2. Juli 2012, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Die EM wird bei vielen gemischte Gefühle zurücklassen. Die Faszination am Sport und die genüsslichen Debatten um richtige Aufstellungen und falsche Auswechselungen wurden von Anfang an überlagert.
Zum einen von der Politik. Von der Boykott-Debatte um den ukrainischen Staatschef Viktor Janukowitsch bis zur Krise um den Euro, die sich zunehmend mit der Euro vermischte. Die schuldengeplagten Länder Südeuropas suchten zu beweisen, dass sie wenigstens auf dem Fußballfeld den übermächtigen Deutschen Paroli leisten könnten. Man stelle sich bloß vor, Deutschland hätte auch noch im EM-Finale dominiert.
Zum andern sorgte die Uefa selbst für Verdruss. Sie vergab die EM in die Ukraine, obwohl ihre eigenen Gutachter abrieten. Der Fußball in der Ukraine liegt fest in Händen einiger superreicher Oligarchen, die eng mit der Politik verbandelt sind. Einer von ihnen, Grigorij Surkis, ist zugleich Uefa-Landeschef der Ukraine, ein enger Vertrauter wiederum von Uefa-Gesamtchef Michel Platini. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Dieselbe Uefa sorgte dafür, dass Protestplakate von Europaabgeordneten gegen die Inhaftierung von politischen Gegnern im Fernsehen nicht gezeigt wurden und unliebsame Fragen in Pressekonferenzen abgewürgt wurden.
Aus Versehen wurde an zwei kleinen Szenen sichtbar, wie allgegenwärtig diese Uefa die EM regierte: Jogi Löw, der einem Balljungen nur scheinbar live den Ball wegschnipst, und die Träne, die einer deutschen Besucherin nur scheinbar live über die Wange rinnt. Klar wurde, dass die Uefa eine von ihr beauftragte Firma über das Weltbild entscheiden ließ, das aus den EM-Stadien um den Globus geschickt wurde. Das ist Zensur. Die Uefa entscheidet über das Bild, das wir uns von der EM machen. Ein geschöntes Bild.
Dieselbe Uefa zerrte den dänischen Spieler Bendtner vor ihre eigene Gerichtsbarkeit, weil er einen Werbeschriftzug auf seiner Unterhose entblößt hatte – die Werbemillionen, die es mit dem Spektakel namens EM zu verdienen gibt, stehen einzig der Uefa zu, so die Botschaft.
Und doch haben Millionen Menschen weltweit die Faszination am Fußball in Fanmeilen und Wohnzimmern genossen, und sei es nur, um mal 90 Minuten nicht an den Euro denken zu müssen.
Und doch schimmert hinter dem Millionengeschäft die alte völkerverbindende Idee des Sports durch, wenn Millionen Menschen weltweit zur selben Zeit gebannt auf dieselben Torschüsse blicken. Auch diese Art des Gemeinschaftserlebnisses mag man als eine Form der Globalisierung, des Zusammenwachsens würdigen. Ein schönes Bild.
Und während in Brüssel über das weitere Zusammenwachsen des finanziellen und politischen Europa gerungen wird, um den Zerfall der bisherigen EU abzuwenden, während Staatenlenker und Bürger sich sorgen, ob von ihrem Deutschland, ihrem Griechenland dann noch etwas Eigenständiges übrig bleiben würde – zur selben Zeit konnten wir bei der Euro besichtigen, wie unabhängige Mannschaften aus souveränen Staaten ein gemeinsames europäisches Turnier, ein europäisches Ganzes geschaffen haben. Zwar vorübergehend, aber ein hoffnungsvolles Bild.
Sport kann nicht so tun als könne er sich komplett raushalten aus der Politik, Sport kann politische Probleme auch nicht lösen. Sport kann auch nicht besser sein, als die Gesellschaft, in der er stattfindet.
Aber die Uefa könnte ihre Werbe-, Lizenz- und Ticketmillionen und die dadurch gewonnene Macht nutzen, um positiv Einfluss zu nehmen. Sie könnte die guten alten Werte des Sports wie Fairness und Respekt nicht nur zu TV- Spots verarbeiten, sondern von den Janukowitschs dieser Welt auch gegenüber politischen Gefangenen einfordern. Die EM zwischen dem geschönten Bild der Uefa und dem schönen Bild des Völker verbindenden Sports hinterlässt gemischte Gefühle.
Kommentar: Die EM 2012 hinterlässt gemische Gefühle , [3:35]
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