24. Mai 2013, 8:35 Uhr
Serie im Nordwestradio
Am 23. Mai 1863 gründeten im Leipziger Pantheon Ferdinand Lasalle und Delegierte aus elf Städten den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, den Vorläufer der SPD. Das Nordwestradio blickt in einer Serie nach vorne und zurück mit Beiträgen und Gesprächen zur Geschichte der Sozialdemokraten in Deutschland.
Die SPD wird 150 Jahre alt: Der SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel und Schatzmeisterin Barbara Hendricks bei Feierlichkeiten zum Parteijubiläum.
In Bremen scheint die SPD eine Art Abonnement auf die Mehrheit in der Bürgerschaft zu besitzen – egal wie gut oder schlecht ihre reale Politik auch sein mag. Das war nicht immer so: Zur ersten Versammlung vor 150 Jahren kamen gerade mal 23 Interessierte – damals noch unter dem Namen des "Allgemeinen deutschen Arbeitervereins". 25 Jahre später hatte die Lage sich komplett geändert, Bremen wurde zu einer Hochburg der Arbeiterbewegung.
Ein "rührender Hergang" in Bremen
"Die SPD hat allen Grund, sich selbst zu feiern. Denn es ist die Partei, die immer am nachdrücklichsten für die Demokratie eingetreten ist", sagt Johano Strasser, Mitglied in der SPD-Grundwertekommission. Sie wurde 1973 durch Willy Brand ins Leben gerufen und hat die Aufgabe, das programmatische Profil der Partei mit zu zeichnen.
Otto Wels sei der einzige Politiker gewesen, der im Reichstag Widerstand gegen das sogenannte Ermächtigungsgesetz der Nazis formuliert habe. "Wenn nur zwei bürgerliche Parteien gemeinsam mit der SPD gegen das Gesetz gestimmt hätten, wäre es so nicht zustande gekommen. das ist schon eine imposante Geschichte", so Strasser im Nordwestradio-Interview. Gleiches gelte für den Widerstand der Partei gegen die Zwangsvereinigung zur SED in der ehemaligen DDR.
"Es ist wohl richtig, was Willy Brandt einmal gesagt hat: 'Von Freiheit verstehen wir mehr' ", so Strasser weiter. Um dem politischen Grundsatz der Freiheit weiterhin gerecht werden zu können, müsse sich die Partei jedoch immer neue programmatische Lösungen einfallen lassen.
Eine imposante Geschichte des Widerstandes , [5:18]
Gespräch Johano Strasser, SPD-Grundwertekommission
Seit 2010 ist Sascha Vogt Bundesvorsitzender der Jungsozialisten (Jusos). Er sei schon immer ein politischer Mensch gewesen, erzählt er im Nordwestradio-Gespräch. Sozialdemokratische Grundwerte bedeuten ihm viel, die "Kernausrichtung" der Sozialdemokratie – die Frage der sozialen Gerechtigkeit – sei nach wie vor aktuell.
Den Jusos kommt traditionell die Rolle der "Vordenker" in der Partei zu, das sei immer noch so, sagt Vogt: So hätten die Jusos nach der "verheerenden Wahlniederlage 2009'" dafür gesorgt, dass die SPD sich "programmatisch neu aufgestellt" hat. Dazu gehöre , dass die SPD mit der Forderung nach Steuererhöhungen auf Vermögen und höhere Einkommen in den Bundestagswahlkampf geht. Und "wir waren diejenigen, die im Bereich Arbeitsmarktpolitik für viele Weichenstellungen gesorgt haben."
Die "Alte Tante" SPD und die Jungen, [5:20]
Gespräch mit Sascha Vogt (Juso-Bundesvorsitzender)
Heiner Geissler kennt man inzwischen als Schlichter von Tarifkonflikten oder vom Bahnprojekt "Stuttgart 21". Er war 12 Jahre lang Generalsekretär der CDU und von 1982 bis 1985 Bundesminister für Familie, Jugend und Gesundheit. Die Lösung der sozialen Frage, der Arbeiterfrage, und die Vereinigung von Freiheit und Demokratie seien Ideen und Ideale gewesen, die die SPD – auch durch die Zeit im Nationalsozialismus hindurch – durchgesetzt und durchgekämpft habe, sagt er. "Eine Bilanz zu der man der SPD gratulieren kann und gratulieren muss", so Geissler.
"Zu den guten Zeiten haben SPD und CDU immer zusammengearbeitet, vor allem wenn es um die Absicherung der Grundrisiken des menschlichen Lebens gegangen ist", sagt Heiner Geissler. Seit Ende der 90er Jahre und mit Gerhard Schröder habe sich das leider verändert. Mit der Agenda 2010 habe sich die SPD praktisch von ihrer Mission verabschiedet.
"Die SPD, beziehungsweise Gerhard Schröder, hat die Seele der Partei verraten", so Geissler. "Alle Errungenschaften, die die SPD eigentlich erkämpft hat für die Arbeitnehmerschaft, sind wieder in Frage gestellt worden". Die alte soziale Frage, die Arbeiterfrage, habe man wieder auf der Tagesordnung, so der CDU-Politiker. Eine der wichtigsten Aufgaben der SPD wäre daher, die Agenda 2010 zu revidieren, weil sie überwiegend negatives für die Menschen gebracht habe.
