11. Januar 2013, 7:10 Uhr
Nordwestradio Journal
Nachdem die wissenschaftliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals vorerst gescheitert ist, geht die katholische Kirche juristisch gegen den Kriminologen Christian Pfeiffer vor. Dem hannoverschen Kriminologen sei eine Unterlassungserklärung zugestellt worden, teilte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, am 10. Januar mit.
Die katholische Kirche verlangt, dass Pfeiffer nicht mehr von Zensur spricht, andernfalls wollen die Bischöfe eine Einstweilige Verfügung vor Gericht erwirken. Der Kriminologe denkt jedoch nicht daran, sich von der Kirche den Mund verbieten zu lassen und erneuert seine Vorwürfe im Nordwestradio-Interview.
Pfeiffer bekräftigt Zensur-Vorwürfe gegen katholische Kirche, [5:06]
Gespräch mit dem Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts
"Es hat den Versuch der Zensur unserer Arbeit gegeben", sagt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen. Vertreter der Erzdiözese München und Freising hätten über die Arbeit und die Texte seines Instituts und die Auswahl der Mitarbeiter bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs durch kirchliche Mitarbeiter entscheiden wollen, so Pfeiffer.
Einspruch kommt vom Sekretär der Bischofskonferenz, Hans Langendörfer. Von Kontrolle und Zensur sei in den Verträgen nie die Rede gewesen, sagte er im Deutschlandfunk. Angebliche Vertuschungen in der katholischen Kirche nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals, über die Pfeiffer am Mittwoch gemutmaßt hatte, wies er vehement zurück. "Es gibt keinerlei Anhaltspunkte für Aktenvernichtungen im kirchlichen Bereich", sagt er. "Wir sind dem nachgegangen", beteuerte er.
Unterstützung bekommt der Kriminologe von Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP).
Die Reaktionen der Bischöfe auf die Vorwürfe des wissenschaftlichen Leiters erweckten den Eindruck, dass man nicht alles unabhängig aufklären wolle, sagte sie im Deutschlandfunk. Die Argumentation der Kirche, dass die Vorstellungen über den Datenschutz zu unterschiedlich gewesen seien, hält sie für unglaubwürdig. Den Kriminologen Pfeiffer und sein Institut halte sie zudem für eine der "ersten Adressen in Deutschland".
Mit Johannes-Wilhelm Rörig meldete sich auch der zuständige Experte der Bundesregierung zu Wort. Er bedauere, dass das Forschungsprojekt nicht fortgeführt werde, sagte der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.
Die Ergebnisse der Studie, der er ein gutes Forschungsdesign bescheinigt, seien mit Spannung erwartet worden. "Es wäre ein ganz wichtiger Baustein im Bereich der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in Deutschland gewesen", betonte Rörig. Nordwestradio-Moderatorin Katrin Krämer sprach mit ihm darüber, was er nun von den Konfliktparteien zur Aufklärung des Skandals erwartet.
Johannes-Wilhelm Rörig im Nordwestradio-Interview, [5:50]
Opfer-Vertreter und kritische Laien sprachen von einem verheerenden Signal und forderten eine Aufklärung der Vorfälle durch den Bundestag.
"Die katholische Kirche ist offensichtlich mit der Aufarbeitung überfordert", erklärte der Opferzusammenschluss Eckiger Tisch. Ähnlich wie in den Niederlanden solle nun eine vom Parlament eingesetzte Kommission tätig werden. Die kritische Organisation "Wir sind Kirche" erklärte, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, aber auch die Bistümer Regensburg und Dresden hätten "den Ausstieg betrieben".
Nordwestradio-Moderatorin Katrin Krämer sprach mit Christian Weisner von der Organisation "Wir sind Kirche".
"Wir sind Kirche" zu gescheiterter Missbrauchsstudie, [5:06]
In dem Streit zwischen Pfeiffer und den Bischöfen ging vor allem um die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen. Das Projekt sei "an den Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche gescheitert", sagte Pfeiffer im NDR.
Nordwestradio-Moderator Tom Grote sprach mit NDR-Redakteur Florian Breitmeier.
Missbrauchs-Studie für katholische Kirche steht vor dem Aus, [6:09]
Kommentar: Missbrauchsstudie gescheitert, [2:55]
Das Ende der Zusammenarbeit begründet die Kirche mit einem Vertrauensverlust. Der Missbrauchsbeauftragte, Triers Bischof Stephan Ackermann sagte, die Kündigung hänge "allein mit dem mangelnden Vertrauen in die Person von Professor Pfeiffer" zusammen. Ackermann zeigte sich zuversichtlich, dass man schon bald das Forschungsprojekt mit anderen Partnern in Angriff nehmen könne. Bereits in der nächsten Woche sollten dazu Gespräche geführt werden.
Streit um Missbrauchs-Studie , [2:21]
Das Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt (netzwerkB) hat die Position der katholischen Kirche bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals kritisiert.
"Die Kirche ist noch nicht so weit sich zu öffnen, teilte der Verband mit. Der Vorsitzende von "netzwerkB", Norbert Denef, sagte im Nordwestradio:
"Das Prinzip der freiwilligen Selbstverpflichtung greift nicht. Man würde ja auch nicht die Mafia bitten, ihre eigenen Verbrechen aufzuklären." Denef fordert eine gesetzliche Reform mit einer Anzeige und Meldepflicht von Missbrauch. Mit Norbert Denef sprach Nordwestradio-Moderator Jörn Albrecht.
Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt kritisiert Kirche, [5:00]
Die katholische Kirche hatte mit dem Forschungsprojekt auf den Missbrauchsskandal reagiert, der sie 2010 erschüttert hatte. Die sexuellen Übergriffe von Priestern und anderen Geistlichen in der Vergangenheit sollen wissenschaftlich analysiert werden, um neuen Missbrauch zu verhindern und das Vertrauen zurückzugewinnen. Die Studie war bis 2014 angelegt.
Info: Nordwestradio Journal
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