27. April 2013, 15:05 Uhr
Literaturforum
Die Kritikerrunde, v.l.: Dr. Lore Kleinert; Gerald Sammet, Karsten Binder, Dr. Elke Schlinsog
Redaktion: Karsten Binder
Das Vorbild für die Hauptperson Gregor ist der Erfinder Nikola Tesla, Gregor ist zwar genial, aber nicht allzu oft erfolgreich. Er ist seiner Zeit weit voraus aber zugleich von Zwängen geplagt und von allerlei Obsessionen. Ein seltsamer Vogel mit einer Zuneigung zu Tauben, die er in seinem Hotelzimmer gesundpflegt, im krassen Widerspruch zu seiner Phobie vor Bazillen und Mikroben. Einer, der am liebsten allein ist und zugleich solch grandiose Ideen hat, zum Beispiel mit einer einzigen Lichtquelle den ganzen Planeten zu erhellen. Der Autor spielt mit den Fakten auf vergnügliche Weise, um Gregor als historische Figur lebendig werden zu lassen. Psychologische Entwicklungen interessieren Echenoz nicht. Er hat ein Faible für skurrile Details. Aus ihnen konstruiert er diesen hochbegabten und zugleich sonderbaren Menschen.
Jean Echenoz: "Blitze", Berlin Verlag, 143 Seiten, 17,99 Euro.
Roman über Nikola Tesla, [9:33]
Als David Grossman gerade sein Buch beendete "Eine Frau flieht vor einer Nachricht", erhielten er und seine Frau die Nachricht, dass ihr Sohn Uri auf dem Rückzug seiner Panzereinheit von einer Hisbollah-Rakete getötet wurde. Sieben Jahre danach hat er eine große Totenklage und zugleich eine Beschwörung geschrieben, denn der Vater will nichts weniger als die Erinnerung vom Schmerz trennen, um an den Sohn denken zu können, ohne den "Schmerzbrand der Erinnerung". Grossman imaginiert einen Zug, dem sich immer mehr Menschen anschließen. Der Untertitel heißt "Eine Erzählung für Stimmen" – eine Netzflickerin, ein Herzog, der Rechenlehrer, der Zentaur und die Hebamme bilden einen vielstimmigen Chor, der an ein Hörspiel erinnert. Erst diese Bewegung im Schmerz löst die Zunge und schafft eine Verbindung zum Leben in der Gegenwart. Entstanden ist ein eindrucksvolles Buch, das man langsam lesen muss. Ein Buch über die Trauer, und was sie mit dem Leben zu tun hat, und insofern auch ein Anschreiben gegen die Versteinerung und Erstarrung, die der Verlust auslöst, in kunstvollen Wortkaskaden.
David Grossman: "Aus der Zeit fallen", Hanser Verlag, 128 Seiten, 16,90 Euro.
Der neue Roman von David Grossman, [7:58]
Ein Brevier, angefüllt mit Beobachtungen und Erkenntnissen, die alle auf profundem Wissen über die Kultur und die Kunst und auch die politischen Verhältnisse in diesem letzten Jahr vor dem Ersten Weltkrieg beruhen. Illies bringt die Dichter und Maler und gekrönten Häupter oder zukünftigen Diktatoren leichtfüßig zusammen. Ein beeindruckendes Panorama, das er da aufblättert, mit großer Leichtigkeit und zugleich Genauigkeit. Er weiß bestens Bescheid darüber, wer da wen, wann künstlerisch befruchtet hat, was andere zur gleichen Zeit taten oder planten. Illies berichtet Anekdoten über Schriftsteller wie Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Thomas Mann, Robert Musil und über die Maler Franz Marc, Egon Schiele, Ernst Ludwig Kirchner, Picasso, Oskar Kokoschka und viele andere.
Florian Illies: "1913 - Der Sommer des Jahrhunderts", S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro
Roman über das Jahr 1913, [8:44]
In dreizehn Kapiteln zerlegt Eva Menasse die Biografie einer Frau in ihre unterschiedlichen Aspekte, zeigt sie als Mutter und Tochter, als Freundin, Mieterin und Patientin, als flüchtige Bekannte und treulose Ehefrau. Aus diesem Mosaik tritt auf magische Weise ein kühner Roman hervor, der wie nebenbei die Fragen nach Wahrnehmung und Wahrheit stellt. Eva Menasse hat einen unbestechlichen Blick für Frauen in der Gesellschaft, ihre menschlichen Schwächen und das, was man an ihnen lieben muss. Furchtlos und subtil erzählt sie von einer aberwitzigen Auschwitz-Exkursion, vom Arbeitsalltag einer Kinderwunschärztin oder von den Mutproben der pubertierenden Tochter in der Patchwork-Familie ihrer Heldin. Ein energisches Buch, poetisch, komisch und bestürzend, dessen Titel der Naturwissenschaft entliehen ist.
Eva Menasse: "Quasikristalle", Kiepenheuer und Witsch Verlag, 432 Seiten, 19,99 Euro
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![Büchertisch mit Neuerscheinungen [Quelle: Radio Bremen] Büchertisch mit Neuerscheinungen [Quelle: Radio Bremen]](/nordwestradio/sendungen/literaturforum/info164_v-mediateaser.jpg)
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Robert Cray Band
Robert Cray hatte schon das hohe Alter von Dreißig erreicht als er Anfang der achtziger Jahre mit seiner Blues-Band bekannter wurde. Seitdem hat er fast jedes Jahr eine neue CD herausgebracht. Für einige davon hat er bereits fünf Grammys gewonnen und wurde 2010 in die "Blues Hall of Fame" aufgenommen. Mehr...
4. Juni, 22:05 Uhr | Nordwestradio
Lesebuch: Anna Seghers
In den aktuellen Folgen des Lesebuchs hören Sie den Roman "Aufstand der Fischer von Sankt Barbara" von Anna Seghers. Mehr...
Erfahren, woher wir kommen
Das Nordwestradio setzt seine erfolgreiche Veranstaltungs- und Sendereihe "Erfahren, woher wir kommen" fort. Jürgen Stenzel liest "Gargantua und Pantagruel" von François Rabelais. Hanjo Kesting kommentiert das Werk. Mehr...
29. Mai 2013, 19:00 Uhr | Stadtbibliothek Bremen, Wall-Saal
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