Heiner Geissler gratuliert der SPD, [6:42]
13 Jahre nach der Gründung des Arbeitervereins, im Oktober 1876, erschien erstmals das Blatt "Vorwärts" als "Central-Organ der Social-Demokratie Deutschlands". "Nur mit Hilfe der eigenen Zeitung konnte die Arbeiterbewegung Öffentlichkeit herstellen als Gegengewicht zur bürgerlichen Presse", so die Historikerin Anja Kruke. Bereits 1894 habe "Vorwärts" 46.000 Abonnenten gehabt, in der Weimarer Republik sei die Auflage – auch dank eines Sportteils – auf
bis zu 350.000 Exemplare gestiegen.
1933 folgte das Verbot der Zeitung durch die Nazis und 1948 der Neustart. Nach einem Hoch zu Zeiten Willy Brandts und einer Etablierung als meinungsfreudiges Diskussionsforum wurde "Vorwärts" 1989 in ein nur noch an Mitglieder verschicktes Monatsmagazin umgewandelt. Seit 2007 gibt es das Heft auch wieder an ausgewählten Kiosken. Die Gesamtauflage liegt derzeit laut Verlag bei 410. 576 Exemplaren.
Die SPD gilt als klassische Programmpartei. Die Sozialdemokraten verspotten CDU/CSU gerne als "Kanzlerwahlverein" – auch im Bundestagswahljahr 2013 dominiere bei ihnen inhaltliche Leere und Unschärfe. Bei der SPD standen Inhalte meist über Personen.
Hören Sie einige besonders geschichtsträchtige Zitate und Töne aus der Geschichte der SPD in einer Collage.
Collage: 150 Jahre SPD, [2:19]
Gefragt nach seinen Geburtstagswünschen für die SPD orientiert sich der ehemalige SPD-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein (1988 bis 1993) im Nordwestradio-Interview an "Partei-Urvater" Willy Brandt: "Ich glaube, dass er etwas hatte, das man haben muss, um Zukunft zu gestalten – und das sind Visionen", so Engholm im Gespräch mit Moderator Hans-Heinrich Obuch.
Wenn ein Hochspringer schon zwei Meter hoch gesprungen sei, danach die Latte aber nur auf einen Meter neunzig lege, nehme er gar nicht erst Anlauf. "Man braucht weit vorausschauende Ideen und programmatische Ansätze, um Menschen zu begeistern", so der ehemalige Bundesbildungs- und Landwirtschaftsminister. Beispielsweise beim Thema Chancengleichheit – für Kinder aus Arbeiterfamilien, aus ländlichen Familien, für junge Frauen – sei "der Unterschied von oben zu unten geradezu obszön gewachsen", so Engholm. Dies bleibe ein zentrales Thema der Sozialdemokratie.
Ein Einschnitt in die Parteigeschichte, "den wir physisch gespürt haben", so Engholm, sei die Agenda 2010 von Gerhard Schröder gewesen. "Werften werden geschlossen, Menschen, die 30 Jahre lang hochanständige, qualifizierte Werftarbeiter waren, gehen in die Arbeitslosigkeit und sind ein Jahr später auf dem Status eines Sozialhilfeempfängers. Das haben uns diese Menschen nie verziehen, weil sie´s auch nicht begriffen haben", erinnert sich Engholm. Die Partei müsse lernen, mit mehr sozialem Augenmaß zu agieren.
150 Jahre SPD: Gespräch Björn Engholm, [6:26]
150 Jahre Sozialdemokratie – das ist eine Geschichte vieler Auf und Abs. Die Zeiten mit mehr als einer Million Mitglieder sind lange vorbei. Ein Überblick über die Entwicklung der Partei (die Zahlen beruhen auf SPD-Angaben):
Ein neues Internetportal zum Thema 150-jähriges Parteijubiläum der SPD wird auf einem Plakat im Willy-Brandt-Haus präsentiert.
Ende März 2013 waren es 474.481. Der Höchststand wurde in der Weimarer Republik mit 1,261 Millionen Mitgliedern im Jahr 1923 erreicht. Das Durchschnittsalter liegt heute bei 59 Jahren – das älteste Mitglied ist 107 Jahre alt. Die längste Mitgliedschaft betrug 88 Jahre.
Derzeit gibt es rund 9.000 Ortsvereine. Nach der Wiedervereinigung waren es in den Neunziger Jahren bis zu 10 000.
2011 betrugen die Einnahmen 155 Millionen, die Ausgaben 141 Millionen Euro – allein der aktuelle Bundestagswahlkampf kostet mehr als 20 Millionen Euro. Solche Jahre werden in der Regel mit einem Minus abgeschlossen.
2011 erhielt die Partei 12 Millionen Euro an Spenden, die Mitglieder zahlten zudem 70 Millionen Euro an Beiträgen, 2010 waren es 68 Millionen. Die Spenden steigen im Wahljahr meist an. 2009 lagen sie zum Beispiel bei 18,7 Millionen Euro.
Ein "rührender Hergang" in Bremen
Info: Nordwestradio Journal
![Globus mit Mikrofon davor [Quelle: Radio Bremen] Globus mit Mikrofon davor [Quelle: Radio Bremen]](/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_journal/journal104_v-mediateaser.jpg)
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