michael Augustin
Produktion: Radio Bremen 2012
Rudolf Alexander Schröder: Ein großer Europäer aus Bremen
Unter diesem Titel veranstaltet die Theodor-Spitta-Gesellschaft
vom 6.- 9. September 2012 im Bremer Schütting eine internationale Tagung zur
50. Wiederkehr des Todestages von Rudolf Alexander Schröder.
Homepage Literarische Woche
Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung
Interview mit Professor Hans-Albrecht Koch:
50. Todestag: Rudolf Alexander Schröder, [12:08]
Uralte Stadt am grauen Strom,
Verwittert Giebelwerk und Zinnen;
Und blickst doch zum bewölkten Dom
Des Norderhimmels auf voll Minnen,
Als wärest du die junge Braut,
Die sich begibt der spröden Wehre,
Daß sie vom Gott, vor dem ihr graut,
Halbgöttliches Geschlecht gebäre.
(…)
Ja, Vaterstadt, ja, sei gegrüßt
Und bleibe deinem Sohn gewogen,
Der keine Flur so selig wüßt,
Daß du ihn doch nicht heimgezogen.
Verging mit Leben und Gedicht
Der Dienst, drin ich dir, Mutter, fröne,
So sprich: er war der beste nicht,
Doch war er einer meiner Söhne.
Rudolf Alexander Schröder: Die weltlichen Gedichte; Berlin 1940, S. 432
Bremer Rathaus
Seiner Geburtsstadt Bremen hat Rudolf Alexander Schröder verschiedentlich literarische Denkmale gesetzt. Wie auch die Bremer nicht damit gegeizt haben, ihrem berühmtesten Dichter die Honneurs zu machen. Etwa als Ehrenbürger des Jahres 1948 oder als Stiftungspatron des Bremer Literaturpreises. Ein Leben, das 1878 in Bremen begonnen hat.
Geboren wird Rudolf Alexander Schröder als fünftes Kind einer Kaufmannsfamilie am 26. Januar 1878 in der Ellhornstrasse Nummer 19 am Rand der Bremer Innenstadt. Er wird in eine gutbürgerliche Welt hineingeboren. Sein Vater besitzt eine Handelsfirma und ist Präses der „Norddeutschen Missionsgesellschaft“ in Bremen. Johannes Schröder ist eine patriarchalische Respektsperson von strenger Moral und Religiosität, der ein gottgefälliger Lebenswandel über alles geht.
"Mein Elternhaus gehörte von Vaters und Mutters Seite her zu den „frommen“. Mein Vater, in der damals noch streng reformierten Überlieferung der Vaterstadt groß geworden, war einer der Mitgründer der Friedenskirche, an der Otto Funcke seine weit über die Grenzen Bremens berühmte Kanzel hatte. So war es denn eine dem Pietismus nahestehende und zudem durch englische Einflüsse bestimmte Frömmigkeit, die die geistige Atemluft unseres Hauses bildete." (Rudolf Alexander Schröder: Unser altes Haus …)
Schulgebäude des Alten Gymnasiums an der Dechanatstraße (1875 - 1987)
Das obligatorische Schullatein erlernt Rudolf Alexander Schröder also ab 1888 als Eleve des Alten Gymnasiums in Bremen. Ein traditionsreiches Institut, in dem der altphilologische Unterricht als non plus ultra humanistischer Bildung gepflegt wird.
In einem Radio-Bremen-Interview aus dem Jahr 1960 hat sich Schröder an seine Schulzeit erinnert:
"Ich bin angefangen mit Latein, das kann so im Herbst 88 gewesen sein. Da fingen wir an 'mensa' zu deklinieren und waren außerordentlich stolz, wenn wir so einige Versregeln auswendig wussten. Dann sind dann doch sehr streng in die Schule genommen worden von einem strengen, aber gerechten Lehrer, der hat uns sehr streng vorgehabt, wir mussten die lateinischen Konjugationen von hinten nach vorne abschnurren können, nicht wahr, so wie ein Filmband. Wir haben gleich die 'Odyssee' vorgelegt gekriegt und angefangen drin zu lesen. Kein Mensch hat damals auch nur den leisesten Zweifel daran gehegt, dass das die Grundlage für alles heutige Wissen und für alles Lernen sei."
Im Alten Gymnasium wird nicht nur der Grundstein gelegt für Schröders lebenslange Beschäftigung mit klassischer Philologie, hier werden auch kühne Zukunftspläne geschmiedet. Sein Mitschüler ist Alfred Walter Heymel, der Adoptivsohn des reichen Bremer Kaufmanns Adolph Heymel, mit dem die Schröders verwandt sind. Und mit seinem Vetter träumt Rudolf Alexander Schröder von einer glanzvollen Literaten-Laufbahn.
