22. Februar 2013, 7:40 Uhr
Nordwestradio Journal
Im Januar 2013 wurde erstmals Pferdefleisch in Fertiggerichten gefunden. Betroffen sind "Billigprodukte", weil sie unter enormem Preisdruck hergestellt werden, und weil sich zwischen Nudeln, Soße und Gewürz das illegale Fleisch relativ leicht verstecken lässt. Wer solche Produkte kauft, muss meist jeden Cent dreimal umdrehen. Wie reagiert diese Kundschaft auf den Skandal?
In 6 von 69 Proben haben Behörden in Nordrhein-Westfalen Pferdefleisch nachgewiesen.
Wer sich bei der Oldenburger Tafel in die Schlange vor der Lebensmittelausgabe stellt, erhält nicht die typischen Billigwaren, die im Pferdefleisch-Skandal in Verruf gekommen sind. Hier gibt es zum Beispiel Brot, Gemüse, Obst und Milchprodukte. Aber niemand verpflegt sich nur hier. Und im Supermarkt müssen sich die Betroffenen fragen: Was kann ich mir leisten?
"Ich bin arm, muss mir billige Sachen kaufen", sagt ein Mann, der hier Schlange steht – und wenn man ab und zu Fleisch essen möchte, bleibt oft nur der Griff ins Tiefkühlregal. Die Alternativen sind trotz des Fleischskandals begrenzt: Weiter einkaufen wie bisher, oder sparen durch Verzicht auf Fleisch, bis qualitativ sichere Ware bezahlbar wird. Viele Kunden haben sich angesichts des neuesten Skandals genau das vorgenommen.
Hinter dem veränderten Kaufverhalten steht nur in wenigen Fällen die Ablehnung von Pferdefleisch, sondern vor allem die Hilf- und Ratlosigkeit angesichts des groß angelegten Betruges, der offenbar hinter dem Skandal steckt. Es gibt unter den Kunden allerdings auch unerschrockene, die das Risiko für gering erachten und an ihrem Konsumverhalten nichts ändern:
"Ich kaufe nach wie vor diese Fleischprodukte, denn ich habe in den Nachrichten gehört, dass Pferdefleisch nur in ganz, ganz geringen Mengen darin zu finden war. Gesundheitsbedenken habe ich auch nicht und deshalb esse ich das weiterhin", sagt beispielsweise ein Kunde im Supermarkt. "Ich hab's gegessen und ich lebe noch", entgegnet eine andere Kundin.
Schon sind aus Politik und Kundschaft sogar Stimmen zu hören, die fordern, die aus den Supermarktregalen verbannten Waren nicht zu vernichten, sondern an die Tafeln und damit kostenlos an Bedürftige abzugeben. Teamleiterin Anneliese Tammen von der Oldenburger Tafel hat das zunächst abgelehnt:
Video: Aktionsplan gegen Pferdefleisch
Einstellungen, Infos und Kommentare
"Wenn Supermärkte das ihren 'normalen Kunden' nicht verkaufen dürfen, und wir stellen das hier den Migranten hin, das sehe ich als Diskriminierung", ist Anneliese Tammen überzeugt.
Doch die Meinungsfindung im Kollegenkreis bei der Tafel verlief nicht einhellig: Einige vertraten die Ansicht, man könne die Sachen anbieten und deutlich auf den Pferdefleischgehalt hinweisen.
Anneliese Tammen macht sich Sorgen, dass es sich bei dem verarbeiteten Fleisch um das Fleisch gedopter Turnierpferde gehandelt haben könnte: "Dann wäre es gefährlich", meint sie.
Pferdefleisch in Billigware: Wie reagieren finanzschwache Kunden?, [3:30]
Lebensmittelskandale, Ausbeutung von Leiharbeitern, unsäglich schlechte Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie – das meiste ist in den Verbrauchern bekannt. Und trotzdem ändern wir unser Konsumverhalten kaum. Dafür gibt es Gründe, sagt Lucia Reisch, Gastprofessorin an der Zeppelin Universität Friedrichshafen und Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung, im Nordwestradio-Gespräch:
90 Prozent aller Kaufentscheidungen im Supermarkt würden durch Gewohnheiten und Emotionen bestimmt, sagt Reisch. Das Einkaufsverhalten sei "sehr stark auf die Gegenwart orientiert", und die meisten Menschen stünden unter Zeitdruck. Hilfreich für Kaufentscheidungen seien Labels, die staatlich zertifiziert seien und an denen sich die Verbraucher orientieren können.
Pferdefleisch, Amazon, Wiesenhof: Warum ändern wir uns nicht?, [4:20]
Lucia Reisch im Gespräch mit Nicole Nelhiebel
Ermittlungen wegen falsch deklariertem Pferdefleisch
Pferdefleisch in Tiefkühl-Lasagne gefunden
Info: Nordwestradio Journal
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