17. Mai 2013, 18:10 Uhr
Nordwestradio Journal
3,25 Milliarden Euro soll das bitterarme Mali für ein ziviles Aufbauprogramm nach den Kämpfen im Norden des Landes bekommen. Als Gegenleistung erwartet die internationale Gemeinschaft Reformen und freie Wahlen. Leicht gesagt in einem Land mit großem politischem Chaos. Nordwestradio-Redakteur Bernd Klose war mit dem Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Thomas Kossendey, in Mali und konnte die Bundeswehr beim Versuch, die malische Armee wieder aufzubauen, beobachten.
Viele Menschen in Malis Hauptstadt Bamako hoffen auf eine Stabilisierung des Landes.
Brüllende Hitze liegt über dem Ausbildungscamp in Koulikoro – und 65 Kilometer nordwestlich der malischen Hauptstadt Bamako. Es sind nur knapp 500 Meter bis zum Niger, Afrikas drittgrößtem Fluss. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch wie in einem Gewächshaus. Unter Wellblechdächern sitzen dicht gedrängt dunkelhäutige Soldaten in Fleckentarn-Uniform auf Schulbänken. Ein Ausbilder mit Tropenhut zeichnet Kreide-Skizzen an eine Tafel. Das Sprachgewirr ist fast babylonisch: Eine Mischung aus französisch, englisch und dem hier üblichen afrikanischen Dialekt Bambara.
Hilfe für Afrikas Armenhaus: Die Bundeswehr in Mali, [12:43]
Fast alle Länder Europas haben Soldaten hier her geschickt – zur europäischen Ausbildungsmission für Mail EUTM. Rund 670 malische Soldaten werden von ihnen hier derzeit ausgebildet. Englische und irische Soldaten leiten die Infanterie-Ausbildung: Sturmgewehre werden krachend geschultert. Nur wenige Schritte weiter schlagen breitschultrige Männer Eisenstangen in den Boden. Andere rollen mit dicken Lederhandschuhen geschützt Nato-Draht aus – einen mit rasiermesserscharfen Klingen besetzten fast unzerreißbaren Draht.
Pioniere der Bundeswehr beobachten die Arbeit. Sie sollen ihr Wissen an rund 30 Malier weitergeben. Heute zeigen sie, wie man eine wirkungsvolle Straßensperre aufbaut. Zwei Drahtwalzen nebeneinander – darauf eine Dritte. Eine Sperre bauen die Deutschen als Muster – die Malier bauen sie dann nach. Die Schulung wird dankbar angenommen, sagt Benjamin Hildebrandt. "Die Soldaten sind absolut motiviert. Die wollen mitarbeiten, die wollen", sagt der Leiter der Pionier-Ausbildung in Koulikoro.
Armee-Ausbildung per Crash-Kurs: Kann das gelingen? Der Bundeswehrsoldat denkt kurz nach. "Mit der Hilfe, die wir den Soldaten hier hier zur Verfügung stellen, werden die Soldaten es definitiv in ihren Möglichkeiten schaffen. Davon bin ich überzeugt", sagt Benjamin Hildebrandt. Ein Zeitfenster kann er dafür aber nicht angeben.
83 Soldaten hat Deutschland derzeit nach Mali geschickt – darunter zehn Frauen. Oberstleutnant Alexander Müller-Cramer führt das deutsche Einsatzkontingent Mali. Seine Aufgabe ist lösbar, sagt er. "Wir haben für jede Battle-Group und damit auch für jeden Pionierzug ein Ausbildungsfenster von zehn Wochen", so Müller-Cramer. Dieser Ausbildungszyklus werde viermal bis zum 28. Februar 2014 wiederholt. "Und was dann kommt, ist Sache der politischen Entscheidung, so der Oberstleutnant.
