9. Februar 2012, 18:10 Uhr
Nordwestradio Journal
Diesen Fernsehfilm kennen wir alle: Der "Tatort" ist eine feste Größe im deutschen Fernsehen. Jeden Sonntag gibt es einen neuen Fall und täglich gibt es Wiederholungen alter Fälle in den dritten Programmen.
Tatort-Logo
Der Tatort ist "der" deutsche Kriminalfilm, er setzt Maßstäbe für alle anderen Krimis und Serien hierzulande. Doch was macht ausgerechnet diese Krimireihe so reizvoll? Warum lieben wir diesen sonntäglichen Grusel? Nordwestradio-Redakteurin Anna Tollkötter hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht.
Tatort - Die Lust am Grusel , [9:25]
Beitrag von Anna Tollkötter
Es ist wieder soweit. Am Sonntag-Abend, 20:15 Uhr, der "Tatort" im Ersten. Ob mit routiniertem Ermittlungsteam aus München, alleinerziehender Frauenpower aus Hannover, sozialkritischem Hintergrund aus Bremen oder auch sarkastischem Humor aus Münster. Der Tatort ist ein Erfolgsgarant, und zwar seit dem 29. November 1970.
Rund acht Millionen Zuschauer sitzen am Sonntag-Abend vor ihren Fernsehern, um zu erfahren, wer der Mörder ist. Und es werden immer mehr. Gebhart Henke vom Westdeutschen Rundfunk ist der ARD-Tatort-Koordinator.
"Es geht auch um dieses Sonntag-Abend-Gefühl, dass man da etwas hat, wo man sich stellvertretend gruseln kann, wo eine Bedrohung da ist, wo man aber weiß, das wird in der Regel so aufgelöst, dass man doch befriedigt und zufrieden ins Bett gehen kann. Das Böse ist gebannt, am Sonntag Abend ist noch mal die Ordnung hergestellt, man kann dann beruhigt wieder in den Montag Morgen gehen, wo es vielleicht schrecklich ist, auf der Arbeitsstelle oder im Verkehr. Das hat sicherlich auch was mit dem Wochentag zu tun.
Was fasziniert uns an diesen schrecklichen Bildern mit zerstückelten Leichen? Warum genießen wir unser Herzrasen, unsere Anspannung, wenn wir es im schlimmsten Fall mit einem pädophilen Massenmörder auf dem Bildschirm zu tun haben? Axel Petermann ist Profiler bei der Bremer Kriminalpolizei und in Sachen Tatort als Berater tätig. Die Lust am Kriminalfilm ist ihm zufolge völlig verständlich:
"Ich denke, weil wir gute und böse Anteile in uns haben. Dass wir einem Wechselspiel der Gefühle oder dieser Zustände ausgesetzt sind. Und ich denke, es ist das Ausreizen wie weit kann ich mit der Angst oder mit dem Bösen umgehen, wie weit mag ich mich darauf einlassen, ich hab jederzeit die Chance auszusteigen und ich hab eigentlich auch in der Regel immer die Gewissheit, dass nach 90 Minuten ein Protagonist hilft, das Böse zu besiegen und eben das Gute da stehen zu lassen."
Doch Gewalt und Leichen müssen nicht immer nur Angst erzeugen. Manchmal kommt das Böse im sarkastisch-humorvollen Gewand daher, wie beispielsweise im "Tatort" aus Münster mit Hauptkommissar Frank Thiel alias Axel Prahl und Pathologe Karl Friedrich Börne alias Jan Josef Liefers in den Hauptrollen.
Das Verbinden von Kriminalhandlung, Ermittlung und Comedy-Elementen, ist eine dramaturgische Herausforderung. Bei den Zuschauern, vor allem den jüngeren, kommt das besonders gut an. Kein Wunder also, dass der Tatort aus Münster regelmäßig die höchsten Quoten erzielt und zudem auch das jüngere Publikum zwischen 14 und 29 Jahren vor die Bildschirme lockt. Tatort ist Kult. Nicht nur wegen der teilweise bizarren oder ekeligen Mordfälle, sondern auch, weil er im Laufe seiner über 40-jährigen Geschichte eine ganze Menge über uns und unsere Gesellschaft verrät.
Die Bremer Kommissare ahnen, dass bei der Familie Lange etwas nicht stimmt.
Der Tatort ist also ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse. So sieht es auch der Kommunikationswissenschaftler Stephan Völlmicke von der Universität Münster. Er hat 81 Folgen der Reihe Tatort zwischen 1970 und 2010 untersucht. Dabei hat er sich auf einen ganz besonderen Aspekt konzentriert, nämlich auf die Darstellung der Leichen. "40 Jahre Leichenschau" heißt deshalb seine mehr als 1.000 Seiten umfassende Dissertation. Das Ergebnis:
Die Leichendarstellungen haben sich in ihrer mittlerweile 42-jährigen Tatort-Geschichte deutlich verändert. Fiktive Leichen werden heute so direkt, detailliert und intensiv präsentiert wie nie zuvor in der Geschichte der Tatort-Reihe.
Noch vor einigen Jahrzehnten war es normal, Tote zu Hause im Kreis der Familie aufzubahren oder seine Trauer durch schwarze Kleidung zu signalisieren. Der Tod gehörte zum Alltag der Menschen dazu, war emotional besetzt. Im "Tatort" spiegelte sich das dahingehend wieder, dass die Leichen in der 1970er, 1980er Jahren nicht oder nur teilweise gezeigt wurden.
Inzwischen ist der Tod aus dem Alltag der meisten Menschen verschwunden. Rund 85 % aller Menschen sterben in Krankenhäusern oder Heimen. Stephan Völlmicke spricht von einer sogenannten "Entzauberung des Todes", denn dem Tod wird nicht mehr emotional, sondern in den meisten Fällen sachlich, naturwissenschaftlich begegnet. Und genau das findet sich im "Tatort" wieder.
Doch welche Auswirkungen hat diese Leichenshow, diese detaillierte Darstellung des Todes auf unseren Alltag? Gibt es überhaupt Auswirkungen? Tatort-Koordinator Gebhart Henke sagt klar: "Nein. Fiktion bleibt Fiktion". Der Profiler Axel Petermann beobachtet jedoch etwas ganz anderes: Demnach ist der Hunger nach "Tatort", nach dem Grusel und die Lust an der Angst noch längst nicht gestillt. Denn der "Tatort" boomt nach wie vor, bei Männern gleichermaßen wie bei Frauen.
Der neue Radio-Bremen-Tatort:
Ordnung im Lot
Info: Nordwestradio Journal
![Globus mit Mikrofon davor [Quelle: Radio Bremen] Globus mit Mikrofon davor [Quelle: Radio Bremen]](/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_journal/journal104_v-mediateaser.jpg)
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