17. Mai 2013, 8:11 Uhr
Nordwestradio Journal
Welches Obst und Gemüse auf unseren Tellern landen darf und welches verboten wird, regelt eine Saatgutverordnung der EU. Und eben diese will die Europäische Union nun neu regeln. Kritiker befürchten eine Einschränkung der Artenvielfalt und eine Vormacht der Agrar-Konzerne. Denn teure Genehmigungsverfahren können sich kleine Biobauern kaum leisten.
Immer rund, immer rot: So soll die Tomate nach EU-Norm aussehen.
In der Nähe von Hambergen steht das Gewächshaus von Ulrike Behrendt. Sie ist Bäuerin und züchtet Biogemüse. Das Dach ihres Glashauses steht weit offen. Hier wächst nicht nur junges Gemüse. Der Spitzkohl zum Beispiel hat mannshohe, gelbe Blüten wie der Raps. Und Ulrike Behrendt wartet, dass der Kohl Samen wirft. Denn dieses Gemüse wird nicht gegessen, sondern gekreuzt und gezüchtet.
Vorsichtig lugen fingerlange Tomatenpflanzen ins Tageslicht. Lecker sollen sie werden. Und sie müssen sich eignen für den Öko-Anbau. "In dem Sinne, dass die Tomaten zum Beispiel nicht zu weich sind, so dass man sie auch im Großhandel verkaufen kann, und dass sie für bestimmte Krankheiten widerstandfähig sind und so weiter", sagt Ulrike Behrendt. Anbaueignung und Geschmack sind also die Ziele ihrer Züchtung, ohne dass Gentechnik verwendet wird.
Die Saatgutverordnung regelt die Überprüfung von Saatgut. "Die prüfen unter ihren Bedingungen, tun Kunstdünger drauf und machen ganz normale Kultur, wie das so fachüblich ist", sagt Behrendt. Sie und andere Biobauern wünschen sich dagegen, dass auch unter ökologischen Bedingungen geprüft wird.
Die Züchtung solle geprüft werden und auch die Gegend, in der gezüchtet wurde, berücksichtigt werden. "Denn eine Sorte stellt sich tatsächlich in einem anderen Klimabereich völlig anders dar", so Ulrike Behrendt. Doch dem Wunsch der Öko-Züchter entsprach die Europäische Union nicht. Geht es nach ihrem Vorschlag, wird künftig in Frankreich getestet, unter völlig anderen klimatischen Bedingungen, als zum Beispiel im weiten Niedersachsen.
Bäuerin Behrendt fürchtet aber vor allem die Kosten. Nach vorgesehenem Recht dürfen die Unternehmen zwar künftig selbst ihre Registerprüfungen vornehmen, die entsprechenden Labors dafür seien aber so kostspielig, dass sich das nur große Unternehmen leisten können. Sie, als Kleinbäuerin, muss dann auf die teure Dienstleistung der Genehmigungsbehörde zurückgreifen. Und wenn es keine Genehmigung für ihr Saatgut gibt, dann darf sie damit auch nicht handeln. "Wenn ich die Sorten nicht anmelden kann und meine Abnehmer nicht an das Saatgut ran kommen, dann weiß ich tatsächlich nicht, wie es weiter gehen soll", sagt Behrendt.
Irrwitzig wird die Saatgutverordnung aber vor allem deshalb, weil Ulrike Behrendt in einem Punkt genau das Gegenteil will: Vielfalt. Sie schaut auf ein Dutzend Salatköpfe – der eine etwas rötlich, ein anderer eher grünlich. "In diesem Fall möchte ich jetzt Salatlinien haben, die noch genetisch etwas heterogen sind, also die noch ein bisschen vielfältig sind, damit die sich eben diesem ganzen Geschehen etwas besser anpassen können".
Und das "Geschehen" sagt Behrendt, ist der Schädling, in diesem Falle Mehltau. Er verwandelt sich. Kann er heute einem reinrassigen, zugelassenen Salatkopf nichts anhaben, kann es morgen möglicherweise ganz anders sein. Und diesen Teufelskreis will Züchterin Behrendt durchbrechen.
Das wird ihr jedoch schwer gemacht. Die Behörde prüft drei Kriterien: Neuheit, Beständigkeit und Einheitlichkeit. "Da fängt die Katastrophe richtig an. Denn die werden nie so einheitlich sein, wie das Bundessortenamt das fordert", sagt Behrendt. Bisher konnte die Bio-Bäuerin diese Züchtung bislang aber wenigstens als Amateursorte anbieten und damit eingeschränkt handeln. Diese Regelung will die EU nun komplett kippen – zu Lasten der Vielfalt und dem Sinn und Zweck der Züchtung, nämlich Schädlinge abzuwehren und damit Pestizide zu vermeiden.
Einheitsgemüse in Europa, [3:44]
EU legt neue Saatgutverordnung vor
Info: Nordwestradio Journal
![Globus mit Mikrofon davor [Quelle: Radio Bremen] Globus mit Mikrofon davor [Quelle: Radio Bremen]](/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_journal/journal104_v-mediateaser.jpg)
Sendezeit:
Mo., - Fr.,
6:05 - 9 Uhr
12:08 - 13 Uhr
17:08 - 18:30 Uhr
Sa.,
8:05 - 9 Uhr
12:05 - 13 Uhr
Aktuelle Beiträge zum Hören
Alle Audios
Alle Beiträge aus dem Nordwestradio Journal in unserer Mediathek. Mehr...
Zwischen Mythos und Moderne
Das 1990 gegründete Ensemble möchte altbekannte Hörgewohnheiten verändern und sie auch konservativerem Publikum nahe bringen. Dabei hilft die Verflechtung mit anderen Künsten wie Tanz, Schauspiel, Film oder Malkunst. Wir präsentieren einen Mitschnitt vom Januar in der St. Ansgari-Kirche in Oldenburg. Mehr...
5. Juni, 20:05 Uhr | Nordwestradio
Lesebuch: Anna Seghers
In den aktuellen Folgen des Lesebuchs hören Sie den Roman "Aufstand der Fischer von Sankt Barbara" von Anna Seghers. Mehr...
radiobremen.de nun auch mobil
Seit Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. Das gilt natürlich auch für die Homepage des Nordwestradio. Mehr...
Suche
Nordwestradio durchsuchen:
Info & Service
Plattdeutsches bei Radio Bremen
Mögen Sie Plattdeutsch? Oder wollen Sie es lernen? In unserem Plattdeutsch-Spezial bieten wir Ihnen einen Anfängerkurs mit den wichtigsten Regeln und vielen Übungen. Mehr...
Neues Digitalradio-Angebot
Radio Bremen hat ein neues Digitalradio-Angebot gestartet. Damit können Sie das Nordwestradio in rauschfreier Qualität empfangen. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Robin Dutt in der Stadt: Werder Bremen präsentiert seinen neuen Trainer
Betriebsversammlung bei ENO: Mitarbeiter wollen bessere Arbeitsbedingungen
Streit um Beratungsstelle: SPD-Fraktionschef will Rat-und-Tat-Zentrum halten
Bremer Delegation in der Türkei: Böhrnsen findet es wichtig, "sich mal sehen zu lassen"