Warum der Erzähler sich eines Morgens auf den Weg zu einem Briefkasten am Dresdner Stadtrand macht, weiß er nicht. Es ist allerdings nicht irgendein Briefkasten, sondern der Wladimir Putins, der in den achtziger Jahren hier gelebt hat. Aber der Briefkasten ist verschwunden. Was der Erzähler allerdings auf seiner Spurensuche entdeckt und aufschreibt, gerät zu einem aufschlussreichen Kurzporträt des machtbesessenen russischen Politikers. Auch die anderen Erzählungen in Marcel Beyers neuem Buch haben ihren Ausgangspunkt in ganz konkreten Dingen: Da geht es um eine von Rimbaud aufgegebene Anzeige, ein kleinformatiges Gemälde von Gerhard Richter, Lessings Ofenschirm in Wolfenbüttel. Und jedes Mal knüpft Beyer daran seine Überlegungen zur Sprache, zur Kultur, zur politischen Geographie. So wird "Putins Briefkasten", eine Sammlung unveröffentlichter Erzählungen und Denkbilder, zu einem Buch über Wahrnehmung, Stil, Hören und Schreiben. Jürgen Werth hat das Buch gelesen.