22. April 2013, 7:50 Uhr
Der Kommentar
In Bremen redet man seit Monaten über die bevorstehende Ansiedlung von Amazon, dem weltgrößten Vertreter im Internet-Versandhandel. Ein dicker Fisch, aber der Konzern ist nicht unumstritten. Man denke nur an die Berichte über miese Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung von Leiharbeitskräften. Da stellt sich doch die Frage: Wollen wir Amazon in Bremen haben? Ein Kommentar von Nordwestradio-Reporter Christian Schwalb.
Ja! Amazon soll kommen. Unbedingt! Es gibt in ganz Deutschland keine Stadt, die es sich leisten kann, einen solchen Ansiedlungswunsch von der Bettkante zu stoßen. Und schon gar nicht Bremen.
1.000 neue Arbeitsplätze sind angepeilt. Dazu Einnahmen aus der Gewerbesteuer – selbst wenn die nur spärlich fließt, wie sich an anderen Amazon-Standorten zeigt. Wirtschaftlich gesehen ist das trotzdem ein "no-brainer". Der König einer Boombranche. Das hat Zukunft, das verspricht Langfristigkeit. Man stelle sich also vor: Die Landesregierung sagt, wir "verzichten" auf Amazon?! "Geht doch lieber woanders hin… wir hier reden lieber über Arbeitslose, Schulden, die Haushaltsnotlage". Das wäre politischer Selbstmord.
Darf das eine kontroverse Diskussion ersticken? Keinesfalls. Ethisch-moralische Fragen müssen erlaubt sein. Zumal Bremen Amazon auch mit Fördergeldern lockt. An der Stelle investiert die Landesregierung Steuergelder. Unsere Steuergelder.
Natürlich muss man darüber reden, wie Amazon mit seinen Mitarbeitern umspringt. Wie sind die Arbeitsbedingungen. Wie ernst nimmt Amazon die Arbeitnehmerrechte -- auch die der vielen Leih- oder Saisonarbeiter. Zahlt Amazon einen Mindestlohn? Da gibt’s den ein oder anderen begründeten Zweifel.
Aber sie deswegen nicht nach Bremen einzuladen? Dann müsste man der halben Bremer Wirtschaft sagen: Ihr seid hier unerwünscht. Atlas. Rheinmetall. EADS. OHB. Vergessen wir nicht die Lürssen-Werft. In Bremen werden U-Boote ausgestattet, Satelliten zur militärischen Ausspähung hergestellt, Drohnen gebaut. Konsequenterweise müsste man die Uni direkt mit schließen! Man erinnere sich nur an die Diskussion um die sogenannte "Zivilklausel", da wurde die Uni wegen einer Stiftungsprofessur als Anhängsel der Rüstungsindustrie verunglimpft.
Und wir Verbraucher, mit unseren hohen moralischen Ansprüchen? Wir müssten dann auch konsequent unsere iPhones aus dem Fenster werfen. Die werden nämlich in China von Firmen hergestellt, gegen deren Arbeitsbedingungen die von Amazon paradiesisch sein dürften.
Gott sei Dank funktioniert das so nicht! Ich behalte mein Smartphone, auch wenn es aus China kommt. Und natürlich gehört die Rüstungsindustrie zu Bremen! Genauso gehört aber auch eine kontroverse Diskussion hier hin. Das muss ein lebendiger Wirtschafts-Standort aushalten. Auch eine Diskussion zu Amazon: Denen darf man, ja: denen muss man auf die Finger schauen.
Mischen wir uns ein, setzen wir Standards für das, was an den Fließbändern passiert. Erstellen wir Kriterien – zum Beispiel, gezielt auch Langzeitarbeitslose zu rekrutieren. Verabreden wir Mitspracherechte für die Mitarbeiter. Fordern wir Mindeststandards ein, nicht nur für den Lohn. Warum nicht auch für den Umweltschutz? Schließlich bewegt Amazon in großem Stil Güter, auf allen denkbaren Wegen.
Für Bremen geht es nicht darum, Bedingungen zu stellen. Es geht darum, sich Gehör zu verschaffen. Verhandlungen zu gestalten. Intelligente Verabredungen zu treffen. Dafür dürfen, dafür müssen sich die Bremer Wirtschaftsförderer einsetzen. Wirtschaftsförderung darf nicht damit enden, von Amts wegen Fördergelder zu verteilen.
Ja! Amazon soll kommen. Betrachten wir diese Ansiedlung als "Chance" – auch in dieser Hinsicht.
Kommentar: Wollen wir Amazon in Bremen?, [3:06]
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