Ausrüstung hätten die Soldaten kaum. Die EU hilft auch hier: Frankreich hat Funkgeräte geliefert – Sturmgewehre Typ AK 47 kamen aus Zypern. Oberstleutnant Nouhoum Traoré ist der Kommandeur dieser Kaserne. Er spricht fließend deutsch: Traoré wurde in der Bundeswehr-Hochschule in Hamburg ausgebildet. Er will das Durcheinander der malischen Armee mit Hilfe der EU und der Bundeswehr ordnen. Der Zustand der malischen Armee heute? Traoré weicht aus und sagt: "Wir bemühen uns, den Zustand zu verbessern." Das System brauche neue Materialien, neue Unterstützung, neue Gedanken, sagt er.
Nordwestradio-Redakteur Bernd Klose hat Staatssekretär Thomas Kossendey nach Mali begleitet.
Traoré lobt den Einsatz der Deutschen. Das Ziel, eine funktionierende malische Armee aufzubauen, die das Land stabilisieren kann, sei erreichbar. "Vielleicht braucht also diese Umstellung viel Zeit. Aber wenn wir wirklich Gas geben, können wir das Ziel problemlos erreichen", so der Kasernen-Kommandeur. Davon ist das Land heute allerdings noch meilenweit entfernt: Die malische Armee liegt faktisch am Boden, seit sie im vergangenen Jahr im Norden des Landes von islamistischen Rebellen vernichtend geschlagen wurde. Niemand weiß derzeit, wer oder was diese malische Armee eigentlich genau ist.
Es gibt keine Listen oder Verzeichnisse. Anfang des Jahres wurden 3.000 Soldaten-Stellen neu ausgeschrieben. Rund 9.000 Bewerber habe es dafür gegeben. Der Job ist durchaus attraktiv: Rund 20.000 CFA-Franc Sold winken pro Monat – etwas mehr als dreißig Euro sind das. In einem der ärmsten Länder der Erde durchaus eine Basis für eine Familie.
Günter Overfeld ist seit August der Deutsche Botschafter in Mali. Das Land braucht Hoffnung, sagt er. Die Rolle, die die EU und die Bundeswehr für den Wiedergewinn von Selbstbewusstsein sowohl für die Armee, aber auch für das demokratische Bewusstsein spiele, dürfe man nicht unterschätzen. "Das Land ist in den letzten Monaten einer tiefen Krise unterlegen. Und dies ist ein Beitrag für die Menschen und natürlich insbesondere für die Armee aus dieser Krise wieder herauszukommen", so Overfeld.
Nur wenige hundert Meter weiter im Camp reihen sich dunkelgrüne Armeezelte aneinander. Davor dröhnen Diesel-Aggregate, auf dem Boden liegt ein Gewirr aus Schläuchen und Kabeln. Die schnelle Eingreiftruppe aus dem ostfriesischen Leer hat hier ein mobiles Lazarett aufgebaut.
Der zweite Beitrag, den Deutschland im Rahmen der EUTM-Mission leistet. Behandelt wird hier alles von der Schnittwunde über den Knochenbruch bis zum Malaria-Fieber. Auch ein Zahnarzt-Stuhl wurde aus Deutschland eingeflogen. Zelte als Krankenhaus? Kein Problem, sagt ein Soldat, der als Röntgen-Assistent arbeitet "Auch die Reinheit hier ist – je nachdem, wie man halt selber hier für die Reinheit sorgt – vergleichbar wie in Deutschland".
Oberstleutnant Dieter Janz ist für die Bundeswehr so etwas wie "Mr. Mali". Seit acht Jahren ist er im Rahmen eines Ausbildungsprogramms des Auswärtigen Amts im Land – unterbrochen nur für die unsicherste Zeit im vergangenen Jahr, als im Land Chaos herrschte. Jetzt ist er wieder da – und gibt seine Erfahrung an die Mali-Neulinge weiter.
"Man muss leider auch immer wieder mit Rückschlägen rechnen. Aber insgesamt muss man irgendwann mal beginnen, um diesen Weg dann, diese Richtung einzuschlagen", sagt er. Es lohne sich, diesen Weg zu gehen. "Durch die Ausbildung, die durch die EU geboten wird, wird sichergestellt meines Erachtens, dass man innerhalb der nächsten ein, zwei Jahre in der Lage sein wird, im Norden das entstandene Vakuum mit malischen Soldaten wieder zu füllen", sagt Dieter Lanz.
