6. Januar 2012, 8:35 Uhr
Serie im Nordwestradio
Der entfesselte Kapitalismus führt sich selbst ad absurdum. Das sagen nicht nur die Anhänger der Occupy-Bewegung, sondern auch viele Wirtschaftsfachleute. Wie aber könnte besser gewirtschaftet werden? Wie können Menschen den Lebensalltag in den Städten solidarisch organisieren?
Bedürfnisse und Wünsche ändern sich, doch nicht jeder will sich immer neue Gegenstände anschaffen. Und wohin mit all dem mittlerweile Überflüssigen? Eine Alternative zu Neukauf und Sperrmüll sind Tauschbörsen - man bietet an, was nicht mehr gebraucht wird und sucht sich einen Tauschpartner. Das geht nicht nur mit Waren, sondern auch mit Dienstleistungen jedweder Art. Nordwestradio-Reporterin Ramona Schlee hat den Praxistest gemacht.
Tauschbörsen und Tauschringe, [3:38]
Die Identität des Einzelnen definierte und definiert sich über Besitz. Doch wie wichtig wird Eigentum in Zukunft sein? Wie wichtig wird das Tauschen sein? Werden wir alle zu Benutzern, die nichts mehr horten? Birgit Gebhardt, Geschäftsführerin des Hamburger Trendbüros, hat sich in ihrem Buch "2037" mit Entwürfen "einer Welt von übermorgen" auseinandergesetzt. Nordwestradio-Moderatorin Nicole Nelhiebel hat mit ihr gesprochen.
Gespräch mit Birgit Gebhardt (Trendbüro Hamburg), [4:53]
Fünf Häuser in einer alten Oldenburger Wohnsiedlung wurden von den Bewohnern gemeinsam gekauft; sie gründeten eine Genossenschaft. Das Besondere dabei: Wer mehr Kapital einbrachte, zahlt weniger Miete, für die anderen bleibt die Miete langfristig günstig. Mindestens genauso wichtig ist den Bewohnern jedoch der generationenübergreifende Zusammenhalt und die soziale Mischung in der Siedlung. Nordwestradio-Reporter Jens Schellhass berichtet.
Oldenburg: Wohngenossenschaft Breslauer Straße, [3:31]
Solidarische Lebensmodelle wie Genossenschaften haben eine große Zukunft. Das sagt der Zukunftsforscher Horst Opaschowski im Nordwestradio-Gespräch. Die Menschen müssten sich mehr – auch außerhalb der Familien – zusammenschließen, staatliche Hilfe wird geringer werden, das Prinzip der Selbsthilfe setzt sich notgedrungen durch.
Horst Opaschowski
Wir!
Warum Ichlinge keine Zukunft mehr haben
Murmann Verlag, 19,90 Euro
Solidarisches Handeln, helfen und Hilfe annehmen – das könne nicht gefordert werden, sondern die Menschen müssten es lernen, sagt Opaschowski. Sie müssten Vorsorge für die Zukunft treffen: Für ein gelingendes Leben bis ins hohe Alter brauchen sie generationenübergreifende Netzwerke, "soziale Konvois".
Gespräch mit Horst Opaschowski (Zukunftsforscher), [4:28]
Wie soll oder muss sich in Zeiten von fragilen Finanzmärkten unser Verhältnis zu Geld, Konsum und Banken ändern? Immer wieder gibt es Versuche von Wenigen, alternative Formen des Konsumierens oder Wirtschaftens zu etablieren – aus politischen oder persönlichen Gründen. Gegenmodelle wie zum Beispiel die Bremer Regionalwährung Roland. Kerstin Burlage berichtet.
Der Roland - Bremer Regionalwährung , [3:39]
Regionalgeld ergänzt den Euro um ein regionales Zahlungsmittel - meist in Form von Gutscheinen - und dient dem Gemeinwohl. Ziele des Regionalgeldes sind:
Der Roland ist ein Scheckgutschein und dient als frei vereinbarte Verrechnungseinheit für wirtschaftliche Leistungen und wird nur von Roland-Wirtschaftsringmitgliedern verwendet. Darunter sind Bioläden, Handwerker, Gesundheitsdienstleister, Ingenieure, Architekten oder EDV-Experten. Über Bremen hinaus finden sich Mitglieder und Anbieter in der gesamten Region; etwa in Varel Sottrum, Zeven, Osterholz-Scharmbeck, Worpswede, Delmenhorst, Ottersberg oder Lilienthal.
Angesichts von Finanzkrisen und der zunehmenden Spaltung vieler Gesellschaften in Arm und Reich, gibt es immer mehr Versuche, die traditionellen wirtschaftlichen Strukturen zu überwinden oder zu verändern. Vieles spielt sich zwar auf überschauberer, regionaler Ebene ab, hat aber das Potenzial für eine grundlegende Trendwende, meint Prof. Christian Kreiß, Wirtschaftshistoriker an der Hochschule Aalen. Nordwestradio-Moderatorin Nicole Nelhiebel fragte ihn nach den Chancen alternativer Wirtschaftsformen.
Solidarisch wirtschaften - nur für Idealisten?, [4:14]
Auch bei Alter und Krankheit so lange wie möglich in der vertrauten Umgebung bleiben – das wollen die Initiatoren der sogenannten "Villages" in den USA. Ursprünglich stammt die Idee aus Boston, seit 2007 gibt es auch das Capitol Hill Village in der Hauptstadt Washington.
