25. Oktober 2011, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Man ahnt, wie auch diese Debatte wieder ausgehen wird. Dass es sich bei den drei deutschen Stadtstaaten um Wunschkinder der Verfassung handelt. Dass Bremen, das Bundesland mit dem nach Berlin höchsten Schuldenstand pro Einwohner, deswegen kein Unglückskind ist. Man ist ja auch zweiter, nach Hamburg, wenn es um das Bruttoinlandsprodukt geht. So viel Köhlerglauben, und das seit so vielen Jahren.
Hört man sich um im Rest der Republik, dann überwiegt, was in dieser Woche einmal mehr der "Spiegel" aufrechnet: Dass die Bremer im deutschen Bundesstaat nur noch für die Rolle gut sind, die die Griechen in der Europäischen Union einnehmen. Chronisch klamm, daher nicht mehr zu retten. Nicht wegzukriegen allerdings auch. Das Grundgesetz sichert den Ländern eine weitreichende Bestandsgarantie.
Was also soll die Debatte? Auch da geht es den Deutschen mit ihren Hanseaten wie den Europäern mit ihren Hellenen. Hat man sich erst einmal an das Geld anderer Leute gewöhnt, ist es mit der Geniertheit vorbei. Der Staat, der mit leeren Händen gibt, ist längst der Normalfall. Normal ist auch die Klage danach. Vor allem, weil die ausnahmsweise nichts kostet. Macht mittlerweile aber auch nicht mehr viel her.
Wer leidenschaftslos auf Bremen schaut, wird schnell feststellen: Das Land ist weder Stadtstaat im klassischen Sinn, wie Hamburg oder Berlin, noch eine Zwei-Städte-Staat, gemäß der Formel, aus der die Bremerhavener ihr Selbstverständnis herleiten. Es ist, bestenfalls, eine Art Samtgemeinde, mit einer Kernstadt, in der nicht viel mehr als 35. 000 Einwohner leben, und einem diese umschließenden Zersiedelungsrand. Man kann von so weit her kommen wie man will auf diesem Terrain und wird doch erst 500 Meter vor dem Hauptbahnhof mit "Willkommen in Bremen" begrüßt.
Land zu sein und als Stadt nichts gelten zu wollen ist das eigentliche Unglück der Bremer. Sie haben sich jeder Zentralität und damit der Urbanität verweigert, die die Anziehungskraft und Prosperität von Metropolen ausmacht. Man muss sich nur Frankfurt mit in etwa so vielen Einwohnern wie das Bundesland Bremen anschauen. Es hält mühelos zwei in nächster Nähe gelegene Landeshauptstädte und die ehemalige Residenzstadt Darmstadt in Schach. Bremen dagegen scheitert selbst im Wettbewerb mit niedersächsischen Gemeinden wie Brinkum und Stuhr.
In Thomas Manns Roman "Die Buddenbrooks" prophezeien die Lübecker Pfeffersäcke, Frankfurt gehe, nach dem Verlust der Reichsunmittelbarkeit, als Handelsplatz seinem Ende entgegen. Lübeck verlor erst gut hundert Jahre danach seine territoriale Eigenständigkeit. Wirtschaftlich hat es zu der Zeit schon keine große Rolle mehr gespielt. Frankfurt dagegen zog im 20. Jahrhundert uneinholbar davon.
Was, von den Griechen an der Weser, zu lernen wäre aus dieser Geschichte? Dass man es besser als Stadt, und nicht als Stadtstaat versuchen sollte, mit einer geordneten, und nicht der jetzigen, rückständigen Infrastruktur. Dass Wunschkinder, auch die der Verfassung, irgendwann aus dem Haus und sich ein eigenes Leben aufbauen müssen. Bremen wäre, an seiner realen Ausdehnung gemessen, eine Millionenstadt, und Bremerhaven ein Fall für eigene Wege. Ein Schuldenschnitt muss dafür her, und ein Schnitt ins territoriale Gefüge des Landes.
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