14. Dezember 2012, 7:39 Uhr
Nordwestradio Journal
Ende September 2012 nahm der Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven seinen Betrieb auf, der erste deutsche Tiefwasserhafen, gebaut von den Bundesländern Bremen und Niedersachsen. Gleichzeitig nimmt in den Niederlanden ein wesentlich größeres Hafenprojekt Gestalt an: Der Rotterdamer Hafen rüstet auf. Europas größter Hafen wird noch größer und tiefer– und macht allen anderen Häfen noch mehr Konkurrenz.
Europas größter Hafen in Rotterdam soll noch größer werden.
In einer Nordwestradio-Serie beschäftigen wir uns mit den beiden Häfen. Heute haben wir Logistikwissenschaftler Burkhard Lemper gefragt, ob der Jade-Weser-Port ein ernst zunehmender Konkurrent für Rotterdam werden kann.
Die Regale in den Kaufhäusern sind voll. Und auf fast allem – egal ob auf Spielzeug, Kühlschränken oderTextilien – auf allem klebt "Made in China". Die Kundschaft kauft, der Einzelhandel freut sich. Was hier noch keiner ahnt: Weihnachten 2012 steht unter einem schlechten Stern! Das wissen die Rotterdamer Reeder schon lange vor dem Kassensturz, sagt Albert Thissen von Hapag Lloyd.
Business as usual: So wirkt, rein äußerlich, das Geschehen im Hafen. Doch der Eindruck täuscht. Konjunkturforscher hören genau hin, wenn die Hapag Lloyds dieser Welt ihre Container zählen. Besonders dann, wenn die "Peak Season", die klassische "Herbstspitze" aus Asien in Europas größtem Hafen komplett ausfällt. Denn das bedeutet, dass die Einkäufer schon Anfang des Jahres weniger Waren geordert haben, die normalerweise im Sommer in China gefertigt und dann im Herbst nach Europa verschifft werden.
Doch es gibt immer noch genug zu tun, sagt Minco van Heezen von der Rotterdamer Hafengesellschaft. Er lässt im eisigen Nordseewind seinen Blick über die neue Maasvlakte II wandern – die jüngste Erweiterung des Hafens, bislang noch eine Sandwüste. Aber ab 2014 schon eine blühende Landschaft, so hofft van Heezen.
Einfuhrhafen Rotterdam: Weniger China-Importe für das Weihnachtsgeschäft, [3:50]
Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister ist vom Erfolg des Jade-Weser-Ports überzeugt. Er prognostiziert einen Ausbau des Hafens ab 2020. Professor Burkhard Lemper, Direktor im Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik Bremen, kann ihm zustimmen. Er hält eine Auslastung des Jade-Weser-Ports auf absehbare Zeit und auch bis 2020 für wahrscheinlich.
Der Jade-Weser-Port sei immer als eine Ergänzung der deutschen Häfen geplant worden, sagt Lemper. Ein Vergleich mit Rotterdam ist demnach nicht ganz einfach.
Rotterdam habe über den Rhein eine ideale Anbindung an das deutsche Hinterland, so der Logistikwissenschaftler. Für deutsche Häfen sei es generell schwierig im Umschlag für Gebiete wie das westliche Ruhrgebiet oder die Räume Frankfurt und Karlsruhe mit Rotterdam zu konkurrieren. Auf der anderen Seite seien aber Verkehre Richtung Ostsee besser und wirtschaftlicher über Wilhelmshaven als über Rotterdam abzuwickeln. "Das sind die Verkehre, in denen Wilhelmshaven gegen Rotterdam deutlich wettbewerbsfähig wäre", so Burkhard Lemper.
Lemper ist sich sicher, dass Deutschland einen Tiefwasserhafen braucht. Es gebe heute etwa 100 Schiffe, die bei voller Ladung Tiefgänge zwischen 14 und 16 Metern haben. In zwei Jahren würde diese Flotte auf etwa 250 Schiffe anwachsen. "Alle diese Schiffe fahren auf der Strecke Europa-Fernost und sind potenzielle Kunden für einen Jade-Weser-Port." Lemper ist davon überzeugt, dass der Bau und Ausbau des Jade-Weser-Ports die geeignete Maßnahme ist, Deutschland gegen Rotterdam konkurrenzfähig zu halten.