Mitglied der professionell geführten Villages kann jeder werden – ohne Altersbegrenzung. Das Konzept basiert darauf, dass Freiwillige ihre Zeit und Fähigkeiten anbieten, um anderen zu helfen – in der Erwartung, später bei eigener Hilfebedürftigkeit ebenfalls unterstützt zu werden. So bleiben soziale Kontakte im eigenen Stadtviertel erhalten. ARD-Korrespondentin Julia Hummelsiep berichtet.
Reportage:
In Würde altern - das "Village"-Konzept in den USA , [3:05]
Empathie und solidarisches Handeln sind im Menschen angelegt. Die Evolution hat uns zu Gemeinwesen gemacht. Das sagt der Neurobiologe und Arzt Joachim Bauer im Gespräch mit Nordwestradio-Moderatorin Nicole Nelhiebel. Ergebnisse der Hirnforschung zeigen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist: Mittels spezieller Nervenzellen, den sogenannten Spiegelneuronen, können wir erkennen, was unser Gegenüber empfindet und uns auf den Anderen einstellen.
Allerdings muss solidarisches Handeln auch gelernt werden. Denn seit der Mensch sesshaft ist, steht er unter Stress und muss mit dem Mangel an Ressourcen fertig werden. Das kann Angst machen und zu Wettbewerb und Kampf führen – Verhaltensweisen, die nicht gesund sind, so Bauer.
Der Mensch könne nur gesund bleiben, wenn er gute soziale Beziehungen hat. Neue Zahlen belegen, dass ein Leben in Städten gerade für Ältere ein Risikofaktor auch für das Entstehen seelischer Erkrankungen ist. Der alltägliche Lebensradius wird kleiner, die Folge ist häufig Isolation. Deshalb sind Organisationsformen wie das Village-Konzept ein richtiger Ansatz.
Hintergrund:
Gespräch mit Joachim Bauer (Neurobiologe), [4:26]
Wie könnte eine Ökonomie aussehen, in deren Zentrum nicht die Gier nach Profit steht? Ein gelungenes Beispiel findet sich auf einem Bauernhof in Sottrum im Landkreis Rotenburg (Wümme). Hier gibt es Obst und Gemüse vom Bauern um die Ecke – man nimmt sich, was man braucht. Die Kunden sind nämlich quasi Teilhaber. Sie zahlen monatlich eine ausgemachte Summe an den Bauern und bekommen dafür Lebensmittel. Nordwestradio-Reporter Jens Schellhass hat den Mirandahof in Sottrum besucht.
Der Mirandahof in Sottrum , [3:27]
Thomas Kröger gehört zu den Landwirten, die das auf Solidarität basierende Modell anbieten. Auf dem Bauernhof in Sottrum, knapp 40 Kilometer von Bremen entfernt, bauen der 49-Jährige und seine Frau auf sieben Hektar Rüben, Kartoffeln, Kohl, Erdbeeren und andere heimische Lebensmittel an. 44 Familien ernähren sie damit. Zweimal die Woche stellt Kröger Kisten mit frischem Gemüse auf den Hof - seine Kunden dürfen sich nach Bedarf bedienen.
Dafür erhält der Öko-Bauer monatlich von jeder Familie eine Pauschale von etwa 100 bis 160 Euro, abhängig von deren Zahlkraft. Der Bauer ist gegen Ernteausfälle und schwankende Preise abgesichert. Die Kunden wissen, woher ihre Lebensmittel stammen und wie sie angebaut wurden. Sprit oder Kerosin für lange Transporte werden nicht verbraucht. Während sich diese Idee in den USA, Kanada und Großbritannien seit Mitte der 80er Jahre unter dem Begriff "Community Supported Agriculture" verbreitete, blieb es in Deutschland bei einigen wenigen Höfen.
In der Landwirtschaft finden sich einige Beispiele für alternatives Wirtschaften. Aber auch in anderen Branchen gibt es neue Ansätze für eine solidarische Ökonomie. Es entstehen Projekte und Unternehmen, die nachhaltige Lösungen zu den drängenden Problemen unserer Zeit entwickeln. Dabei sollen sanfte, umweltverträgliche Hochtechnologien für menschliche Bedürfnisse eingesetzt werden.
Arbeitsbereiche sind die Energiewende, globale Solidarität mit den Entwicklungsländern, die Verbreitung freier Software und Bildungsalternativen. Gleichgesinnte haben sich zusammen getan. Sie bereiten das Forum Solidarische Okönomie vor, das vom 2.-4. März in Kassel stattfinden soll. Nordwestradio-Moderator Hans-Heinrich Obuch sprach mit Robin Stock vom Netzwerk Solidarische Ökonomie.
Netzwerk solidarische Ökonomie, [5:36]
Info: Nordwestradio Journal
![Globus mit Mikrofon davor [Quelle: Radio Bremen] Globus mit Mikrofon davor [Quelle: Radio Bremen]](/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_journal/journal104_v-mediateaser.jpg)
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Montag, 8:10 Uhr:
Das Medienecho
mit Jochen Hörisch
Mittwoch, 8:10 Uhr:
Das Wort der Woche
mit Friedrich Küppersbusch
Donnerstag, 8:35 Uhr:
Boulevard Moritz
mit Rainer Moritz
Freitag, 8:45 Uhr:
Der kritische Wochenrückblick
mit Friedrich Nowottny
Samstag, 8:50 Uhr:
Zudeicks satirischer Wochenrückblick
mit Peter Zudeick
Globalisierung
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25. Februar, 19:05 Uhr | Nordwestradio
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