31. Januar 2012, 9:05 Uhr
Gesprächszeit
40 Jahre hat der Radikalenerlass überdauert, bis er endgültig auch offiziell zum politischen alten Eisen gelegt wurde. Beschlossen wurde er am 28. Januar 1972 vom damaligen sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt und den Ministerpräsidenten der Bundesländer. Was daraus folgte war eine Überprüfungswelle, die 3,5 Millionen Menschen erfasste. Briefträger und Lokomotivführer, Lehrerinnen und Krankenschwestern wurden auf ihre Verfassungstreue untersucht. Schon Unterschriften auf Flugblättern linker Organisationen, von denen es damals zahlreiche gab, wurden ihnen beruflich zum Verhängnis. 10.000 vorwiegend junge Menschen erhielten das sogenannte Berufsverbot.
In Bremen traf es 70 Menschen. Sie verloren ihre Arbeit, wurden aus dem Schuldienst oder der Universität getrieben. Viele von ihnen verzweifelten daran. Und viele kämpften über Jahre gegen diesen Erlass, der sie zu Feinden der Verfassung stempelte. Barbara Larisch war eine von ihnen. Sie hatte 1975 in Bremen gerade ihren Berufsweg als Lehrerin an der Gesamtschule Ost begonnen, als sie zu einem Dienstgespräch zum damaligen sozialdemokratischen Bildungssenator Moritz Thape zitiert wurde. Er befragte die junge Frau zu ihren politischen Überzeugungen. Sie aber wollte nur Fragen zu ihrem Dienst beantworten, nicht jedoch zu ihrer politischen Betätigung. Damit bewies sie nach Ansicht der Schulbehörde ihre feindliche Einstellung zur Verfassung der Bundesrepublik Deutschland.
Ein jahrelanger juristischer Streit entbrannte. 1979 wollte die Behörde der nun schwangeren Lehrerin mit Hinweis auf den Radikalenerlass kündigen. Obwohl Eltern und Schülerinnen und Schüler sich für ihre Lehrerin stark machten, folgten weitere Prozesse und schließlich Entlassung inklusive Hausverbot. Erst 1985 endete der juristische Streit mit einem Vergleich. Die Lehrerin bekam eine halbe Stelle im Schuldienst. Zermürbende Jahre, die Barbara Larisch und ihre Familie viel Kraft gekostet haben.Doch verbittert ist sie nicht. Das sagt sie heute, nachdem sie auf ein erfolgreiches Berufsleben zurückblicken kann, das sie als stellvertretende Schulleiterin beendete. Willy Brandt sagte später, er hätte den "Unfug“ des Radikalenerlasses nie mitgemacht, wenn er geahnt hätte, was damit in Gang gesetzt wurde.
40 Jahre nach der Verabschiedung des Radikalenerlasses diskutieren in der Gesprächszeit mit Nordwestradio-Moderator Otmar Willi Weber zwei Zeitzeugen: die ehemalige Lehrerin Barbara Larisch und der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf, der dem Radikalenerlass schon damals kritisch gegenüberstand. Doch qua Amt – er war 1979 Senator für Jugend, Soziales und Sport und danach Bildungssenator – wurde er direkt mit dem Fall Larisch befasst.
Barbara Larisch / Henning Scherf Radikalenerlass (1), [3:44]
Barbara Larisch / Henning Scherf Radikalenerlass (2), [9:03]
Barbara Larisch / Henning Scherf Radikalenerlass (3), [8:23]
Barbara Larisch / Henning Scherf Radikalenerlass (4), [10:04]
Barbara Larisch / Henning Scherf Radikalenerlass (5), [9:04]
Info: Gesprächszeit
![Radio Bremen Mikrofon Blau [Quelle: Radio Bremen, Foto: Martin von Minden] Radio Bremen Mikrofon Blau [Quelle: Radio Bremen, Foto: Martin von Minden]](/nordwestradio/mikrofon100_v-mediateaser.jpg)
Gespräche mit Prominenten und Zeitzeugen aus Kultur, Politik und Wirtschaft.
Sendezeit:
Mo. - Sa., 9:05 - 10 Uhr
Mo. - So., 15:05 - 16 Uhr
Rückblick: Gesprächszeit
Service
Alle Geprächszeiten
Zum Anhören in der Mediathek. Mehr...
Pro musica antiqua 1985: Festliches Barock-Konzert
Für die "Pro musica antiqua" 1985 hatte Radio Bremen den Flötisten Hans-Martin Linde und sein in Basel ansässiges Linde-Consort zu einem Konzert mit festlicher Barockmusik in die Ansgariikirche in Bremen eingeladen. Mehr...
26. Mai, 17:05 Uhr | Nordwestradio
Fontane: Unterm Birnbaum
Der Roman "Unterm Birnbaum" erschien 1885. Das scheinbar abseitigste Werk des alten Fontane wurde kaum beachtet. In zwanzig Kapiteln erzählt Fontane eine Mordgeschichte aus dem Oderbruch, die an ein dörfliches Macbeth-Drama erinnert. Mehr...
Poetry on the Road 2012
Vom 30. Mai bis 4. Juni 2012 ist Bremen mit dem Internationalen Literaturfestival "Poetry on the Road“ kultureller Treffpunkt für 24 Dichter aus 15 Nationen. Etablierte Autoren der Weltliteratur Seite an Seite mit hoch interessanten Neuentdeckungen bringen auf Einladung von Radio Bremen und der Hochschule Bremen die Weltsprache Poesie an die Weser. Mehr...
Suche
Nordwestradio durchsuchen:
Info und Service