19. Juli 2012, 15:05 Uhr
Nordwestradio unterwegs
Das Kölner Landgericht hat entschieden, dass die Beschneidung von minderjährigen Jungen aus religiösen Gründen strafbar ist. Dem Urteil war der Fall eines vierjährigen muslimischen Jungen voraus gegangen. Nach seiner Beschneidung war es zu Komplikationen gekommen. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage. Der behandelnde Arzt wurde inzwischen frei gesprochen. Was bleibt ist der Konflikt über religiöse Praxis.
Viele Christen, Juden und Muslime in Deutschland haben Unverständnis über das Urteil geäußert. Der Koordinationsrat der Muslime wertete den Richterspruch als einen Rückschlag bei der Integration von Muslimen. Der Zentralrat der Juden kritisierte das Urteil als "beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften." Die beiden großen christlichen Kirchen schlossen sich der Kritik an und forderten eine rasche Klärung der Rechtslage.
Das Gericht urteilte, religiöse Beschneidung selbst sei Körperverletzung und deswegen illegal. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes sei höher zu bewerten, als das Recht der Eltern auf freie Religionsausübung. Jungen sollen selber entscheiden, wenn sie religionsmündig seien, so argumentierten die Richter.
Bei säkularen Organisationen ist das Beschneidungsurteil hingegen auf einstimmige Zustimmung und Unterstützung gestoßen. Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) hat das Urteil begrüßt. "Es wurde Zeit, dass die Beschneidung als das gesehen wird, was sie ist: ein strafbarer Eingriff in die körperliche Unversehrtheit von wehrlosen und ihren Eltern ausgelieferten Jungen. Es ist dabei irrelevant, ob diese irreversiblen Verstümmelungen aus religiösen oder anderen ideologischen Gründen durchgeführt werden", sagte Rainer Ponitka, Pressesprecher des IBKA. "Das Urteil stärkt die Rechte der Kinder vor religiösen Übergriffen. Eine Beschneidung ohne eine medizinische Notwendigkeit ist Körperverletzung."
Video: Religionsfreiheit oder Körperverletzung?
Einstellungen, Infos und Kommentare
Diskussionsrunde (v.l.:) Firouz Vladi, Hans-Jürgen Rosin, Otmar Willi Weber, Dr. Helmut Pollähne und Pedro Benjamin Becerra
Moderation: Otmar Willi Weber, Redaktion: Hilke Theessen.
Die Live-Diskussion fand statt in der Volkshochschule Delmenhorst.
Ein Vorbericht zum Anhören:
Welche Folgen hat das Beschneidungsurteil?, [3:56]
Die ganze Diskussion zum Anhören:
Beschneidung - Religionsfreiheit oder Körperverletzung?, [44:00]
Ein Nachbericht zum Anhören:
Religiöse Beschneidung: Ein Nachbericht zur Sendung, [3:36]
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