15. November 2012, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Jörg Kastendiek wurde auf einem außerordentlichen Landesparteitag zum neuen Vorsitzenden der Bremer CDU gewählt. Er wird Nachfolger von Rita Mohr-Lüllmann. Diese war nach nur knapp einem Jahr von ihrem Amt zurückgetreten. Zu stellvertretenden Landesvorsitzenden wählten die Delegierten Jens Eckhoff und Elisabeth Motschmann. Kastendiek übernimmt eine schwere Aufgabe, meint Radio-Bremen-Redakteur Guido Schulenberg.
CDU – diese drei Buchstaben stehen seit Monaten in Bremen für "Club der Untergehenden".
Jetzt hat diese Partei mit dem erklärten Willen zur Selbstzerstörung ein Rettungsteam gebildet. Sie hat wohl erkannt, dass mit Profilierungssüchten kein Staat zu machen ist – schon gar nicht im Lande Bremen. Denn hier sind in der Bevölkerung erhebliche Grundzweifel vorhanden, ob eine CDU überhaupt zur politischen Kultur dieses Landes passt.
Die vergangene Bürgerschaftswahl hat die CDU des Landes stark erschüttert. Der Machtverlust vier Jahre zuvor war noch nicht verdaut. 2011 gab es noch mal einen obendrauf: hinter den Grünen nur auf Platz drei. Der geplante Neuanfang ist danach gründlich missraten. Statt mit Öl das Getriebe des schlingernden Parteischiffes wieder flott zu machen, wurde Öl ins Feuer gegossen. Es brannte lichterloh, keiner machte die Schotten dicht. Welcher Wähler will da an Bord gehen?
Nicht einmal die Parteimitglieder haben das ausgehalten. Der Schatzmeister beklagte Verluste durch Austritte – ein Alarmzeichen. Auf dem Parteitag in Vegesack wurde dieses Signal von einer großen Mehrheit anscheinend verstanden. Es wurde sich gegenseitig die Hand gegeben, hier geherzt, da geküsst. Die Streitlust war allen vergangen.
Jörg Kastendiek war wohl selber überrascht von so viel Harmonie. Dennoch tat er gut daran, nicht so zu tun, als sei nichts passiert. Er warnte davor, alle Verletzungen nun mit einer Harmoniesoße zu verdecken, warb offen für eine christliche Tugend: sich gegenseitig zu verzeihen.
Wenn Wahlergebnisse ein Zeichen von Verzeihung sind, dann ist gestern Abend schon manches verziehen worden – unterfüttert von Redebeiträgen, denen die Sehnsucht nach politischem Streit mit den Regierenden und nicht mit sich selbst anzumerken war. Von Brücken, die in die Partei hinein zu bauen seien, war da die Rede, das Wort "gemeinsam" wurde zigfach bemüht. "Wir wollen an einem Strang ziehen!" wurde unter Applaus in den Saal gerufen.
Erste Konturen für die inhaltliche Debatte wurden kämpferisch vorgetragen: mehr Sicherheit für ältere Mitbürger, mehr Windkraft, eine moderne Großstadtpartei wolle man werden, Mitgliederbefragungen zulassen, mutige 30 Prozent plus als Ziel für die nächste Bürgerschaftswahl ausgegeben.
Es wurde deutlich: Der schlingernde Schrottdampfer CDU soll von einem Rettungsteam zu einem Schnellboot für Massengut umgebaut werden. Jörg Kastendiek muss beweisen, dass er nicht auch nach wenigen Monaten als Leichtmatrose empfunden wird. Er wird Lotse für eine CDU sein müssen, die auch Club der U-Boote heißen könnte. Denn an diesem parteiinternen Schiffeversenken ist seine Vorgängerin gescheitert.
Jörg Kastendiek übernimmt eine schwere Aufgabe: aus Bremens CDU zunächst einen Club der Überlebenden zu formen, der dann nach und nach in die Lage versetzt wird, das zu tun, was von ihm erwartet wird: Volle Oppositionsfahrt voraus!
Info: Der Kommentar
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