27. Oktober 2012, 23:05 Uhr
Literaturzeit
Sigrid Löffler
Christoph Ransmayr ist ein Schriftsteller, der sich immer wieder ins Freie, ins Weite, in die Fremde gewagt hat, ob das nun das nördliche Polarmeer, die Bergwelt des Himalaya oder die Südsee war. Die Erfahrungen und Eindrücke, die er dort gemacht hat, sind in seine Romane eingeflossen, man denke nur an "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" oder an "Der fliegende Berg".
Jetzt hat Christoph Ransmayr ein neues Buch herausgebracht, den "Atlas eines ängstlichen Mannes". Darin versammelt er siebzig Texte, in denen er von merkwürdigen, schrecklichen, berührenden, geheimnisvollen Begegnungen in der Fremde erzählt, immer subjektiv gebrochen durch seine individuelle Perspektive. Da geht es um ein Erdbeben in Griechenland oder einen Besuch Pitcairns, der Insel der Bounty-Meuterer, um eine Irrenanstalt, in der politische Häftlinge festgehalten werden, oder den Tod des eigenen Vaters auf einer Parkbank – mit einer Erzählerstimme, die uns voll Respekt das "Fremde" nahebringt. Ein Gespräch mit der Literaturkritikerin Sigrid Löffler.
Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes - Gespräch mit Sigrid Löffler, [7:30]
Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes; S. Fischer Verlag; 456 Seiten; 24,99 €
Redaktion und Moderation: Dorothee Schmitz-Köster
Eigentlich hieß er Hans Chaim Mayer – der Schriftsteller Jean Améry, der am 31. Oktober 1912 vor hundert Jahren in Wien geboren wurde. Katholisch aufgewachsen, galt er den Nazis dennoch als "jüdisch" – und wurde deshalb verfolgt. Améry konnte zuerst entkommen, ging nach Belgien, wurde dort aber 1940 festgenommen, ins französische KZ Gurs deportiert – und konnte fliehen. Zurück in Belgien schloss er sich dem Widerstand an, wurde 1943 beim Verteilen von Flugblättern verhaftet und zuerst nach Auschwitz, dann nach Buchenwald und Bergen-Belsen verfrachtet. In "Jenseits von Schuld und Sühne" hielt er später diese Erlebnisse fest.
Nach dem Krieg arbeitete er in Brüssel als Kulturjournalist, schrieb vor allem für Schweizer Zeitungen, später dann auch für renommierte deutsche Feuilletons und die berühmte Radio-Essay-Redaktion des SDR. Immer wieder setzte er sich mit dem fortlebenden Antisemitismus auseinander und sparte dabei auch die Linke und ihre Israel-Kritik nicht aus. Zwei Jahre nach dem Erscheinen seines provokativen Buches "Hand an sich legen" beging Améry 1979 Selbstmord. Ein Porträt von Wilfried F. Schoeller.
Zum 100. Geburtstag von Jean Améry, [4:13]
Sie führte ein Leben in Extremen, die Dichterin Mascha Kaléko, die 1907 in Galizien geboren wurde und 1975 in Zürich gestorben ist. Mit sieben Jahren kam sie nach Deutschland, auf der Flucht vor Pogromen. Nach dem Ersten Weltkrieg ging sie nach Berlin und wurde dort zwischen Studium und Büroarbeit zur Lyrikerin. Schon bald hatte sie enormen Erfolg, doch 1938 war damit Schluss – die Nazis zwangen sie in die Emigration, Mascha Kaléko ging mit Mann und Kind nach New York.
In der frühen Bundesrepublik konnte sie an alte Erfolge anknüpfen – aber ungebrochene Traditionslinien veranlassten sie, nicht zurückzukehren. Ihrem Mann zuliebe ging sie nach Israel, konnte aber dort nicht heimisch werden. Dann starb zuerst der Sohn, danach der Ehemann. Vierzehn Monate später – sie plante nun doch eine kleine Dependance in Berlin – starb sie auf dem Rückweg nach Jerusalem in der Schweiz.
