7. Januar 2012, 9:05 Uhr
Gesprächszeit
"Ich bin ein Brückenkind" sagt der Komponist, denn von Klein auf musste er für seine gehörlosen Eltern der Mittler sein zwischen der Welt der Hörenden und Welt der Stille. Eine ständige Überforderung.
Helmut Oehring
Aber auch sonst ist er anders als andere Kinder, damals in den 1960er Jahren in Ostberlin. Seine Muttersprache, die Gebärdensprache, für ihn die "vielleicht schönste und ausdrucksstärkste Sprache der Welt“, funktioniert in der Außenwelt nicht. Erst mit vier lernt er die Sprache der anderen, doch sie bleibt ihm fremd. Die Klassenkameraden spüren sein Anderssein, er wird gemobbt, die Schulzeit für ihn zur Qual.
Der 13jährige versucht, sich unsichtbar zu machen, Fluchtorte zu finden. Einer dieser Orte wird die Musik. Ein Schutzraum, den er ganz für sich hat. Denn in der Schule läuft es nicht gut. Er schwänzt wochenlang, wird auffällig. Nach der zehnten Klasse lernt er Autobahnbauer, arbeitet als Friedhofsgärtner, Altenpfleger, Nachtwächter. Und dann entdeckt er die Neue Musik. Als er zum ersten Mal Arnold Schönbergs "Pierrot Lunaire“ hört, trifft es ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Oehring wird süchtig nach diesen Klängen, die so schrill, schockierend und dissonant sind, besucht Konzerte, bringt sich selbst das Notenlesen bei und beginnt schließlich zu komponieren, ganz auf sich allein gestellt. Sein erstes Werk: ein Streichquartett.
Kurz vor der Wende findet er Förderer, wird Meisterschüler des Komponisten Georg Katzer, und bekommt später zahlreiche Auszeichnungen, darunter auch den Arnold Schönberg Preis, und wird selbst Mitglied der Akademie der Künste. Heute zählt Helmut Oehring zu den maßgeblichen und erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten, sein Oevre umfasst mehr als 200 Werke, die auf der ganzen Welt aufgeführt werden. Er experimentiert mit Klang, Stimme, Sprache – und hat als erster Komponist überhaupt gehörlose Sänger als "Gebärdensolisten“ in seine Werke integriert. Denn für ihn ist Musik die hörbar gemachte Gebärde – die einzige Sprache, die seiner Muttersprache nahe kommt. Vor kurzem hat Oehring seine Autobiografie "Mit anderen Augen“ veröffentlicht. Er lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern bei Berlin und arbeitet gerade an zwei großen Opernwerken.
Nordwestradio-Moderatorin Monika Hebbinghaus spricht mit Helmut Oehring über seine Kindheit als Mittler zwischen den Welten, seine Selbstbefreiung durch die Musik und klärt auch die Frage, warum auf den Festen der Gehörlosen zu DDR-Zeiten stets eine Band gespielt hat.
Helmut Oehring (1), [8:04]
Helmut Oehring (2), [7:21]
Helmut Oehring (3), [8:23]
Helmut Oehring (4), [6:22]
Info: Gesprächszeit
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