27. Mai 2013, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Die Fußballfans europaweit, ja weltweit begeistert, die nationalen und internationalen Medien voll des überschwänglichen Lobes, die Borussen trotz Niederlage mächtig stolz, die Bayern-Spieler nach ihrem Triumph einfach nur noch freundetrunken. Die Bilanz eines großartigen Championsleague-Abends. Der Nordwestradio-Kommentar von Hans-Heinrich Obuch.
In der Tat: Es war ein großartiges Champions-League-Finale. Es war spannend und schnell, die Spieler kickten risikobereit und einsatzfreudig. Und die fairen Briten als Gastgeber des Spektakels verneigten sich vor den Bayern und den Borussen und nannten deren Auftritt "simply wunderbar".
Da liegt es nahe, als deutscher Fußballfan befriedigt und mit frisch unterfüttertem Selbst- (oder soll ich sagen: National-) Bewusstsein in die Vollen zu gehen. So wie weiland Kaiser Franz, als er nach dem Weltmeisterschafts-Erfolg der von ihm trainierten deutschen Nationalmannschaft 1990 süffisant davon sprach, dass diese deutsche Mannschaft auf Jahre unschlagbar sei.
Und dieser Satz war einer der wenigen Fehlpässe Beckenbauers. Sein Trugschluss: Er glaubte, eine Momentaufnahme zum Langzeitprojekt umwandeln zu können. Und dies gerät gerade im Fußball häufig daneben.
Wir Medien und die selbsternannten Fachleute – Millionen an der Zahl – jubeln das jeweils jüngste Ergebnis hoch, meinen darin eine allgemeingültige Tendenz erkennen zu können, idealisieren den Augenblick, anstatt Maß zu halten und in Demut abzuwarten, wie es denn weitergeht.
Chapeau, Bayern! Kompliment, Borussia! Ich will ja in der allgemeinen Euphorie kein Spielverderber sein, aber den aktuell so brillant auftrumpfenden deutschen Vereinsfußball jetzt auf Wolke Sieben zu hieven und ihn gewissermaßen als Glückversprechen für die Zukunft zu handeln – bitte Vorsicht:
Vor kurzem galt noch das spanische Kurzpass-Spiel "Tiki Taka" als Nonplusultra des Fußballs, davor galten die italienischen Clubs mit ihrem zwar unattraktiven, aber effektiven Defensivkick als Spitze, und den englischen Fußball mit seinem rustikalen Kampfgeist und seinen atemberaubenden Aufholjagden wollen wir auch nicht vergessen.
Zur Zeit stehen die Engländer im Abseits, gelten die Italiener als überaltert, wurden die spanischen Dreamteams Real Madrid und FC Barcelona entmystifiziert und demontiert. So ist das halt mit den Fußballmythen: Sie leben auf und verblühen oft sehr schnell.
Und vielleicht ist es zwei Tage nach Bayerns Erfolg im deutsch-deutschen Finale von Wembley gerade noch nicht zu spät, die große Gemeinschaft der deutschen Fußballfans zu mahnen: Genießt den Erfolg, nehmt ihn aber nicht als Garantie für die Zukunft. Das wunderschöne Paradoxon des Spiels: Es kann von Konzepttrainern und Experten berechnet werden und bleibt doch unberechenbar. Fußball bewahrt sich sein kleines oder auch größeres Stück Anarchie.
In diesem Sinne: Glückwunsch an die Bayern, Verbeugung vor den Borussen. Mal sehen, wer nächster Championsleague-Gewinner wird: Olympique Marseille, FC Porto, Schachtor Donezk? "Schaun mer mal", wie der Kaiser sagt.
Kommentar: Großartiges Champions-League-Finale, [2:35]
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