Jade-Weser-Port hält Deutschland konkurrenzfähig, [5:21]
Gespräch mit Burkhard Lemper, ILS
Vor allem Ladung aus Fernost wird in Rotterdam umgeschlagen. Das Chinageschäft ist ein Wachstumsmotor für den gesamten Hafen. Die Waren werden auf die Benelux-Staaten verteilt oder nach Deutschland transportiert. Denn der Rotterdamer Hafen gilt als verlängerte Kaimauer des Ruhrgebiets, des wichtigsten logistischen Knotenpunkts Europas, der Hunderte Millionen Kunden mit Waren versorgt.
Das Ruhrgebiet will auch der Jade-Weser-Port erobern. Allerdings gilt die Bahnanbindung Wilhelmshavens als entscheidender Engpass. Die Strecke nach Oldenburg ist nach wie vor nicht elektrifiziert. Spediteure und Reeder konzentrieren sich auf Häfen mit guten Hinterlandverkehren – wie Rotterdam.
Zwar wird der Großteil der Güter bisher auf LKW oder Binnenschiffe verteilt. Aber auch auf der Schiene rüstet Rotterdam massiv auf. Grundvoraussetzung für den Bau von Maasvlakte II war, dass zeitgleich die komplette Bahnanbindung verbessert wird. Deshalb haben die Niederländer die "Betuwe-Route" gebaut, eine Frachtlinie von den neuen Terminals auf der Maasvlakte bis zur deutschen Landesgrenze. Investitionsvolumen: fast fünf Milliarden Euro, zusätzlich zu den Milliarden für die Hafenerweiterung.
Rotterdam: Neue Bahnlinie zwischen Hafen und Landesgrenze, [3:38]
360 Hektar groß ist der Jade-Weser-Port, eine Milliarde Euro wurde investiert. Zum Vergleich: In Rotterdam wurden 2.000 Hektar neues Land für die Hafenerweiterung aufgespült und die Investitionsumme beträgt drei Milliarden Euro. Die Niederländer wollen mit dem Ausbau der "Maasvlakte II" ihren Containerumschlag verdreifachen. Die Angst vor der Konkurrenz in Wilhelmshaven hält sich in Grenzen.
Im Gegenteil: Der Ausbau des Rotterdamer Hafens wird den Abstand zur Konkurrenz vergrößern. Das prognostiziert Albert Thissen von Hapag Lloyd, ein ausgewiesener Branchenkenner. Und der Jade-Weser-Port müsse sich erst entwickeln. Konkurrenzängste in Hamburg und in Bremerhaven kann Thissen verstehen. Denn er sieht ein weiteres Problem: die Überkapazitäten.
Nicht nur die Häfen in Wilhelmshaven und Rotterdam sind gebaut worden. In ganz Europa sind als Folge des Containerbooms gewaltige Hafenanlagen entstanden und die Kapazitäten sind nicht ausgelastet.
Rotterdamer Hafen: Konkurrenz zum Jade-Weser-Port?, [3:40]
Im Juli 2012 schloss Königin Beatrix per Knopfdruck die letzte Lücke des Schutzdeiches um die "Maasvlakte" in Rotterdam. Ihr Königreich ist damit ein Stück gewachsen, das neue Land der Nordsee mühevoll abgerungen. Für die Erweiterung des Riesenhafens in Rotterdam wurde Sand für eine Fläche von 3.000 Fußballfeldern aufgeschüttet. "Maasvlakte II" heißt das neue Areal. Die erste Maasvlakte war in den 1960er Jahren aus dem Nordseeboden gestampft worden, doch die platzt aus allen Nähten.
Zwischen dem alten Hafen in der Rotterdamer Innenstadt und der Maas-Mündung liegen 40 Kilometer, ein weitverzweigtes Netzwerk mit Straßen, Bahnlinien, Kränen, und viel Industrie. Der weltweite Containerhandel hat den Hafen nicht nur wachsen lassen - er hat sich auch verändert.
Reeder wie Hapag Lloyd oder Maersk schicken immer größere Schiffe über die Weltmeere. Das drückt die Transportkosten, zwingt jedoch die Hafenbetreiber, ihre Infrastruktur anzupassen. In Rotterdam schafft "Maasvlakte II" Platz für Schiffe mit einem Tiefgang über 20 Meter. Hier wird die nächste Schiffsgeneration anlegen. Schiffe, die 18.000 Container laden können.
Zwei neue Terminals nehmen bereits Gestalt an, im Herbst 2014 kommen dann die ersten Schiffe. Die Hafengesellschaft will den Containerumschlag mittelfristig verdreifachen. Eine Kampfansage an die Konkurrenz. Für das Nordwestradio berichtet Christian Schwalb.
Die Bremischen Häfen
Wirtschaftsstandort Küste
Info: Nordwestradio Journal
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