22. Oktober 2012, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Dass man ein Kamel nicht durch ein Nadelöhr kriegt, außer in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht, das weiß jedes Kind. Der Versuch wäre sogar strafbar, Tatbestand Tierquälerei.
Die Hafenlogistiker in Bremen und Niedersachsen sind eigentlich kluge Leute. Sie halten sich viel darauf zugute, Waren von A nach B zu befördern, schnell, effizient und funktional. So ihr Anspruch, Schulterklopfen inklusive.
Tatsächlich sprechen die Wachstumsraten beim Hafenumschlag für sie. Man hat auf die Globalisierung reagiert, die Warenströme an die richtigen Stellen geleitet und die Umschlagkapazitäten erweitert. So gesehen steht man an der Küste gut da.
Vorausgesetzt, die wirtschaftliche Entwicklung bleibt einigermaßen stabil, ist beim Güterverkehr mit einem Vielfachen der heutigen Frachtraten zu rechnen. Kein Problem, suggerieren Wirtschaft und Politik. Wir sorgen vor.
Drei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: Jade Weser Port Wilhelmshaven, für Großcontainerschiffe der nächsten Generation errichtet. Einzig der Bahnanschluss lässt auf sich warten.
Brake an der Unterweser, ein Hafen, der vom Massengut lebt. Ein zweiter Liegeplatz am Niedersachsenkai ging dort in diesem Jahr in Betrieb. Das Gleisnetz am Hafen wurde entsprechend erweitert. Die Ablaufstrecke blieb, wie sie war.
Zusätzliche Aufstellgleise für Vollzüge schafft die Bremische Hafeneisenbahn in Bremerhaven. Irgendwann müssen die allerdings raus. Auf dem Weg nach Bremen kommen sich Güterzüge, Regionalbahnen und die S-Bahn konsequent in die Quere.
Logistik geht eigentlich anders. Die Häfen im Nordwesten sind Eisenbahnhäfen. Die letzte nennenswerte Investition in die dafür erforderliche Infrastruktur war die Elektrifizierung der Zulaufstrecken in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts.
Das Nadelöhr, durch das man das Kamel nicht kriegt, weil das allen Gesetzen der Physik widerspricht, liegt in Bremen. Der Hauptbahnhof dort, mit seinem Richtungsgleisbetrieb, lässt sich nicht erweitern. An ihm vorbei führt kein Weg.
Genau darum aber ginge es, wollte man Logistik für mehr nehmen als Kranführerarbeit an den Kajen. Die Infrastruktur für das große Geschäft, das in den Häfen abläuft, ist marode. Augen zu und nicht durch, so halten es Wirtschaft und Politik.
Wenn die Deutsche Bahn jetzt ihre Planungen für eine Y-Trasse nach Bremen und Hamburg überdenkt, kann man das nur begrüßen. Ein solches Projekt zu realisieren, das wäre der zweite Schritt vor dem ersten.
Der erste Schritt kann nur sein, den Hauptbahnhof Bremen mit einer Güterumgehungsbahn zu entlasten. Das Vorhaben liegt seit vier Jahrzehnten auf Eis. Wer Logistik nicht für ein Kinderspiel hält, muss dafür sorgen, dass es zeitig umgesetzt wird.
Dafür allerdings bräuchte man, in Bremen wie in Niedersachsen, Politiker, die nicht auf Logistik-Kongressen noch ein Tänzchen wagen, in eigener Sache. Anpacken bitte, das ist nicht die schlechteste Tugend. Beherrscht man sie nicht, heißt es irgendwann einpacken.
Kommentar von Gerald Sammet:
Kein Kamel durchs Nadelöhr oder Hafen-Hinterland-Verkehre, [3:15]
Info: Der Kommentar
Hier finden Sie ausgewählte Kommentare des Nordwestradios.
Sendezeit:
Mo. - Fr., 7:50 Uhr
Lesebuch: Anna Seghers
In den aktuellen Folgen des Lesebuchs hören Sie den Roman "Aufstand der Fischer von Sankt Barbara" von Anna Seghers. Mehr...
radiobremen.de nun auch mobil
Seit Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. Das gilt natürlich auch für die Homepage des Nordwestradio. Mehr...
Info & Service
Plattdeutsches bei Radio Bremen
Mögen Sie Plattdeutsch? Oder wollen Sie es lernen? In unserem Plattdeutsch-Spezial bieten wir Ihnen einen Anfängerkurs mit den wichtigsten Regeln und vielen Übungen. Mehr...
Neues Digitalradio-Angebot
Radio Bremen hat ein neues Digitalradio-Angebot gestartet. Damit können Sie das Nordwestradio in rauschfreier Qualität empfangen. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Werder Bremen: Neuer Trainer Dutt wird heute vorgestellt
Bessere Arbeitsbedingungen: ENO-Mitarbeiter treffen sich zu Betriebsversammlung
Streit um Beratungsstelle: SPD-Fraktionschef will Rat und Tat-Zentrum erhalten
Böhrnsens Türkei-Reise: "Wichtig, sich mal sehen zu lassen"