1. November 2009, 11:05 Uhr
Mare Radio
Gestrandetes Flüchtlingsboot bei Cadiz
Das Meer an sich gilt als schutzloser Raum. Dennoch bietet es seit Menschengedenken jene Weite, der sich die Verzweifelten anvertrauen, wenn sie Angreifern, Gefahren oder Katastrophen ausweichen wollen. Die Flucht nach vorn ist, gerade wenn sie übers Wasser führt, immer auch eine ins Ungewisse. Ist der Weg erst angetreten und das Weite nicht nur gesucht, sondern auch gefunden, dann lauern neue Ängste: Die vor einem unberechenbaren Element und seinen düsteren Geheimnissen. Mare Radio wagt einen Orientierungsflug über die Ozeane, erzählt von Flüchtlingsströmen und Auswanderern, von Träumen des Aufbruchs, von den Alpträumen einer Ankunft und vom Gefühl des Ausgeliefertseins. Mit an Bord eine Reihe von Schriftstellern, deren Fluchtpunkt das Schreiben ist, eine schnelle Bordkapelle und Captain Cook in der Kombüse.
Moderation: Stefan Pulß
Redaktion: Dr. Lore Kleinert, Stefanie Pesch, Stefan Pulß
Musik: Harald Mönkedieck
Mare Radio: Flucht - Playlist [PDF, 8 Kb]
Europa tut alles, um Flüchtlinge, die übers Mittelmeer kommen, abzuschrecken. Man schiebt sie ab, inhaftiert sie in menschenunwürdigen Lagern, lässt sie sogar ertrinken. Die EU-Organisation "Frontex" macht mit modernster Technik Jagd auf die Flüchtlingsboote. 112 Schiffe, 21 Flugzeuge und 25 Hubschrauber hat sie im Einsatz, an dem auch Deutschland beteiligt ist. "Pro Asyl", "Amnesty International" und andere Organisationen berichten, dass unter Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention Boote auf hoher See abgedrängt und zur Umkehr gezwungen werden.
Jean Ziegler ist Autor des Buches "Der Hass auf den Westen" und Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates. Für ihn sind die westlichen Industriestaaten die Hauptschuldigen an der stetigen Zunahme der Flüchtlingsströme über das Mittelmeer. Die verfehlte Agrarpolitik der EU hat entscheidend zum Anwachsen des Hungers in Afrika beigetragen, der immer mehr Menschen zu Elendsflüchtlingen macht. Die paramilitärische Bekämpfung der Flüchtlingsströme ist für Ziegler die Bankrotterklärung des demokratischen Europa, die in den Ländern der EU mit einem "Aufstand des Gewissens" beantwortet werden müsste.
Einer der frühesten Berichte der Menschheit über eine Massenflucht steht im Alten Testament: die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten, der nach vierzigjähriger Wanderschaft im gelobten Land endete. Der Bericht ist allerdings ein schwer entwirrbares Konglomerat von Dichtung und Wahrheit, Realgeschichte und Mythos. Die alttestamentarischen Wissenschaftler sind sich heute größtenteils einig, dass ein solches Ereignis tatsächlich stattgefunden hat. Und zwar vermutlich um 1200 v.Chr. Ausgesprochen unrealistisch dürften jedoch die Zahlenangaben der Bibel sein. Dort ist von 600.000 Israeliten die Rede, heutige Schätzungen gehen jedoch nur von einigen tausend Menschen aus.
Die biblische Erzählung hat freilich mit Geschichtsschreibung im modernen Sinn wenig zu tun. Sie ist geprägt von einem religiös-theologischen Impetus und handelt vom Eingreifen Gottes in die Geschichte, von der Rettung des auserwählten Volkes der Juden durch eine höhere Macht. Der Bremer Journalist und Theologe Ezzelino von Wedel, ehemaliger Leiter des Kirchenfunks von Radio Bremen, unternimmt im Gespräch mit Stefan Pulß einen Deutungsversuch zwischen Mythologie und Wissenschaft.
