25. Juli 2012, 7:50 Uhr
Der Kommentar
Na, das war doch klar: Kaum wird der Kino-Attentäter von Aurora dem Gericht vorgeführt – noch liegen seine Motive völlig im Unklaren – da wissen angeblich enge Bekannte immerhin schon eines über den 24-Jährigen zu berichten: Er sei von Gewaltspielen geradezu besessen gewesen. Das Puzzleteil fügt sich perfekt ins Gesamtbild: wirre, orange gefärbte Haare, starrer Blick, ein von Computerspielen zerrüttetes Gemüt.
Hier greift ein Erklärungsschema, das so schlicht wie bequem ist. Denn oft genug verläuft in der immergrünen Debatte um einen Zusammenhang von Mediengewalt und realer Gewalt der Graben zwischen den Generationen. Wer nicht mit "Super Mario", "Space Invaders" oder deren Nachfolgern aufgewachsen ist, dem sind Computerspiele per se nicht geheuer. Und Phänomenen, die man nicht kennt und nicht kennen will, schreibt man leicht negative Auswirkungen zu. Zumal auch viele Neurologen und Pädagogen den angeblich erwiesenen Zusammenhang zwischen virtueller und realer Gewalt wie ein Mantra vor sich hertragen.
Einigen naheliegenden Fragen weichen sie mit ihren Studienergebnissen aber aus: Bewegen wir uns mit der Generation der "Digital Natives" also zwangsläufig auf eine abgestumpfte Gesellschaft zu? Haben seit der Entwicklung der "Ego-Shooter" genannten Spiele vor 30 Jahren Gewaltausbrüche und Amokläufe zugenommen? Sind Amokläufe nicht ein uraltes Phänomen, und ist nicht die Menschheitsgeschichte angefüllt mit extremer Gewalt – die keine Vorbilder aus Film, Fernsehen und Konsole hat?
Wie auch immer man diese Fragen für sich beantworten will, eines bleibt festzuhalten: Die Medien-Debatte steckt in den Jahrhunderte lang eingeübten Denkmustern fest. Bevor es das Kino gab, unterstellten die einschlägigen Experten auch Büchern, zur Gewalttätigkeit anzuleiten: Als Folgen einer übermäßigen Lesewut wurden Symptome wie Oberflächlichkeit, Zerfahrenheit und Blasiertheit genannt.
Ein schädlicher Einfluss der so genannten Schundliteratur auf die Seelen von Kindern und Jugendlichen galt als sicher. Solange, bis ein anderes, moderneres Medium die Rolle des Prügelknaben besser ausfüllte. Die Argumente der Gegner von gewalttätigen Computerspielen und Filmen fügen sich also in eine lange kulturpessimistische Tradition.
Schauen wir auf die andere Seite des Grabens: Da steht eine Industrie, die jedes Jahr rund 40 Milliarden Dollar umsetzt – und somit noch erfolgreicher und wirkungsmächtiger ist als die Filmindustrie. Computerspiele sind kein Nischenprodukt, vor dem man Kinder und Jugendliche schützen muss oder sollte. Sie sind längst Alltagsphänomen und fester Bestandteil der Jugendkultur.
Diese Tatsache zu akzeptieren, heißt sicher nicht, gutzuheißen, wenn in Ego-Shootern reihenweise Menschen niedergemäht werden und das Blut nur so spritzt. Aber es heißt, wahrzunehmen, dass die Branche eine weit breitere Palette bietet als bloße Ballerspiele. Und dass Jugendliche in solchen brutalen Spielen – wie überall – eben auch den harmlosen Reiz des Verbotenen suchen.
Der Attentäter von Aurora hat wahrscheinlich bis zu seiner schrecklichen Tat seine Gewaltphantasien am Computer ausgelebt. Das hat er mit Millionen anderen Spielern weltweit gemein, die weiter friedlich ihr Leben leben. Was ihn von diesen unterscheidet und zum Attentäter gemacht hat, ist eine Frage, auf die es letztlich keine befriedigende Antwort geben wird. Und eine reflexhafte Debatte um Gewalt in Computerspielen und Filmen wird das auf keinen Fall ändern.
Kommentar von Bernd Scholz:
Die reflexhafte Debatte um Gewalt in den Medien, [3:17]
Batman-Film: The Dark Knight Rises
Blockbuster am Abgrund
Info: Der Kommentar
Hier finden Sie ausgewählte Kommentare des Nordwestradios.
Sendezeit:
Mo. - Fr., 7:50 Uhr
Lesebuch: Anna Seghers
In den aktuellen Folgen des Lesebuchs hören Sie den Roman "Aufstand der Fischer von Sankt Barbara" von Anna Seghers. Mehr...
radiobremen.de nun auch mobil
Seit Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. Das gilt natürlich auch für die Homepage des Nordwestradio. Mehr...
Info & Service
Plattdeutsches bei Radio Bremen
Mögen Sie Plattdeutsch? Oder wollen Sie es lernen? In unserem Plattdeutsch-Spezial bieten wir Ihnen einen Anfängerkurs mit den wichtigsten Regeln und vielen Übungen. Mehr...
Neues Digitalradio-Angebot
Radio Bremen hat ein neues Digitalradio-Angebot gestartet. Damit können Sie das Nordwestradio in rauschfreier Qualität empfangen. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Werder Bremen: Neuer Trainer Dutt wird heute vorgestellt
Bessere Arbeitsbedingungen: ENO-Mitarbeiter treffen sich zu Betriebsversammlung
Streit um Beratungsstelle: SPD-Fraktionschef will Rat und Tat-Zentrum erhalten
Böhrnsens Türkei-Reise: "Wichtig, sich mal sehen zu lassen"