29. Mai 2012, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Er kann es also doch noch. Günter Grass hat wieder ein Gedicht geschrieben. Während Grass nach seinem missratenen Israel-Iran-Gedicht fast entschuldigend von einem "Prosagedicht" sprach, einem Widerspruch in sich, muss er hier gar nichts entschuldigen.
Das neue Gedicht handelt von Europa und Griechenland, und Grass wählt als Versmaß den Hexameter, den Grundvers des griechischen Epos seit Homer. Das lyrische Ich spricht ein "Du" an, und während der Leser rätselt, wer gemeint sein könnte, findet er die Lösung im letzten Vers: Du, Europa.
Für den Gedichtliebhaber ist es ein Vergnügen, das Versmaß und die historischen wie mythologischen Bezüge zu entdecken; Doppeldeutigkeiten und die Erzählhaltung zu entschlüsseln. Davon bietet das Gedicht reichlich, dennoch ist es leicht verständlich und nicht so hermetisch wie die frühen Gedichte von Grass.
Und der Inhalt? Europa presst Griechenland aus, das Land, das Europa seine Kultur und die Demokratie schenkte. Grass nennt die heutige Haltung Europas gegenüber Griechenland "Europas Schande". Ein Täter schändet sein Opfer, aber die Schande fällt auf den Täter zurück. Das ist Grass’ These.
Ob diese These einer politischen Analyse Stand hält, sei dahin gestellt. Grass ist Dichter. Er hat sich zu Wort gemeldet mit seinem Mittel, dem Gedicht, nicht mit einer politischen Streitschrift. Er stellt keine Forderungen auf, er bietet keine Lösungen an. Er beklagt die Lage – wie der Erzähler in einer klassischen griechischen Tragödie.
Das allerdings tut Grass meinungsstark. Er sieht Griechenland als Opfer und Europa als Täter. Grass ist parteilich. So kennen wir ihn. Manche lieben ihn so, andere verurteilen ihn deswegen. Aber immer regt er den Diskurs an, dieses Mal wirklich mit den Mitteln eines Dichters. Wann erleben wir es schon, dass ein paar Hexameter für Aufsehen sorgen. Und das in der europaweiten Diskussion um eine angemessene Griechenland-Politik. So geht Gedicht heute.
Kommentar:
So geht Gedicht heute - Günter Grass' Gedicht "Europas Schande" , [2:09]
Info: Der Kommentar
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