4. Januar 2010, 20:05 Uhr
Mare Radio
Ratten verlassen das sinkende Schiff. Katzen lassen das Mausen nicht. Schweine und Rindvieh, eingepfercht unter Deck, dämmern dem Schlachttag entgegen. Dass auf der Schulter jedes gestandenen Kapitäns ein Papagei sitzen sollte, gilt als so sicher wie die Tatsache, dass Möwen sich auf Masten und Rahen einnisten. Jedes Schiff gleicht, wenn man genauer hinschaut, einer Menagerie.
Gründe für die Anwesenheit von Tieren an Bord gibt es genug. Was im Einzelnen sie dort hingeführt hat, wie es ihnen auf hoher See und im Hafen ergeht, wie sie manchmal glücklich und manchmal unglücklich enden, davon erzählt Mare Radio. Hund und Katz, Kielschwein und Eselshaupt: Seit den Zeiten der Arche Noah herrschen in der Seefahrt tierische Verhältnisse. Logischerweise tragen Schiffe deshalb überdurchschnittlich oft auch tierische Namen.
Moderation: Dr. Silke Behl
Redaktion: Dr. Lore Kleinert
Musik: Harald Mönkedieck
Mare Radio Tiere: Playlist [PDF, 9 Kb]
Bordkatzen – Die Geschichten von "Trim" und "Unsinkable Sam"
Sie klingen wie das reinste Seemannsgarn und doch sind sie wahr – die Geschichten von sagenhaften Bordkatzen, die buchstäblich über die ihnen nachgesagten neun Leben verfügten. In den Rang eines australischen Nationalmythos ist die Geschichte von "Trim" gerückt, der Lieblingskatze des britischen Forschungsreisenden Matthew Flinders (1774-1814). Flinders, der berühmt wurde als erster Umsegler von Australien, hat die Geschichte vom wundersamen Leben und Überleben seiner Bordkatze in seinem Buch "Trim: Being the True Story of an Brave Seafaring Cat" erzählt und sie damit unsterblich gemacht. Heute erinnert in Sydney ein Denkmal von Trim an jene Katze, die in die Literatur einging.
Noch erstaunlicher ist die See-Karriere von "Unsinkable Sam" alias "Oscar", einem Kater, der im Zweiten Weltkrieg sage und schreibe drei Schiffsuntergänge überlebte! Die erste Havarie überstand das Tier am 27. Mai 1941 beim Untergang des Schlachtschiffes "Bismarck". Mit 118 Überlebenden kam er an Bord des britischen Zerstörers "HMS Cossack", der allerdings bereits einige Monate später von einem deutschen U-Boot torpediert wurde. Den dritten Untergang erlebte die Katze kurze Zeit später bei der Versenkung des Flugzeugträgers "HMS Ark Royal". Und wieder konnte "Unsinkable Sam" wie durch ein Wunder gerettet werden. An Bord eines Schiffes durfte er jedoch niemals wieder gehen. Zu sehr galt er jetzt als Unglücksbringer der christlichen Seefahrt. Seine letzten Lebensjahre verbrachte das Wundertier bis 1955 in einem Seemannsheim in Belfast. Die schier unglaublichen Geschichten der Fabelkatzen zur See erzählt Gerald Sammet im Gespräch mit Silke Behl.
Fabelkatzen zur See - Gespräch mit Gerald Sammet, [6:43]
Matthew Flinders und Trim
Kakerlake, Maus & Co. – Die Detektive des Bremer Hafengesundheitsamts
Wenn ein Schiff in den Hafen von Bremen eingelaufen ist, beginnt die detektivische Arbeit der Mitarbeiter des Hafengesundheitsamtes. Sie unterziehen das Schiff einer eingehenden Prüfung und untersuchen en detail die hygienischen Bedingungen an Bord. Im Lauf der Jahre haben sie einen untrüglichen Blick dafür entwickelt, ob Ungeziefer sich in den Laderäumen ausgebreitet hat, ob vergammelte Lebensmittel in den Provianträumen verwahrt werden oder ob in den Mannschaftsräumen ungebetene Gäste wie Ratten, Mäuse und Kakerlaken ihr Unwesen treiben. Silke Behl hat eine Mitarbeiterin des Bremer Hafengesundheitsamtes bei ihrer mitunter abenteuerlichen Arbeit begleitet und an ihrer Seite Schiffsbesichtigungen der etwas anderen Art unternommen.
Rattenjagd mit dem Bremer Hafengesundheitsamt, [12:38]
Die Vogelwaschmaschine – Eine Rettungsstation im Wattenmeer
Öl und Industrieabfälle sorgen nicht nur in wachsendem Masse für die Kontamination der Weltmeere, sie bilden auch eine beständige Gefahr für Seevögel auf den viel befahrenen Schifffahrtsrouten. In der Nordsee kommen jedes Jahr hunderte von Trottellummen, Basstölpeln, Möwen und Enten in wandernden Öllachen qualvoll ums Leben. Ein Teil von ihnen kann sich mit stark verschmutztem Gefieder an Land retten und findet unter Umständen Aufnahme in einer Rettungsstation. Eine besondere Form davon existiert in Europa und den USA. Es handelt sich um Auffangstationen, die über so genannte "Vogelwaschmaschinen" verfügen. Die Erfolgsquote ist freilich eher niedrig. Allenfalls 30 Prozent der ölverseuchten Tiere können nach der Behandlung auf hoher See überleben. Remko Kragt hat sich die Arbeit einer "Vogelwaschmaschine" auf der niederländischen Wattinsel Texel angesehen.
