3. Februar 2012, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Die Bremer Kultur hat ein Problem, aber sie redet nicht darüber. Will sie es nicht wahrhaben? Oder gehört die hiesige Öffentlichkeit schon zu jener erstarrten kulturellen "Stockmasse", die hör- und urteilsunfähig geworden ist, wie Preisträgerin Marlene Streeruwitz ihrem Auditorium am 26. Januar in der oberen Rathaushalle vorgehalten hat?
Das Problem – der Bremer Literaturpreis, vor fast sechzig Jahren ins Leben gerufen und bis Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts ein kulturelles Glanzlicht, eine Art "Who is Who" der deutschen Gegenwartsliteratur, droht in völlige Bedeutungslosigkeit zu versinken. Ein Literaturpreis, der sich einst mit den Namen von Paul Celan, Thomas Bernhard, Wolfgang Hildesheimer, Peter Rühmkorf, Peter Weiss, Peter Handke und Christa Wolf schmücken konnte, ist zum blanken Regionalereignis geschrumpft. Mehr noch, der seit längerem unverkennbare Provinzialismus gibt sich nun selber den Namen – "Stadtrand plus". Nomen est omen.
Bremen befindet sich mit seinem Literaturpreis im Blick auf die deutsche Kulturrepublik tatsächlich in einer beklagenswerten Randlage. Schon das den Preis umgebende pädagogische Stützprogramm dokumentiert ja, wie sehr hier die Betrüblichkeit von Geld- und Personalmangel waltet. Einige Unentwegte, von der Politik stiefmütterlich versorgt und von den Kreativen in Wissenschaft und Kultur offenbar abgeschnitten, bemühen sich redlich um ein kulturelles Event. Doch dieser Konsens der Erschöpften scheint sich nach außen immer weniger zu lohnen.
Die überregionale Presse nimmt das Bremer Ereignis so gut wie gar nicht mehr wahr, und selbst die Homepage des ‚Deutschen Literaturarchivs’ Marbach kennt diesen Literaturpreis überhaupt nicht. Er wird einfach nicht aufgeführt in der Liste der fünfzig bedeutendsten Kulturehrungen in Deutschland. Gewiss, in unserem Autoren-Alimentierungsbetrieb mit seinen etwa sechshundert Literaturpreisen und rund vierhundert Stipendien ist es nicht leicht, ein unverkennbares Preisprofil zu bewahren. Und das bei einer Dotierung, die mit zwanzigtausend Euro gerade noch einen Platz im Mittelfeld einnimmt. Nein, die Probleme liegen tiefer, sie sind auch komplizierter. Ein Preis für Marlene Streeruwitz in allen Ehren, die Entscheidung der Jury muss und kann man respektieren. Aber das enthebt uns ja nicht der Frage, was aus einem Preis eigentlich werden soll, der seit Jahren keine wirklich überzeugenden Träger mehr findet.
Von Friederike Mayröcker im letzten Jahr mag man absehen, aber schon die Doppelvergabe an Alexander Kluge verwies auf gleich mehrere Konstruktionsfehler der Bremer Literaturehrung. Die Tatsache, dass die Mitglieder einer Jury aus verschiedensten Richtungen des Landes herbeigeflogen werden, muss kein Manko sein, und auch in Bremen findet man eine kompetente Besetzung des Gremiums vor. Aber wer inspiriert und bewahrt eigentlich das Bremische an diesem Preis, wer verwaltet die Preisidentität, wenn man so will, das Preis-Ego? Versuchen die Beteiligten, seiner großartigen Tradition heute irgendwie gerecht zu werden? Wie will sich die Rudolf-Alexander-Schröder–Stiftung, vor allem aber das Land und die Stadt Bremen weiterhin kulturell darstellen? Ja, es muss allen Ernstes gefragt werden dürfen, warum sich die Hansestadt seit Jahren mit mittelmäßigen Preisträgern zufrieden gibt, und in diesem Jahr mit einer Extremform selbstzermürbender Leidenspoesie? Das kann man legitimerweise so wollen, ohne Frage, aber jede Geschmacksmanifestation solcher Art bringt auch eine bestimmte Ausstrahlung mit sich. Der Preis nimmt eine ganz besondere Sinnfarbe an, eine Art kulturelles Aroma. Das muss und kann man durchaus kalkulieren.
Man sei sich in der Jury unlängst keineswegs einig gewesen, konnte man hören, sogar Enthaltungen habe es gegeben. Aber darüber herrscht nach außen seit je keinerlei Transparenz. Wer im Entscheidungsrennen um den Preis steht, und wie die Jury insgesamt die Spitzenprodukte der deutschen Literaturlandschaft beurteilt, das weiß nur sie allein. Und vor allem, es darf immer nur ein herausragendes Buch prämiert werden, nie dagegen etwa das Lebenswerk eines Autors. Auch damit beschränkt man seine Möglichkeiten unnötigerweise, denn nicht jeder bedeutende Autor hat jeweils ein aktuelles Buch auf dem Markt. Und wie viele deutschsprachige Schriftsteller gibt es doch, die längst den Bremer Literaturpreis hätten erhalten müssen. Vor allem auch zur Ehre des Preises selber.
Was also tun? Sollten sich die Geistreichen und Kreativen in Stadt und Land nicht einmal fragen, ob sie bereit sind, diesen Preissturz weiter hinzunehmen? Ehe sie sich dann mit Recht an die Politik wenden, denn auch die muss begreifen, dass man in Bremen nicht nur Sozialnöte und Finanzdefizite im Blick haben muss, sondern auch den weniger bemerkbaren Kursverfall der Literatur.
Geschichte des Bremer Literaturpreises
1953 als "Rudolf-Alexander-Schröder-Preis" aus der Taufe gehoben
Preisträger seit 1954
Liste in chronologischer Reihenfolge
Marlene Streeruwitz
Trägerin des Bremer Literaturpreises 2012
Info: Der Kommentar
Hier finden Sie ausgewählte Kommentare des Nordwestradios.
Sendezeit:
Mo. - Fr., 7:50 Uhr
Der Kommentar
Afrika - mon amour?
Welche Bilder von Afrika bestimmen den Diskurs in den deutschen Medien? Und welche Folgen haben die Finanzmarktkrise und die Rohstoffspekulation für den "vergessenen Kontinent"? Mehr...
25. Mai, 15:05 Uhr | Nordwestradio
Fontane: Unterm Birnbaum
Der Roman "Unterm Birnbaum" erschien 1885. Das scheinbar abseitigste Werk des alten Fontane wurde kaum beachtet. In zwanzig Kapiteln erzählt Fontane eine Mordgeschichte aus dem Oderbruch, die an ein dörfliches Macbeth-Drama erinnert. Mehr...
Suche
Nordwestradio durchsuchen:
Info und Service