Die malischen Soldaten marschieren im Laufschritt in den Feierabend. Sie singen heute besonders laut, weil Presse im Lager ist. Zuversicht soll ausgestrahlt werden. Aber was können 3.000 malische Soldaten in einem Land erreichen, das so groß ist wie Deutschland und Frankreich zusammen? Noch unterstützt die westafrikanische Staatengemeinschaft Ecowas gemeinsam mit Frankreich die malische Armee. AFISMA heißt diese Mission – acht westafrikanische Staaten haben Soldaten in ihr Mitgliedsland Mali geschickt. Mit Erfolg, sagt Generalmajor Shebu Abdul-Kadir, der Oberkommandeur der Mission. Die Sicherheitslage in Mali normalisiere sich langsam. Die Polizei arbeite wieder und lokale Behörden würden in die befreiten Gebiete zurückkehren.
Die Städte, die er aufzählt, liegen alle am Niger, dem mächtigen Strom, der Mali von West nach Ost teilt. Nördlich davon liegt Land, das die Tuareg lange als eigenen Staat beansprucht haben – mit Gao als Hauptstadt. Als die politische Ordnung immer brüchiger wurde und das Militär putschte, haben schwer bewaffnete Islamisten die Region übernommen. Ihr Ziel: Ein Gottesstaat nach den Regeln der Scharia. Die internationale Gemeinschaft griff ein – gestützt von einer UN-Resolution. Schnell meldeten die Franzosen Erfolge ihrer "Operation Serval". Shebu-Abdul-Kadir glaubt aber, dass auch heute noch einige Einheiten der Islamisten in Mali sind.
Das sieht auch die EU so – und hat in kürzester Zeit eine komplexe multinationale Ausbildungsmission auf die Beine gestellt. Brigadegeneral Francois LeCointre ist der Ober-Kommandeur. Hilfe zur Selbsthilfe, die Mali begeistert annimmt, sagt er. Der beste Beweis dafür, sei die Fähigkeit der Malier, die ersten 700 Soldaten in Koulikoro zur Ausbildung bereitzustellen.
Dankbar sei man auch für die deutsche Unterstützung, sagt der Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Thomas Kossendey. "Wenn damals nicht eingegriffen worden wäre, hätten wir heute gar keine staatlichen Autoritäten mehr in Mali mit denen wir verhandeln könnten", so Kossendey. "Aber ich glaube auch, sie merken, dass es langfristig ein schwieriger Weg zwar, aber ein Weg zu Sicherheit und letztendlich damit auch zu bescheidenem Wohlstand sein kann".
Hilfe kann das bitterarme Land dafür nicht genug bekommen. Auch das malische Verteidigungsministerium hat schon einen Wunschzettel für die Zukunft geschrieben. "Der Generalsekretär im Verteidigungsministerium hat mir gegenüber deutlich gemacht, dass sie zum Beispiel auch gerne im Bereich der Marine-Aktivitäten auf dem großen Fluss Niger, der durch das ganze Land geht, einiges an Ausbildung haben möchten", sagt Thomas Kossendey. Das werde man im Rahmen der Mission EUTM-Mali, aber vielleicht auch bilateral mit der Bundeswehr prüfen.
Wie lange Malis Weg zu mehr Stabilität dauert? "Ohne der Politik voraus greifen zu wollen, werde ich der EU eine Verlängerung der Mission vorschlagen, sagt General Francois LeCointre . Ob Mali je ein sicheres Land sein wird? Ja, sagt AFISMA-Kommandeur Abdul-Kadir. "Ich bin optimistisch", sagt er. "Weil ich weiß, was wir hier tun".
Weitere Informationen zu Bernd Kloses Reise nach Mali:
Die Bundeswehr im Mali-Einsatz
Info: Nordwestradio Journal
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