6. November 2012, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Damit die Energiewende gelingt, muss der Strom von der Küste ins Binnenland transportiert werden. Ein Gebiet, durch das eine neue Trasse verlaufen soll, ist der Landkreis Emsland. Dort soll eine Trasse von Dörpen bis ins Ruhrgebiet führen. Am 5. November beschäftigte sich der emsländische Kreistag mit dem Raumordnungsverfahren zur 380-KV-Leitung. Doch die Emsländer fragen sich, warum sie für die Energiezukunft anderer ohne Gegenleistung bezahlen sollen. Zum Thema der Nordwestradio-Kommentar von Peter Kliemann.
Der Emsländer an sich ist ein Gemütsmensch. Er ist geduldig, zeigt sich einsichtig in die Belange der Obrigkeit und nimmt letztlich Vieles mit stoischer Ruhe hin. So haben sie es entlang der Ems immer gehalten. Als schon keiner mehr Atomkraftwerke wollte, haben die Emsländer der Kernkraftlobby Asyl gewährt. In Lingen entstanden gleich zwei KKE*s (*Kernkraftwerk Emsland, Anmerkung der Redaktion) nacheinander. Ebenso haben sie es beim Transrapid gehalten. Dörpen statt Donauried hieß es 1977, als Bürgerproteste der ansonsten ebenfalls als obrigkeitsgläubig geltenden Bayern den Bau einer Versuchsstrecke parallel zur Donau verhinderten.
Aber irgendwann ist es vorbei mit der Gemütlichkeit und dem Glauben daran, dass die es da oben schon richten werden. Erstmals bei dem geplanten Kohlekraftwerk in Dörpen zeigten die Emsländer, dass sie längst nicht mehr gewillt sind, alles und jedes klaglos hinzunehmen. Selbst in den eigenen Hochburgen wehte der oft selbstgefälligen CDU der Gegenwind kräftig um die Ohren.
Und nun die 380-KV-Trasse. Eigentlich auch heute für die Emsländer kein Problem. Die Einsicht in die Notwendigkeit ist vorhanden. Die Energiewende kann nur funktionieren, wenn der Strom dorthin gelangt, wo er gebraucht wird. Aber muss das mittels riesiger, neuer Stahlmasten passieren? Müssen die Belange von Naturschutz und Tourismus darin völlig untergehen? Warum sollen die wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten kleiner Gemeinden oder der Landwirtschaft auf dem Altar der Energiewende geopfert werden? Warum müssen die Emsländer für die Energiezukunft anderer ohne Gegenleistung bezahlen?
Nicht zuletzt durch die Ansiedlung andernorts ungeliebter Projekte ist das Emsland wirtschaftlich stark und selbstbewusst geworden. Es war eine jahrzehntelang dominierende CDU, die für den Weg vom Armenhaus der Nation zum finanzkräftigen Underdog sorgte. Doch ausgerechnet die fast allmächtigen Christdemokraten haben durch gelegentlich selbstherrliche Entscheidungen für ein Umdenken in der Bevölkerung gesorgt. Und wer nicht mehr nach jedem Strohhalm greifen muss, erlaubt sich schon mal Kritik.
Der Stromtrassenverlauf ist sicher kein "Stuttgart 21". Aber auch im Emsland sind die Bürger kritisch geworden. Der Landrat hat mit der breiten Diskussion und Bürgerbeteiligung im Vorwege der Entscheidung das einzig richtige Signal gegeben: Wir haben verstanden! Hoffentlich auch die Planer und Macher der Energiewende in Hannover und Berlin!
Der Kommentar zum Anhören:
Protest gegen 380-KV-Trasse im Emsland, [2:24]
Mehr zum Thema:
Streit um Hochspannungsleitung im Emsland
Info: Der Kommentar
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Sendezeit:
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