"Ich bin mit meinem Vetter Heymel seit meinem 12. Jahr eigentlich täglich zusammen gewesen und schon auf der Schule (schon als wir in Prima saßen, er saß eine Klasse unter mir) hatten wir den Plan, wir würden einmal eine Zeitschrift gründen. Das hing wohl hauptsächlich auch damit zusammen, dass wir uns von der englischen Bewegung 'Arts and Crafts' und von dem, was uns damals schon an größerer englischer Literatur der Zeit zugänglich war, beeinflussen ließen. Und dazu kam eben die neue Bewegung in Deutschland – George wurde uns früh bekannt und neben ihm als eine uns doch näher stehende und weit tiefer von uns verehrte Gestalt: Hofmannsthal.“ (aus: Rundfunk-Gespräch mit Rudolf Alexander Schröder, SDR 1951)
Feldherrnhalle und Theatinerkirche in München
Erstaunlich schnell verwirklicht sich der Jugendtraum der beiden Literatur-enthusiasten. Heymel erbt das Millionenvermögen seines Adoptivvaters und ist fortan ein "Hans im Glück". Die Vettern übersiedeln nach München, lernen den Publizisten Otto Julius Bierbaum kennen und publizieren im Oktober 1899 die erste Nummer eines Literaturmagazins, das Epoche machen sollte:
"Die Insel – Monatsschrift mit Buchschmuck und Illustrationen. Herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, Alfred Walter Heymel und Rudolf Alexander Schröder."
Eine "Oase" des gehobenen literarischen Geschmacks will die neue Zeitschrift sein und ein Sprachrohr für die Aufbruchstimmung der jungen Generation der Jahrhundertwende. Zu den Autoren zählen so illustre Namen wie Paul Verlaine, August Strindberg, Frank Wedekind, Arno Holz und Rainer Maria Rilke.
Finanziert von Heymel werden luxuriöse Redaktionsräume in München eingerichtet. Geradezu fürstlich ist das Logis, das sich der Hausherr Heymel gönnt. Eine weiträumige Etage in einem Palais an der Leopoldstraße wird von Schröder aufs Feinste hergerichtet und mit selbstentworfenem Mobiliar eingerichtet. Dafür kontaktiert man Münchens führenden Jugendstil-Architekten Michael Dülfer, der den Auftrag an seinen Assistenten Paul Ludwig Troost weiterreicht – den späteren Architekten von Adolf Hitler.
Für Dirk Heisserer, Autor und bester Kenner des literarischen München, hat das Projekt der Insel-Zeitschrift eine geradezu europäische Dimension: "Die 'Insel' hat eurpäische Literaturgeschichte geschrieben. Französische Autoren – André Gide waren hier genauso dabei wie englische Autoren. Wir haben die Entdeckung von Robert Walser, Annette Kolb und der von Schröder so unendlich hochgehaltene Hugo von Hofmannsthal. Illustratoren kamen zum ersten Mal in Schwung Emil Rudolf Weiß, Heinrich Vogeler aus Bremen, den ja Schröder mitgenommen hatte nach München, Markus Behmer, Thomas Theodor Heine. Also entdeckt heißt vorgestellt, versammelt in dieser Weise, wie es das in Europa bislang nicht gegeben hatte. Die Engländer machten ihres, die Franzosen machten ihres, die Deutschen hatten den 'Pan'. Und hier kommt jetzt dieser erweiternde Blick. Das war schon toll."
Das Projekt der Insel-Zeitschrift scheitert bereits nach wenigen Jahren an zu geringer Publikumsresonanz. Als im August 1902 die letzte Nummer erscheint, ist die Zahl der Abonnenten auf zweihundert geschrumpft. Genügend Personen, um ein Galadiner zu veranstalten – wie Heymel sarkastisch bemerkt –, aber viel zu wenige, um der Zeitschrift eine hinreichende finanzielle Basis zu sichern. Das belletristische Unternehmen ist allerdings keineswegs beendet. Als "Insel Verlag" wird es in Leipzig mit dauerhaftem Erfolg fortgeführt.
Das ehemalige Haus der "Insel" an der Münchner Leopoldstraße
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Info: Feature
![Mischpult [Quelle: Radio Bremen] Mischpult [Quelle: Radio Bremen]](/nordwestradio/sendungen/feature/infobild122_v-mediateaser.jpg)
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