Vogelwäsche auf Texel - Reportage von Remko Kragt, [4:59]
Insel der Vögel - Fernsehdokumentation
Wer sich für die Lebenswelt von Walen und Delphine interessiert, kommt nicht unbedingt auf die Idee, dass man darüber Wissenswertes in Berlin-Schöneberg erfahren könnte. Kann man aber doch. Dann nämlich, wenn man dort dem eingetragenen Verein "M.E.E.R.e.V." einen Besuch abstattet, wie das Jürgen Werth für Mare Radio getan hat. Seit 1998 betreibt der Verein das Projekt "M.E.E.R. La Gomera", das sich dem internationalen Wal- und Delphinschutz verschrieben hat. Besonderes Augenmerk richtet der Verein auf die Lebensräume der Tiere in der Umgebung der Kanareninsel Gomera. Dort existiert ein Forschungs- und Bildungsprojekt, das zu einem internationalen El Dorado für Wal- und Delphinforscher geworden ist. Jürgen Werth hat sich vor Ort über ein ungewöhnliches maritimes Projekt kundig gemacht.
Flippers Welt - Ein Besuch bei M.E.E.R.e.V., [4:43]
M.E.E.R.e.V. – Die Homepage
Von dem Hund in den Mund – Nutztiere an Deck
Tiere auf hoher See à la carte sind ein Kapitel für sich. Schauen wir doch mal, was es im Mai 1768 auf der französischen Fregatte "La Boudeuse" bei Tahiti so zu futtern gab: "Gestern aß ich mit dem Prinzen von Nassau eine Ratte" notierte der Schiffsschreiber, "wir fanden sie ausgezeichnet und wären glücklich, wenn wir oft eine haben könnten, ohne dass auch die anderen künftig auf den Geschmack kämen ... Sonntag, den 29., Montag den 30. Mai 1768 – Heute hat man uns drei Ratten bei Tisch serviert, welche beim Diner verschlungen wurden. Zum Souper hat man ein neues Ragout aufgetragen. Es ist aus verarbeitetem Leder und stammt von unseren Mehlschläuchen. Wenn man es wässert, kann man es ein wenig aufweichen; dann zieht man das Fell ab, aber dieses Ragout ist unendlich schlechter als Ratten." Gut, der Franzose als solcher gilt als Gourmet, aber: Ratten und Schlauchragout? Kann man das nicht besser machen? Burkhard Scherer hat sich nach lebendem animalischem Proviant auf heutigen Segelschiffen erkundigt.
Tiere à al carte - Animalischer Proviant an Bord, [4:42]
Alle meine Entchen – Meeresforschung und Badewannenspielzeug
Anno 1992 ereignete sich im Nordpazifik, nahe der Datumsgrenze, ein Schiffsunglück, das eigentümliche Folgen haben sollte. In einem schweren Sturm verlor ein Frachtschiff zwölf seiner Container, darunter einen, der voll beladen war mit 30.000 Plastiktieren: gelben Enten, roten Bibern, grünen Fröschen und blauen Schildkröten. Monate später sichteten verdutzte Meeresanwohner in den USA größere Mengen des Badewannenspielzeugs an den Küsten. Die seltsamen Funde lockten alsbald Ozeanografen an, die die Funde systematisch untersuchten. Groß war die Verblüffung, als sich herausstellte, dass Spuren und Verbreitung der havarierten Plastiktiere hochinteressante Indikatoren für die Erforschung von Meeresströmungen geworden waren. Warum das so ist klärt Silke Behl im Gespräch mit Dagmar Kieke, einer Mitarbeiterin im Projekt Ozeanografie an der Universität Bremen.
Rätselfrage für Januar 2010
"Die Katze aus dem Sack lassen" – Woher kommt dieses Sprichwort und welchen Vorgang bezeichnet es?
Auflösung Rätsel Dezember 2009:
"Dune du Pyla" heisst die höchste Düne Europas. Sie befindet sich an der französischen Atlantikküste bei Arcachot.
Captain Cook alias Hans Helge Ott präsentiert die schönsten Rezepte aus seiner kulinarischen Seekiste.
Im Januar 2010 serviert er zum Jahresauftakt kein tierisches, sondern ein rein vegetarisches Gericht: seine ganz persönliche "Gemüseplatte".
Info: Mare Radio
![Segelschiffe [Quelle: Radio Bremen] Segelschiffe [Quelle: Radio Bremen]](/nordwestradio/sendungen/mare_radio/segelschiffe100_v-mediateaser.jpg)
In Mare Radio wird das kulturbildende Wesen des Meeres zum Programm, das mit Seelust und Entdeckerfreude die Kategorien von Wissenschaft, Literatur, Politik, Kunst und Musik durchkreuzt, immer auf Seeseite.
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Mein Vater und das liebe Vieh
Rund 50 Milliarden Euro gibt die EU jährlich für die Landwirtschaft aus, doch das Sterben der Höfe geht weiter. Feature-Autorin Julia Schäfer erzählt die Geschichte ihres Vaters, der mit 76 Jahren trotz aller Widrigkeiten asl Milchbauer arbeitet. Mehr...
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