5. Februar 2013, 12:35 Uhr
Nordwestradio Journal
Eigentlich sollte man denken, was gut ist, das darf auch teuer sein. Leider sieht die Realität anders aus – zumindest was die Preise für Äcker und Grünland in der Region Oldenburg betrifft. Hier haben Bodenqualität und Preisentwicklung nichts miteinander zu tun. Die Preise für Ackerland sind in den vergangenen Jahren um knapp 130 Prozent gestiegen. Die Landwirte können nur hilflos zusehen.
Die Preise für Ackerland sind in den vergangenen Jahren um knapp 130 Prozent gestiegen.
Jürgen Seeger besitzt einen landwirtschaftlichen Betrieb in Großenkneten, zirka 30 Kilometer südlich von Oldenburg. Der 55-Jährige verfügt über knapp 200 Hektar Land. Davon sind 130 Hektar Getreide, 40 Hektar Mais und der Rest wird als Grünlandfläche genutzt. Die Fläche braucht der Landwirt für den Futteranbau für seine Milchkühe und die Schweine.
Mit Blick auf die vergangenen 5 bis 6 Jahre kann Seeger bestätigen, dass die Preise für das Land verdoppelt worden sind: "Wir haben in den vergangenen Jahren Fläche dazu gekauft – da mussten wir tiefer in die Tasche greifen", erzählt er. Die einzige Möglichkeit, die Belastung zu stemmen, sei die einer möglichst langfristigen Finanzierung. "Wenn es früher 10 Jahre waren, sind es heute 20 Jahre, damit man den Abtrag und die Leistung hinbekommt", so Seeger.
Gleiches gilt für Pachtflächen. Mehr als die Hälfte von Seegers Wirtschaftsfläche ist nicht sein Eigentum. "Viele Besitzer wollen jetzt mehr Geld haben", sagt Seegers. Das belastet ihn zusätzlich. Auch die Dauer der Pachtverträge hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Wurden sie damals über 10 Jahre abgeschlossen, sind heute drei Jahre die Regel.
Diese Entwicklung beobachtet auch Anja Diers vom Landesamt für Geoinformation und Landesentwicklung in Niedersachsen. Einmal jährlich werden hier für die Region die Grundstückswerte ermittelt: "Seit dem Jahr 2006 ist ein deutlicher Anstieg bei den Ackerlandpreisen in den Bereichen Landkreis Oldenburg, Kreis Cloppenburg und Landkreis Vechta zu verzeichnen", hat Diers festgestellt. Und das sind nur die Landkreise, die im Bereich ihres Gutachterausschusses liegen.
Im Landkreis Oldenburg gab es eine Steigerung um 113 Prozent in den vergangenen sieben Jahren. 2006 kostete der Quadratmeter Ackerland zwischen 1,10 Euro und 2,40 Euro. Im Jahr 2012 stieg der Preis auf bis zu 4,80 Euro pro Quadratmeter. Dafür kann man in manchen Bereichen der Stadt eine Wohnung mieten.
Über die Fleischpreise können Bauern den Ackerpreis nicht erwirtschaften.
Die Gründe für die Preissteigerung sind vielfältig und nicht immer nachvollziehbar. Ein Grund ist der Verlust von Flächen durch Straßenbau, Gewerbegebiete, Wasserschutz oder Ausgleichsmaßnahmen erklärt Landwirt Jürgen Seeger. Noch kommt der Landwirt mit der Situation zurecht. Er muss eben immer mehr rechnen. Sollten die Preise sich jedoch in den nächsten Jahren weiter nach oben entwickeln, bekommt er Probleme: "Mit den heutigen Preisen für Getreide, Milch und Schweinefleisch kann man das nicht erwirtschaften", sagt er.
Als Konsequenz müssten Landwirte wie Jürgen Seeger viele ihrer Tiere abschaffen. So könnten sie auf Äcker verzichten, die an die Anzahl der Tiere auf dem Hof gebunden sind. So könnten sie die Nachweisflächen für Gülle, Mist und Futter verringern. Wie sich das auf die Lebensmittelpreise auswirkt, kann man sich denken.
Preise für Ackerflächen explodieren, [3:20]
Eine Reportage von Britta Lumma
Besonders kleinere Betriebe sind von den hohen Preisen für Ackerland betroffen. Einige von ihnen haben sich deshalb in der "Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft" (ABL) zusammen geschlossen. Die Vereinigung mit 1.500 Mitgliedern legt einen größeren Wert auf nachhaltige Landwirtschaft. Johanna Boese-Hartje, Mitglied im Bundesvorstand der ABL, macht auch den massenhaften Bau von Biogaslagen für die steigenden Pachtpreise verantwortlich: "Sie haben eine höhere Wertschöpfung und die Besitzer können aufgrund dessen auch einen höheren Preis für die Pachtflächen zahlen", so Boese-Hartje im Nordwestradio-Interview. Das Land gehe deshalb aus Bauernhand in die Hand der Industriebetriebe.
Von der Politik fühlt sie sich nicht nur allein gelassen: "Die arbeiten gegen die Bauern", sagt die Landwirtin: "Es ist politisch gewollt, große Betriebe zu haben, die besser kontrolliert werden können, als wenn wir viele kleine Bauern haben, die selbstständig arbeiten und auch selbstständig denken". Große Hoffnungen setzt Boese-Hartje in die neue niedersächsische Landesregierung: "Ich glaube, das Thema ist in der Bevölkerung angekommen, ist sie überzeugt.
Ackerflächen sind kaum noch bezahlbar, [4:20]
Gespräch Johanna Boese-Hartje
Das unbebaute Land im Nordwesten wird von zahlreichen widerstreitenden Interessen regelrecht in die Zange genommen. Es findet "Landgrabbing" großen Ausmaßes statt. Flächen für den Maisanbau für die Biogasproduktion werden teurer bezahlt, als Land für die Nahrungsmittelproduktion. Die mit Getreide bebaute Fläche in Niedersachsen ist auf einem historischen Tiefstand, während die Flächen für den Maisanbau inzwischen über 600.000 Hektar umfassen.
"Es ist höchste Zeit, gegenzusteuern", sagt auch Reinhard Pfriem, Professor für Unternehmensführung und betriebliche Umweltpolitik an der Uni Oldenburg. In Niedersachsen dürfe nicht passieren, was in Mecklenburg-Vorpommern schon geschehen ist: Dort habe sich unter anderem der Energiekonzern Eon riesige Flächen für den Maisanbau gesichert, so Pfriem im Nordwestradio-Gespräch.
Deshalb müssten in Niedersachsen die verschiedenen Interessen zusammengebracht werden. Deshalb organisierte Pfriem die Fachtagung "Konkurrierende Flächennutzung" am 5. Februar 2013 in Aurich. Dort diskutieren rund 100 Landwirte, Funktionäre, Naturschützer, Regionalplaner und Vertreter der Energieversorger über den Umgang mit der Ressource Land.
Von der neuen rot-grünen Landesregierung erwartet Pfriem, dass die Landwirtschaft nicht nur Wertschätzung erfährt, sondern dass sich diese auch in entsprechenden Rahmenbedingungen für die Landwirte niederschlägt.
Konkurrierende Flächennutzung in Niedersachsen, [6:19]
Gespräch mit Reinhard Pfriem (Universität Oldenburg)
Video: Kampf um Flächen
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