28. Januar 2012, 8:45 Uhr
Nordwestradio Journal
Am Anfang stand ein Darlehen von einem Unternehmer für den Hausbau, es folgte ein Wutausbruch auf der Mailbox eines Chefredakteurs einer deutschen Tageszeitung. Dazwischen ein entschuldigender TV-Auftritt und nun Korruptionsvorwürfe gegen den ehemaligen Regierungssprecher und Wulff-Vertrauten Glaeseker. Seit Wochen beherrscht Bundespräsident Christian Wulff die Schlagzeilen.
Christian Wulff
Doch wie wird die Affäre um das deutsche Staatsoberhaupt im Ausland wahrgenommen: Nimmt man dort überhaupt Notiz? Und wie gehen diese Länder mit Verfehlungen und Skandalen ihrer eigenen Politiker um? Dieser Frage geht das Nordwestradio in der Serie "Außenblick auf die deutsche Polit-Affäre" nach.
Vermeldet wurde die Affäre über den deutschen Bundespräsidenten auch in Irland, berichtet Ralf Sotscheck, Irland-Korrespondent der Taz. Eingeschlagen sei sie dort aber nicht. In Irland sei man es gewonht, dass die Politiker korrupt sind, so Sotscheck.
So habe sich ein früherer Außenminister von einer Baufirma bestechen lassen– ein Skandal, der ihn nicht nur das Amt kostete, sondern auch ins Gefängnis brachte. Doch der größte Skandal in Irland sei im Moment, dass das Land nicht mehr von Dublin, sondern von Brüssel aus regiert werde, weil man auf die Hilfsgelder angewiesen sei, so Sotcheck. Kritisiert wurde außerdem, dass der irische Finanzminister den Haushaltsplan nicht zuerst im irischen Parlament vorstellte, sondern zuerst mit der deutschen Regierung besprach und der Plan dann im Bundestag publik wurde. Mit dem Irland-Korrespondenten Ralf Sotscheck sprach Nordwestradio-Moderatorin Kristin Hunfeld.
Außenblick auf die deutsche Polit-Affäre: Irland, [6:51]
Die Italiener wissen, wo in Deutschland die Machtverhältnisse liegen, bei "La Merkel". Christian Wulff dagegen kenne praktisch niemand, und sei den Italienern nur wenig Aufmerksamkeit wert, berichtet Italien-Korrespondent Tilman Kleinjung.
Doch eine Verflechtung von Wirtschaft und Politik, das wäre durchaus auch in Italien skandalös. Den Respekt für das größte Schlitzohr, den gebe es in Italien schon lange nicht mehr, so Kleinjung. Im Gegenteil: die Italiener seien stinksauer, wenn sie merken, dass nachlässig mit ihren Steuergeldern umgegangen wird. Und vielfach werde der politischen Klasse schon generell unterstellt, dass sie sich haben kaufen lassen. Mit dem Rom-Korrespondeten Tilman Kleinjung sprach Nordwestradio-Moderator Tom Grote.
Außenblick auf die deutsche Polit-Affäre: Italien, [5:00]
Schweden gilt ja gemeinhin als das Mutterland der Transparenz, die auch Christian Wulff in seiner Affäre versprochen hatte. Alles ist hier online verfügbar, keine Datenschutzgesetze bremsen die Auskünftsmöglichkeiten über die Mächtigen des Landes.
In der Praxis sehe das anders aus, berichtet Schweden-Korrespondent Albrecht Breitschuh. Da habe niemand die Zeit und auch das Interesse, sich um diese Daten zu kümmern. Und Affären gebe es auch zur genüge. Erst vor wenigen Tagen sei der Vorsitzende der Sozialdemokraten zurückgetreten, nachdem er die gemeinsame Wohnung mit seiner Freundin als Dienstwohnung abgerechnet hatte. Mit dem Stockholm-Korrespondenten Albrecht Breitschuh sprach Nordwestradio-Moderator Tom Grote.
Außenblick auf deutsche Polit-Affäre: Schweden, [5:23]
Ein Unbekannter ist Christian Wulff in Polen nicht: die meisten Menschen kennen den deutschen Bundespräsidenten schon, erzählt Warschau-Korrespondent Henryk Jarczyk. Für seine Affäre allerdings interessiere sich kaum jemand, auch die Medien berichteten kaum noch darüber.
Beim ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, so Jarczyk, hätte das durchaus anders ausgesehen, denn der wurde in einem Ort an der Grenze Polens zur Ukraine geboren. Wulff jedoch, der habe so gar nichts mit Polen zu tun, deshalb würden sich die Polen im Gegenzug auch nicht für seine Affäre interessieren, so Henryk Jarczyk im Gespräch mit Nordwestradio-Moderator Tom Grote.
Außenblick auf deutsche Polit-Affäre: Polen, [5:13]
Ein Präsident, der auf Kosten seiner Freunde urlaubt? Das kennt man in Großbritannien auch. So habe der ehemalige Premierminister Tony Blair jedes Jahr auf Kosten reicher Freunde Urlaub gemacht, berichtet England-Korrespondentin Barbara Wesel.
Darüber aufgeregt habe man sich zwar schon, aber ein Grund ihn aus dem Amt zu jagen war das in England nicht. Überhaupt: Affären, das könnten die Briten viel besser. Zum Beispiel Verkehrssünderpunkte vom Minister auf die Ehegattin übertragen - bis die Affäre mit der Sekretärin dazwischen kommt, erzählt Barbara Wesel im Gespräch mit Nordwestradio-Moderator Tom Grote.
Außenblick auf deutsche Polit-Affäre: Großbritannien, [4:48]
Christian qui? So ähnlich, sagt Frankreich-Korrespondentin Anne-Christine Heckmann, würde wahrscheinlich die Antwort eines Franzosen ausfallen, wenn man sie nach der Polit-Affäre in Deutschland befragt.
Denn die Person Christian Wulff sei wohl den wenigsten Franzosen bekannt, ebenso die Tatsache, dass es hierzulande einen Bundespräsidenten gibt. Dass ein Präsident telefonisch auf die Medien Einfluss nehmen will, sei den Franzosen dagegen sehr vertraut. Nordwestradio-Moderator Tom Grote sprach mit Frankreich-Korrespondentin Anne-Christine Heckmann.
Info: Nordwestradio Journal
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