Mascha Kalékos Werk umfasst acht Lyrikbände, die zu Lebzeiten veröffentlicht wurden, eine Vielzahl posthumer Ausgaben und viele Briefe. Jetzt sind sämtliche Gedichte und Briefe in einer vierbändigen Ausgabe erschienen, herausgegeben von Jutta Rosenkranz. Dorothee Schmitz-Köster hat mit der Herausgeberin gesprochen.
Mascha Kaléko: Werke -Gespräch mit Jutta Rosenkranz, [6:23]
Mascha Kaléko: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden; dtv, 4068 Seiten; 78,00 € als Taschenbuch, 198,00 € gebunden
Vor vier Jahren hat die Schriftstellerin Ursula Krechel einen großen Roman über das Leben deutscher Emigranten in Shanghai geschrieben. Ein Buch, das nicht nur den unendlich schwierigen Alltag in einem fremden Land schildert, sondern auch die Seelenlagen der Frauen und Männer, die aus Nazi-Deutschland vertrieben wurden. Jetzt hat Ursula Krechel eine Art "Komplimentärband" vorgelegt.
Der Roman "Landgericht" stellt einen Emigranten ins Zentrum, der aus Kuba ins Nachkriegs-Deutschland zurückkehrt. Dort hat seine "arische" Frau die Verfolgung durch die Gestapo durchgestanden, und dorthin sollen auch die Kinder der beiden, die mit einem Kindertransport rechtzeitig nach England gebracht werden konnten, zurückkehren. Aber die Kinder sind zu Fremden geworden, das Ehepaar hat es schwer, wieder zueinander zu finden – und die deutsche Gesellschaft ist nicht bereit, dem Remigranten Richard Kornitzer Empathie und Verständnis entgegen zu bringen. Im Gegenteil, sie drangsaliert ihn von neuem, und die alten antisemitischen Muster wirken fort. Anfang Oktober 2012 ist die Autorin für "Landgericht" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Die Schriftstellerin war zu Gast in der Literaturzeit.
Landgericht - Gespräch mit Ursula Krechel, [8:40]
Ursula Krechel: Landgericht; Jung und Jung; 492 Seiten; 29,90 €
Die Entstehung dieser Erzählung war ungewöhnlich, erzählt Gerhard Wolf, der Ehemann von Christa Wolf. In einem Zug habe sie im vergangenen Jahr, wenige Monate vor ihrem Tod, die 32 Seiten umfassende Erzählung geschrieben und ihm dann zum 60. Hochzeitstag geschenkt.
Christa Wolf erzählt in diesem kleinen Text von einer authentischen Begegnung und einer authentischen Figur, dem Jungen August. Schon in ihrem großen Erinnerungsroman "Kindheitsmuster" hat sie ihm Platz eingeräumt – nun rückt sie den zehnjährigen August ganz ins Zentrum. Als sie ihm begegnet, ist sie siebzehn und wie August Patientin einer Lungenheilanstalt, wo beide ihre TBC-Erkrankung kurieren sollen. August hat auf der Flucht aus Ostpreußen seine Mutter verloren, sein Vater ist vermisst, er gilt als Waise und versucht, sich eine neue Umgebung aufzubauen. Das Mädchen Christa wird zu seiner zentralen Bezugsperson, zu seiner "Liebe", an der er auch noch festhält, als beide längst entlassen sind.
Christa Wolf: August. Suhrkamp Verlag; 38 Seiten; 14,95 €
Hörbuch: Sprecherin: Dagmar Manzel; Audioverlag; 15,99 €
Seine Biografie ist mehr als abenteuerlich – und seine Gedichte, Theaterstücke und Prosatexte erzählen häufig davon, was er, der Schriftstellersohn Johannes Schenk, als Seemann oder Bühnenarbeiter, als Künstlercafé-Betreiber in Kreuzberg oder als Worpsweder Wohnwagen-Bewohner gesehen und erlebt hat.
Vor sechs Jahren ist Johannes Schenk gestorben – jetzt erinnern Freunde an ihn, in einer Lesung im Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, am 1. November 2012 (Beginn 19.30). Es lesen Thorsten Ahrend, Jürgen Dierking und Schenks Lebensgefährtin, die Malerin Natascha Ungeheuer.
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Info: Literaturzeit
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