7. Februar 2012, 9:05 Uhr
Gesprächszeit
Dr. Dorothee Hansen, stellvertretende Direktorin der Kunsthalle Bremen und Kuratorin der Munch-Ausstellung
Das Werk des norwegischen Malers Edvard Munch wurde bisher vor allem biographisch interpretiert. Die Bremer Ausstellung, die noch bis zum 26. Februar gezeigt wird, geht neue Wege, sagt die stellvertretende Direktorin der Kunsthalle. Sie lädt den Besucher zum Vergleich ein. Denn Munch hat viele Motive und Gesten über Jahre hinweg variiert und so neuen Bedeutungen erschlossen.
Im Mittelpunkt der Ausstellung "Rätsel hinter der Leinwand" stehen zwei Bilder aus dem Besitz der Bremer Kunsthalle. Vor über sechs Jahren fanden Restauratoren hinter dem Munch-Gemälde "Das Kind und der Tod" ein zweites Bild. Eine kleine Sensation. Die Kuratoren nannten es "Mädchen mit drei Männerköpfen". Ein nacktes Mädchen im Profil ist darauf zu sehen, verschämt sitzt es auf einer Bank. Drei große maskenhafte Männerköpfe schweben neben ihr, Hände greifen vom Rand ins Bild hinein, scheinen das Mädchen zu bedrohen. Diese symbolistische Komposition ist in Munchs Oeuvre einzigartig, doch die einzelnen Motive tauchen in seinem Werk immer wieder auf, erzählt die Kuratorin Dorothee Hansen.
Sie lädt den Besucher ausdrücklich ein, der Spurensuche zu folgen, daran teilzuhaben, die Rätsel zu lösen: Warum hat Munch das Bild mit einer neuen Leinwand überspannt? Hat er es verworfen oder dahinter einfach vergessen? Und was bedeutet diese Komposition? 35 Gemälde und über 45 Graphiken und Zeichnungen, die sich um die Themen Krankheit und Tod, Leiden und Lieben drehen, laden in der Ausstellung zum Vergleich ein. "Wir haben viele Werke versammelt, in denen diese Motive vorkommen, und der Besucher ist eingeladen, selbst diese Beziehungen herzustellen. Das ist eine interessante Sache, bei der man immer wieder auf neue Aspekte kommt und automatisch in das Werk von Munch und in seine Bildsprache eintaucht", erzählt Hansen.
Es sind die Gesten, die oftmals zu erstaunlichen Einsichten führen. Und die neuen Räume der Kunsthalle schaffen hierfür eine fast intime Atmosphäre. Im berühmten "Schrei" von 1895 hält sich der Leidende den Kopf. Vier Jahre später malt Munch ein Kind, das sich die Ohren zu hält. Im Hintergrund sieht man das Sterbebett der Mutter. Im "Schrei" aber wirkt die Geste viel bedrohlicher. Das Bild steht in der Tradition der Totenbildnisse. Ungewöhnlich ist nur, dass Munch die emotionale Reaktion der Überlebenden zeigt, im Falle des Kindes, ist es das stumme Entsetzen.
In der Ausstellung sind zahlreiche dieser Ausdrucksfiguren zu sehen, also Menschen im Bild, die den Betrachter direkt anblicken. Sie sind der Dialogpartner, über den der Betrachter Zugang zum Bildthema findet, erläutert die stellvertretende Direktorin der Kunsthalle, Dorothee Hansen im Gespräch mit Nordwestradio-Moderatorin Inken Steen. Die biographischen Details bieten da nur ein zusätzliches Wissen. Munch hat als Fünfjähriger den Tod der Mutter erleben müssen, sie stirbt an Tuberkulose. Als er 14 war, ist die ältere Schwester Sophie gestorben. Als sein Vater starb, 1889, lebte er ein Paris – das Thema Tod prägt sein Leben und Empfinden, und es wird zu einem Hauptthema in seinem Werk.
Dorothee Hansen zur Munch-Ausstellung (1), [10:56]
Dorothee Hansen zur Munch-Ausstellung (2), [4:36]
Dorothee Hansen zur Munch-Ausstellung (3), [7:56]
Dorothee Hansen zur Munch-Ausstellung (4), [6:43]
Dorothee Hansen zur Munch-Ausstellung (5), [8:23]
Info: Gesprächszeit
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