Auszug aus Ägypten - Anbetung des Goldenen Kalbes
Wenn Gerhard Draasch in seinem Fotoalbum blättert, kommen die Erinnerungen kommen an alte Zeiten hoch. Erinnerungen an die Vergangenheit im kleinen Fischerdorf Möltenort an der Kieler Förde. Heute ist Draasch 72 Jahre alt. Die Seefahrt hat er längst aufgegeben und sein ostpreußischer Akzent ist ihm inzwischen weitgehend abhanden gekommen. Kein Wunder nach 64 Jahren im Westen. Von seinem Geburtsort Pillau in Ostpreußen ist seine Familie im Januar 1945 im eigenen Fischkutter geflohen. Die Erinnerung an die ebenso abenteuerliche wie lebensgefährliche Flucht lässt ihn bis heute nicht los. Sie endete an der Kieler Förde, die für die Flüchtlinge aus dem Osten zur neuen Heimat wurde. Jahrzehntelang machten sie als Fischer gute Geschäfte an Schleswig-Holsteins Ostküste. Diese goldenen Zeiten sind vorbei. Heute liegt nur noch ein Kutter in Möltenort, umgebaut zum Restaurantschiff. Schlechte Zeiten für Seeleute: die Ostsee ist leergefischt. Holger Janssen erzählt die Geschichte der Fischer aus Ostpreußen.
Im Juni 2004 starten Anke Preiss, Sachbearbeiterin in der Bremer Umweltbehörde, und der Hannoveraner Landschaftsarchitekt Martin Birkhoff zur Verwirklichung ihres Lebenstraums: einer Weltumseglung in der 12 Meter langen Aluminium-Segelyacht "Justdoit". Dabei sind die beiden keine zivilisationsmüden Aussteiger, sondern entdeckungsfreudige Menschen, die noch viele Fragen an das Leben haben. Vier Jahre lang segeln sie über die Weltmeere, dann muss Anke Preiss nach Deutschland zurück, weil ihr Arbeitgeber kein weiteres Jahr unbezahlten Urlaub gewähren will. Martin Birkhoff fährt allein weiter und beendet die fünfjährige Weltreise am 17. Oktober 2009 mit einer Fahrt die Weser aufwärts. Um die Reise zu einem gemeinsamen Abschluss zu bringen, ist Anke Preiss auf der letzten Etappe Bremerhaven-Lemwerder noch einmal an Bord gegangen. Katrin Krämer hat die denkwürdige Reise der beiden Weltumsegler für Mare Radio immer wieder aus der Ferne begleitet und zieht das Fazit einer Tour rund um den Globus, die auf faszinierende Weise zu einer zeitweiligen Flucht aus dem normierten Alltagsleben geworden ist.
Vielfältig sind die Auswirkungen des Klimawandels. Eine davon ist der Zwang, dass Tiere ihre angestammte Lebensräume verlassen, weil sich die Existenzbedingungen dramatisch verändern. So stellen zum Beispiel Meeresbiologen derzeit fest, dass selbst in der Nordsee immer häufiger exotische Tiere vorkommen, die dort eigentlich nicht hingehören. Nicht nur Fische, sondern auch andere Tiere, die warme Milieus bevorgzugen, wie etwa Asseln, Muschelkrebse oder Staatsquallen. Was die Zuwanderung neuer Spezies für die heimische Tierwelt und für Nordsee-Fischer bedeuten kann, erklärt Kerstin Burlage am Beispiel der pazifischen Auster.
Rätselfrage für November 2009
Die Rästelfrage im November bezieht sich auf die Geschichte des Auszuges der Israeliten aus Ägypten, wie sie uns das Alte Testament erzählt. Eine Reise, die bekanntlich etwas länger gedauert hat. Wie lange genau, das möchten wir von Ihnen wissen.
Auflösung Rätsel Oktober 2009
Atargatis oder Derketo
Aus Captain Cooks Kombüse
Captain Cook alias Hans Helge Ott präsentiert die schönsten Rezepte aus seiner kulinarischen Seekiste.
Im November 2009: Königsberger Klopse - ganz klassisch.
Königsberger Klopse [PDF, 20 Kb]
Info: Mare Radio
![Segelschiffe [Quelle: Radio Bremen] Segelschiffe [Quelle: Radio Bremen]](/nordwestradio/sendungen/mare_radio/segelschiffe100_v-mediateaser.jpg)
In Mare Radio wird das kulturbildende Wesen des Meeres zum Programm, das mit Seelust und Entdeckerfreude die Kategorien von Wissenschaft, Literatur, Politik, Kunst und Musik durchkreuzt, immer auf Seeseite.
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Mein Vater und das liebe Vieh
Rund 50 Milliarden Euro gibt die EU jährlich für die Landwirtschaft aus, doch das Sterben der Höfe geht weiter. Feature-Autorin Julia Schäfer erzählt die Geschichte ihres Vaters, der mit 76 Jahren trotz aller Widrigkeiten asl Milchbauer arbeitet. Mehr...
12. Februar, 9:05 Uhr | Nordwestradio
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